Posttraumatische Belastungsstörung Wie lebt man, wenn der Krieg im Kopf weitergeht?

Wenn Soldaten der Bundeswehr von Auslandseinsätzen zurückkehren, kommt es immer häufiger zu psychischen Erkrankungen. Viele leiden an einer "Posttraumtischen Belastungsstörung". Noch Jahre später kommen die Erinnerungen wieder hoch. Wie lebt man, wenn der Krieg im Kopf weitergeht?

von Tom Schimmek, MDR KULTUR

Als Manfred, heute 41, 2003 aus Afghanistan zurückkehrte, schien ihm das deutsche Leben plötzlich oberflächlich und belanglos. Er merkte damals schon, dass etwas nicht mit ihm stimmte. Er sei manchmal ausgetickt. Und zog schnell in den nächsten Einsatz.

Im Kosovo war anfangs alles ruhig. Die deutschen Soldaten patrouillierten durch Prizren, doch Mitte März 2004 eskalierte die Lage. Über 50.000 Kosovo-Albaner attackierten die serbische Minderheit. Während es in der Stadt brannte, mussten die Soldaten das UN-Gebäude bewachen. Drei Tage später hieß es: Freiwillige vor, Leichen suchen.

Manfred hat eine Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS. Er fühlt sich oft unsicher: Unter vielen Menschen, unter Fremden, in der Bahn, auf der Berliner Stadtautobahn, wenn sich im Tunnel der Verkehr staut. Bestimmte Situationen oder Reize können Panik auslösen.

Und dann kam die so hier rüber, so ein Riesenteil. Und dann bin ich hier runter, auf die Erde, in Deckung gegangen. Ich hab gedacht: Jeden Moment knallt das, ich hab nur noch auf den Donner gewartet. Und dann kam nichts. Und dann löst sich das irgendwann auf, aber das dauert. Wenn du dann begreifst, ist ja nur ’ne Sternschnuppe gewesen. Du bist ja zuhause, es kann ja nichts passieren.

Manfred, Bundeswehrsoldat

Christore Viehweger war sechs Mal im Einsatz, 2003 auf dem Balkan, dann bis 2012 immer wieder in Afghanistan. Sie war längst "Zivilistin", als sie erkrankte. "Wenn ich meinen Mann nicht hätte, wäre ich nicht mehr die, die hier steht", sagt sie. Jobst Viehweger war auch Soldat, bei der NVA und der Bundeswehr.

Ich hab’s erlebt wie es durchgeschlagen hat in einer Situation, die ich nie erwartet hätte. Wie das so ist bei der Erkrankung. Das schlägt immer dann durch, wenn man nicht damit rechnet.

Jobst Viehweger über die PTBS-Erkrankung seiner Frau

Eine Krankheit – viele Symptome

Die PTBS kann jeden treffen. Sie entsteht als Reaktion auf belastende Ereignisse von außergewöhnlichem Umfang oder katastrophalem Ausmaß. Die Krankheit wurde erstmals 1980 im US-amerikanischen Leitfaden psychischer Störungen beschrieben. Als "Kernsymptome" gelten Wiedererleben, in Form von Erinnerungen oder Flashbacks, Vermeidungsverhalten, Angst, Reizbarkeit und das sogenannte "Numbing", die Verflachung aller Interessen und Gefühle.

PTBS sei ein "ganz bunter Strauß" von Symptomen, sagt Oberfeldarzt Heinrich Rau, Psychiater und Psychotherapeut am Bundeswehrkrankenhaus Berlin, von schwer depressiv bis total übererregt, mit Wahrnehmungs- und Schlafstörungen, Alpträumen, Konzentrations- und Antriebsschwäche. Im Zeitraum von 2011 bis 2017 wurden in deutschen Bundeswehrkrankenhäusern insgesamt 1.309 Patientinnen und Patienten wegen Neuerkrankungen mit PTBS behandelt.

Christore Viehweger verbrachte viermal sechs Wochen in einer Klinik. Und machte anschließend zwei Jahre Therapie.

Und ich hatte auch eine Therapeutin, die hat Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg therapiert, und sie wusste, wo sie bei mir ansetzen musste. Und sie glauben nicht, das war Schwerstarbeit. ... Aber das ist das, wo man durch muss: Die Konfrontation mit der Situation.

Christore Viehweger, ehemalige Soldatin der Bundeswehr

Manchmal rutschen Christore Viehweger heute noch die Beine weg, wenn die Erinnerung hoch kommt. Hubschraubergeräusche, Schreie, Menschenansammlungen lösen nach wie vor Panik aus.

Auslandseinsätze mit Folgen

Nach dem Zweiten Weltkrieg war fast fünfzig Jahre lang kein deutscher Soldat in einem Kampfeinsatz. Die Militärärzte wussten nicht mehr viel über Traumata. Es gab Aufholbedarf.

Inzwischen sei man fachlich, wie versorgungsrechtlich auf einem guten Stand, beteuert Heinrich Rau. Auf der Website www.PTBS-Hilfe.de und unter der PTBS-Hotline können sich Betroffene anonym beraten lassen können. Hilfe bietet auch der Bund Deutscher Einsatzveteranen.

Um die Absicherung der Soldaten den besonderen Anforderungen eines Auslandseinsatzes anzupassen, wurde 2004 das Einsatzversorgungsgesetzt erlassen. 2007 folgte das Einsatz-Weiterverwendungsgesetz, das im Auslandseinsatz Verletzten oder Erkrankten ein Anrecht auf Weiterbeschäftigung gibt.

Dennoch klagen bis heute viele Soldaten über die endlosen Prozeduren bei der Anerkennung der Beschädigung. Es sei schwer, Nachweise zu erbringen. Manche fühlen sich wie Bettler, sind frustriert, wenn Anträge abgelehnt werden. Dabei habe man doch für das Land den Kopf hingehalten.

Manfred ist mit seinem Trauma jetzt 13 Jahre beschäftigt. Vor über einem Jahrzehnt wurde er krank entlassen – dienstunfähig, nach etlichen Monaten in der Psychiatrie. Inzwischen ist er wieder Soldat bei der Bundeswehr, in einem sogenannten "Wehrdienstverhältnis besonderer Art". Er ist sozial abgesichert und muss nur so viel arbeiten, wie er schafft. Dennoch hat er Angst vor dem Getuschel der Kameraden, will nicht als Drückeberger gelten.

Im Bundeswehrkrankenhaus hat man ihm gesagt, sein Trauma werde nie ganz verschwinden. Er müsse sein Leben lang lernen, damit umzugehen. Noch immer reagiert Manfred auf bestimmte Trigger. Jeden Samstag schmeißt ihn die Feuerwehrsirene von der Couch. Er springt dann auf und sucht seine Waffe. Wenn die Nachbarn im Herbst ihr Laub verbrennen, dann ist er sofort wieder im Kosovo im März 2004. Würde er noch einmal in den Krieg ziehen?

Wenn ich heute vor der Entscheidung stehen würde, ich würde alles anders machen, alles.

Manfred, Bundeswehrsoldat

Der Autor Tom Schimmeck Tom Schimmeck, geboren 1959 in Hamburg, begann mit 18 bei der gerade neu gegründeten "taz" als Journalist. Nach dieser "Phase des wüstesten Dilettierens" arbeitete er freiberuflich für Presse und Rundfunk u.a. als Politredakteur für den "Spiegel". 1989 zog er nach Südafrika und berichtete von dort u.a. für "Geo", "Merian" und das österreichische Nachrichtenmagazin "Profil".

Seit 1996 wohnt er wieder in Deutschland und arbeitete bis zur Einstellung des Blattes für die Hamburger Wochenzeitung "Die Woche". 2010 erschien sein Buch "Am besten nichts Neues" im Westend-Verlag über den Untergang des unabhängigen Journalismus. In den letzten Jahren machte er sich einen Namen als mehrfach preisgekrönter Autor von Radio-Features.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Kaputte Krieger"
Von Tom Schimmeck

Sprecher: Shenja Lacher, Ellen Schweda

Regie: Andreas Meinetsberger
Redaktion: Tobias Barth
Produktion: MDR 2018 (Ursendung)

Sendung: 22.11.2018 | 22:00-23:00 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Kaputte Krieger" | 21. November 2018 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2018, 07:41 Uhr

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