Eine Unglücksstelle nach einem schweren Zugunglück in Langenweddingen während der Bergungsarbeiten
Die Unglücksstelle nach dem schweren Zugunglück in Langenweddingen während der Bergungsarbeiten. Bildrechte: dpa

06. Juli 1967: Zugunglück in Langenweddingen Das schwerste Zugunglück in der Geschichte der DDR

Wie oft ist vom so wichtigen Detail die Rede, das großes Unheil auslösen kann, oder von einer Verkettung unglücklicher Umstände? Auf das schwerste Eisenbahnunglück der DDR-Geschichte trifft beides zu. Vor 50 Jahren ereignete sich in der Nähe von Magdeburg eine Katastrophe.

von Sven Hecker

Eine Unglücksstelle nach einem schweren Zugunglück in Langenweddingen während der Bergungsarbeiten
Die Unglücksstelle nach dem schweren Zugunglück in Langenweddingen während der Bergungsarbeiten. Bildrechte: dpa

Ein Kabel, ein schlampig verlegtes Post-Kabel wird zum Auslöser einer Katastrophe – des schlimmsten Zugunglücks in der DDR. Die, die es überleben, tragen dennoch schwer an den Folgen.

Irgendwie bin ich aus dem Zug noch rausgekommen. Es war das Grausamste, was ich überhaupt in meinem Leben erlebt habe. Ich muss sagen, wenn der Tag ran ist, der 6. Juli, das vergisst man Zeit seines Lebens nicht.

Barbara aus Stendal, Überlebende des Zugunglücks

Der 6. Juli 1967: Die Sommerferien haben begonnen. Vorfreunde im Personenzug, der gegen 8 Uhr morgens den Magdeburger Bahnhof Richtung Harz verlässt, mit insgesamt 250 Reisenden. Im ersten Doppelstockwaggon, hinter der Lok und einem Packwagen, sitzen 50 Kinder. Sie sind auf dem Weg ins Ferienlager nach Thale. Barbara aus Stendal, damals eine junge Frau, will an diesem Tag nach Halberstadt:

Jedenfalls bin ich in den Zug eingestiegen, wo die ganzen Kinder waren. Erst in den zweiten Waggon. Irgendwie hab ich gedacht: Nimmst du ein Buch mit, kannst du lesen, steigst du aus, steigst in den dritten Waggon. Das war mein Glück im Unglück, muss ich sagen.

Barbara, Insassin und Überlebende

Als sich der Zug wenig später dem kleinen Bahnhof von Langenweddingen nähert, nimmt das Unheil seinen Lauf. Am davor liegenden Bahnübergang will der Wärter die Schranken herunterlassen. Doch ein Postkabel, das schon seit ein paar Tagen herunterhängt, verfängt sich an einer der Schranken. Alle Befreiungsversuche scheitern, die Schranke bleibt offen, das Einfahrtsignal fatalerweise auf grün.

Dem Fahrdienstleiter gelingt es noch, einen Bus mit einer Signalflagge zu stoppen. Doch den Tanklastzug, der sich von der Gegenseite nähert, kann er nicht sehen. Und auch das Zugpersonal erkennt die Gefahr erst kurz vorm Bahnübergang. Trotz der Notbremsung kommt es zur Kollision. Der Tanklastzug wird gegen den Zug geschleudert, der Tank platzt, Benzin spritzt in die ersten beiden Doppelstockwagen. Jutta Hermann ist damals als Ferienkind unterwegs:

So eine Explosion, so eine schreckliche Explosion vergesse ich mein ganzes Leben nicht. Die Fensterscheiben waren geborsten, ein Kind neben mir rang nach Luft. Ich bin dann noch gestürzt, ging alles ganz schnell, und die Kinder haben geschrien: 'Es ist Krieg, es ist Krieg!'

Jutta Hermann, Insassin und Überlebende des Zugunglücks
Aufräumarbeiten nach einem schweren Zugunglück in Langenweddingen
Helfer bei den Aufräumarbeiten Bildrechte: dpa

Die Rettungsarbeiten der Feuerwehrleute und Helfer werden noch erschwert: In den Waggons herrscht eine enorme Hitze. Und es fehlen Hydranten in der Nähe. So muss zunächst eine Wasserversorgung vom Dorfteich organisiert werden. Bis die ersten Krankenwagen eintreffen, bringen Auto- und Busfahrer aus Langenweddingen die Verletzten in naheliegende Krankenhäuser. Dort werden Operationen abgebrochen und Betten geräumt. Ärzte und Schwestern kämpfen in 12-Stunden-Schichten um Leben und Gesundheit der Unglücksopfer.

Feuerwehrleute, Soldaten unserer Nationalen Volksarmee, Volkspolizisten, Helfer des Deutschen Roten Kreuzes kämpften und rangen um jedes Menschenleben. Doch für viele gab es nicht mehr Rettung, nicht mehr Hilfe ...

Bericht des DDR-Rundfunks vom Staatsakt für die Toten des Unglücks

94 Menschenleben fordert das Unglück, darunter 44 Kinder, dazu zahlreiche Schwerverletzte. Mit einem Staatsakt werden die Todesopfer wenige Tage später in Magdeburg beigesetzt.

Hunderttausende in den Betrieben und auf den Straßen Magdeburgs vereinen sich nun zu einer Minute der Arbeits- und - Verkehrsruhe.

Bericht des DDR-Rundfunks vom Staatsakt für die Toten des Unglücks
Gedenkstein in Langenweddingen für Zugkatastrophe 1967
Heute erinnert in Langenweddingen ein Gedenkstein an die Opfer des Zugunglücks. Bildrechte: dpa

Für die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer beginnt oft ein langer Leidensweg. Auch viele Helfer werden die grausigen Bilder nicht los. Dazu kommen Fragen: War die Zahl der Opfer nicht noch höher als offiziell vermeldet? Welche Rolle spielten marode Technik, unzeitgemäße Dienstanweisungen, mangelhafte Aufsicht und systematische Schlamperei? Eine öffentliche Debatte dazu ist in der DDR nicht erwünscht.

Als Verantwortliche werden der Fahrdienstleiter und der Bahnhofsvorsteher zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Schrankenwärter verübt Suizid. Die Behörden ziehen Konsequenzen aus dem Unglück: Wenige Monate später werden die Vorschriften für den Transport gefährliche Güter geändert, ebenso die Regelungen an Bahnübergängen.

Zuletzt aktualisiert: 06. Juli 2017, 00:00 Uhr

Sendungsinformationen

Kalenderblätter bei MDR KULTUR - Das Radio

Kalenderblätter bei MDR KULTUR - Das Radio

Mo-Fr: 6:40 Uhr
Sa: 6:45 Uhr
So: 8:45 Uhr

Wiederholung:
Mo-Sa: 10:40 Uhr
So: 13:45 Uhr

die neuesten Kalenderblätter