Schriftliche Stellungnahme Karl-May-Museum Radebeul: Belegschaft erneuert Kritik an Interims-Chef Wagner

Das Karl-May-Museum macht von sich Reden – zuletzt nur in Negativschlagzeilen. Es begann im Mai mit einem Offenen Brief des inzwischen gegangenen Direktors Christian Wacker, in dem er mit dem Vorstand der Museumsstiftung abrechnete. Nun ist der einstige Hoffnungsträger, der Winnetou und Kara Ben Nemsi fit fürs 21. Jahrhundert machen sollte, weg. Die Kritik am Interims-Chef René Wagner reißt nicht ab.

Karl-May-Museum Radebeul - Indianerfigur, die Ausschau hält
Quo vadis? Bildrechte: MDR SACHSEN

Die Zeichen für das Radebeuler Karl-May-Museum stehen weiter auf Sturm. In einer schriftlichen Stellungnahme erneuert die Belegschaft jetzt ihre Kritik an Interimsleiter René Wagner. Er sei nicht geeignet, das Museum aus seiner derzeitigen Krise zu führen. Seine Berufung nach dem vorzeitigen Weggang von Christian Wacker als Direktor beschädigt das Image aus Sicht der Belegschaft vielmehr weiter.

"Fortbestehen als professionelles Museum steht auf dem Spiel"

So sei ein gemeinsames Projekt mit dem Hannah-Arendt-Institut der TU Dresden gefährdet, das die Geschichte des Hauses zur Zeit des Nationalsozialismus und in der DDR erforschen solle. Da Wagner inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen sei, stehe zu befürchten, dass das Institut die Zusammenarbeit beende.

Unser Ziel ist eine transparente Betrachtung der eigenen Museumsgeschichte. (...) Der Schwerpunkt des Hannah-Ahrendt-Instituts liegt beim Thema Totalitarismus, unter den u.a. der Kommunismus, also auch die DDR fallen. Nun jemanden zurückzuholen, der mit seiner Arbeit für die Stasi dieses System unterstützte, halten wir für untragbar.

Aus der Stellungnahme

Wagner wurde 1986 Direktor des Karl-May-Museums in Radebeul. 2013 wurde er fristlos entlassen. Der Belegschaft seien die Gründe für die Kündigung damals intern genannt worden, auch deswegen sehe man Wagner als ungeeignet für die Leitung an, heißt es weiter in der Stellungnahme in Anspielung auf finanzielle Unregelmäßigkeiten. Die harsche Kritik an der Entscheidung, Wagner als Interimsgeschäftsführer einzusetzen, endet mit dem Vorwurf, der Vorstand der Karl-May-Stiftung setze leichtfertig "die hart erarbeitete Professionalisierung" und damit das Fortbestehen als professionelles Museum aufs Spiel. Dabei sei gerade in den vergangenen zwei Jahren unter der Leitung Wackers viel erreicht und positives Ansehen in der deutschen und internationalen Museumslandschaft erworben worden. Wacker habe Museumsspezialistinnen ins Team geholt, die Digitalisierung der Sammlung initiiert sowie durch neue Veranstaltungsformate und die Überarbeitung der Ausstellung die gesamte Museumsarbeit modernisiert.

Wagner: "Nicht angetreten, um alles umzukrempeln"

Karl-May-Museum Radebeul - ein Mann mit schwarzem Hut und schwarzen Anzug steht vor einem Haus
Neuer und alter Chef René Wagner, unentgeltlich und im Interim Bildrechte: MDR SACHSEN

Wagner selbst sagte MDR KULTUR, er trete nicht an "als einer, der alles umkrempeln will". Seine Zeit als Interimsgeschäftsführer ende spätestens am 30. Juni. Er verstehe seine Aufgabe als "eine Art Moderation zur Belegschaft" und wolle dafür dafür sorgen, "dass alle notwendigen Arbeiten, also Lohnzahlungen usw. wirklich auch abgearbeitet werden." Er sei 70 Jahre alt und wolle sich mehr auch nicht antun. Zudem seien, so Wagner, "die Leute nicht so zahlreich zugegen gewesen, die das hätten machen wollen": "Im Haus gibt es Leute, die Potential dazu hätten, aber in so einer Phase verschleißt man die", erklärte Wagner, der auch zum Kuratorium der Karl-May-Stiftung gehört.

Wacker: Offener Brief als Aufforderung zum Diskurs

Christian Wacker
Abgetreten als Direktor: Christian Wacker Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Christian Wacker war im April 2019 als neuer Direktor des Museums und Hoffungsträger angetreten, um das Haus mit dem etwas angestaubten Image fit fürs 21. Jahrhundert zu machen. Nach nur zwei Jahren verließ Wacker Radebeul zum 31. Mai 2020 Mai in Richtung Kuweit. Seine Gründe legte er zuvor in einem Offenen Brief dar, der einer Generalabrechnung mit der Museumsstiftung und dem Vorstand gleicht. Von Missständen in der Führungskultur, Mobbing und dorfschulmeisterlichen Belehrungen war darin die Rede.

Wacker argumentierte, neue wissenschaftliche Erkenntnisse über das Leben und Denken von Karl May, die unbequem seien, müssten zugelassen werden. Ansonsten bekomme das Museum ein Glaubwürdigkeitsproblem. "Zu Themen wie Toleranz, Völkerverständigung, Offenheit gegenüber anderen Kulturen hatte Karl May eine Meinung", sagte Wacker im Gespräch mit MDR KULTUR. Darüber müsse ein Diskurs stattfinden. Auch sei es spannend, Mays homosexuelle Neigungen differenziert zu betrachten. Äußerungen wie die eines Vorstandsmitglieds, May solle nicht mit "Schwulengeschichten" in Verbindung gebracht werden, vertrage sich nicht mit dem Stiftungszweck, sich für Toleranz einzusetzen, monierte Wacker.

Die Belegschaft stärkte ihm den Rücken: "Wir lehnen klar jegliche Form von Homophobie und Sexismus entschieden ab." Sie gründete einen Betriebsrat und forderte, den Vorstand abzuwählen. Dass jemand wie Wagner geeignet sei die Lage zu entspannen, bezweifeln Beobachter wie das Magazin "Karl May & Co." auch wegen seiner Einlassungen etwa auf Facebook zur "Ehe für alle" oder seiner Leseempfehlung für Thilo Sarrazins Buch "Feindliche Übernahme".

Was wird auf den großen Neubau-Plänen?

Karl-May-Museum Radebeul - Villa Bärenfett - ein Blockhaus, davor einem Totempfahl
Villa Bärenfett Bildrechte: MDR SACHSEN

Dabei gibt es für das Karl-May-Museum nach wie vor große Pläne, um so ein jüngeres Publikum neu für Winnetou oder Kara Ben Nemsi zu gewinnen. Das Areal rund um das ehemalige Wohnhaus des Abenteuerschriftstellers soll um einen ambitionierten Neubau erweitert werden, der eine zeitgemäße multimediale Präsentation etwa der Dauerausstellung über die Indianer Nordamerikas erlaubt. Die Kosten waren mit bis zu zehn Millionen Euro veranschlagt.

Der Baustart war für 2021 vorgesehen, ist aber nach wie vor offen. Ebenso wie Frage, woher die Mittel kommen. Auf Anfrage verweist das Kulturministerium auf die Pressestelle des Kulturraums Meißen, die mitteilt, das Konzept zum Neubau sei zwar vor einigen Jahren vorgestellt worden, aktuelle Angaben lägen aber nicht vor. Die Auskunft scheint einen weiteren Vorwurf Wackers an die Stiftung zu bestätigen, nämlich notwendige Fördermittel nicht beantragt zu haben.

Karl-May-Museum Radebeul - Wandgemälde von Sascha Schneider im Empfangszimmer
Blick ins Empfangszimmer Bildrechte: MDR SACHSEN

Florian Schleburg, Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft mit rund 1.500 Mitgliedern weltweit, bedauert im Gespräch mit MDR KULTUR die Querelen: "Karl May war eine vielschichtige Persönlichkeit, der schon zu Lebzeiten polarisierte. Er hat sich aus trostlosen Verhältnissen empor gearbeitet, nach bizarren Fehltritten durch Fleiß selbst resozialisiert (...) und dem wachsenden Chauvinismus und Militarismus am Vorabend des Ersten Weltkrieges seinen Traum von Toleranz und Völkerverständigung entgegen gesetzt."

Diesen Menschen mit Kopf, Herz und Unterleib müsse das Karl-May-Museum zeitgemäß vermitteln und zum Inhalt freier und vorurteilsfreier Diskussionen machen, findet Schleburg. Das sei genau der Ansatz von Wacker und seinem engagierten Team gewesen. Die große Chance, wissenschaftlich und museumspädagogisch daran weiterzuarbeiten, sei sabotiert worden.

Kuratorium tagt am 27. Juni

Schleburg gehört wie Wagner zum Kuratorium, das sich am 27. Juni mit all den Kritikpunkten befassen soll. Dann soll "auch über etwaige Veränderungen im Vorstand und die Zuwahl neuer Vorstandsmitglieder entschieden werden", informierte Radebeuls OB Bert Wendsche, der Vorstand der Stiftung ist, vorab.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juni 2020 | 07:40 Uhr