Kampfdemonstration in Ostberlin am 17. Januar 1988 für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Das Bild zeigt Demonstranten mit Regenschirmen und zwei großen Plakaten von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
Eine Demonstration in Ostberlin am 17. Januar 1988 für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Bildrechte: dpa

Ermordung vor 100 Jahren Wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht missverstanden wurden

Vor 100 Jahren, am 15. Januar 1919, wurden in Berlin die Arbeiterführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. Für die Kommunisten waren sie Märtyrer, die SED stilisierte sie zu Gründungsfiguren der DDR – nur zwei Missverständnisse von vielen.

von Lorenz Hoffmann, MDR KULTUR

Kampfdemonstration in Ostberlin am 17. Januar 1988 für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Das Bild zeigt Demonstranten mit Regenschirmen und zwei großen Plakaten von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
Eine Demonstration in Ostberlin am 17. Januar 1988 für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Bildrechte: dpa

Karl und Rosa – da geht es schon los mit den Missverständnissen. Zum festen Begriffspaar sind sie erst durch den gemeinsamen Tod geworden, die längste Zeit ihres Lebens waren sie nicht sonderlich eng verbunden.

Da ist die jüdische Polin Rosa Luxemburg, die in jungen Jahren schon berühmt wird als brillante Journalistin und marxistische Theoretikerin und sich, kaum angekommen in der altehrwürdigen SPD, anlegt mit deren Chefideologen Eduard Bernstein. Die mit den großen Köpfen der europäischen sozialistischen Bewegung – Jaurés, Bebel, Plechanow, Kautsky, Lenin – persönlich bekannt ist.

Erst 1914 finden Luxemburg und Liebknecht zusammen

Und da ist Karl Liebknecht, dessen Vater Wilhelm die SPD mit gegründet hat. Der erst als Dreißigjähriger in die Partei eintritt, nie ein größeres theoretisches Werk zu Papier bringt, sich eher als Praktiker der Partei- und Parlamentsarbeit begreift.

Porträt von Rosa Luxemburg auf einer Briefmarke
Rosa Luxemburg auf einer DDR-Briefmarke Bildrechte: IMAGO

Berühmt wird er erst, als er 1914 als einziger Reichstagsabgeordneter die Kriegskredite ablehnt. Dies ist der Moment, in dem er und Rosa Luxemburg, auch sie eine entschiedene Antimilitaristin, zum ersten Mal zusammengehen. Sie werden zu Leitfiguren der Linken in der SPD. Beide müssen ins Gefängnis. Als sie entlassen werden, ist Revolution in Deutschland.

Beide hoffen, die bürgerliche Umwälzung lasse sich in eine soziale verwandeln, so wie 1917 in Russland. Der große Unterschied: Liebknecht, der unter dem Einfluss des Bolschewiken Karl Radek steht, ist begrenzt bereit, zur Erreichung dieses Ziels auch bolschewistische Methoden anzuwenden, Putsch und politischen Terror.

Rosa Luxemburg fängt den radikalen Liebknecht immer wieder ein

Luxemburg dagegen hat sich gerade noch in ihrer Schrift über "Die russische Revolution" scharf gegen die Terrorpraxis der Sowjets gewandt. Sie hält die berühmte "Freiheit der Anderen" für die Grundlage jeglicher politischen Auseinandersetzung. All das schreibt sie auch in der "Roten Fahne", dem Propagandablatt der Spartakus-Gruppe. Und bekommt den radikaleren Liebknecht immer wieder eingefangen.

Liebknecht-Luxemburg-Demonstration zum Gedenken an die am 15. Januar 1919 ermordeten revolutionären Sozialisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. 57 min
Bildrechte: imago/snapshot

Was wollten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht? Wie starben sie und wie wurden sie missverstanden. Lorenz Hoffmann und Hartmut Schade über das Leben und Nachleben der vor 100 Jahren ermordeten Arbeiterführer.

MDR KULTUR - Das Radio Di 15.01.2019 22:00Uhr 57:01 min

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Scharfe Gegner der Regierung Ebert sind aber beide, weil Ebert einen Pakt mit den preußischen Militärs geschlossen hat, den er rechtfertigt mit drohender Gefahr vom linken Rand. Luxemburg und Liebknecht kommen da gerade recht, als bolschewistische Schreckgespenster.

"Tötet Liebknecht! Dann werdet ihr Frieden, Arbeit und Brot haben", fordert ein Flugblatt Ende 1918. Hauptmann Pabst, Auftraggeber der Morde vom 15. Januar 1919, sagt später, nur so habe er Deutschland vor dem Bolschewismus retten können. Das Missverständnis wird zum Mythos, seltsamerweise von Linken wie Rechten gleichermaßen gepflegt.

Schon bald werden die beiden überhöht

Die Kommunisten verklären die beiden zu Märtyrern der Bewegung und – in völliger Überhöhung ihres wirklichen Einflusses – zu Anführern der revolutionsbereiten Arbeitermassen. Den SED-Bonzen gelingt dann sogar, die beiden zu Gründungsfiguren der DDR zu stilisieren – aber gleichzeitig Luxemburgs demokratisch-sozialistische Ideen als Fehler zu brandmarken.

Missverständnisse über Missverständnisse, die bis heute nachwirken. Wenn sich zum Beispiel alljährlich Mitte Januar an den Gräbern von "Karl und Rosa" die üblichen Verdächtigen zur Ehrenkundgebung versammeln. Leninisten, Trotzkisten, MLPDler, alte SED-Genossen, die mit der lebenden Luxemburg und dem lebenden Liebknecht wohl allesamt so ihre Probleme gehabt hätten. Armer Karl, arme Rosa!

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Januar 2019 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2019, 04:00 Uhr

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