Friedenspfeife nach Personalquerelen Wie das Radebeuler Karl-May-Museum jetzt neustarten will

Die Karl-May-Stiftung und das Museum für den Abenteuerschriftsteller in Radebeul haben eine neue Führung. Was das für die Zukunft bedeutet, erklärt Florian Schleburg, Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft und Mitglied im Kuratorium, nach dem zehnstündigen Treffen vom Wochenende im Interview.

Häuptling in einer Vitrine im Karl-May-Museum Radebeul 7 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mo 29.06.2020 06:00Uhr 06:49 min

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MDR KULTUR: Am Wochenende hat das Kuratorium der Karl-May-Stiftung getagt. Wurde da inhaltlich etwas entschieden: in dem Sinne, dass das Museum wegkommt von der Vermittlung einer Cowboy-Indianer-Romantik, auch hin zu einer zeitgemäßen, kritischen Sicht auf Karl May und seine Wirkungsgeschichte?

Florian Schleburg: Das vordringliche Thema war das Überleben des Museums in der Corona-Krise. Die museologische Konzeption zu bestimmen, ist eigentlich nicht die Aufgabe des Stiftungskuratoriums. Aber indem wir den Vorstand wählen, nehmen wir natürlich indirekt Einfluss auf die programmatische Ausrichtung. Und ja: Da haben wir für professionelle Museumsarbeit und außerdem für moderne Menschenführung gestimmt.

Es soll ganz schön die Luft gebrannt haben ...

Es waren auf allen Seiten starke Emotionen im Spiel. Man darf nicht vergessen, dass Vorstand und Kuratorium rein ehrenamtlich, also mit viel Idealismus bei der Sache sind. Die Debatten der letzten Monate haben persönliche Empfindlichkeiten hinterlassen. So musste am Ende jeder von uns über seinen Schatten springen, damit nach fast zehn Stunden überhaupt ein Kompromiss zustandekommen konnte.

Nahezu der komplette Vorstand der Stiftung scheidet aus. Neu dazu kommt jetzt Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen, zu der auch das Grassimuseum für Völkerkunde Leipzig und das Museum für Völkerkunde Dresden gehören. Sie ist Ethnologin und die erste Frau im Vorstand. Was heißt das jetzt inhaltlich?

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen
Neu im Vorstand: Léontine Meijer-van Mensch Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Léontine Meijer-van Mensch ist eine reflektierte Praktikerin und eine charismatische Persönlichkeit. Wir haben sie nicht als Quotenfrau ins Boot geholt, obwohl da tatsächlich Nachholbedarf bestand. Sie hat schon vieles durchdacht und durchgemacht, was für uns jetzt relevant ist. Sie steht für die zeitgemäße Herangehensweise, die wir uns jetzt für das Karl-May-Museum in Radebeul wünschen.

Was meinen Sie mit zeitgemäßer Sicht auf die Dinge?

Wir meinen eine kulturtheoretisch reflektierte Diskussion über fremde Kulturen, aber auch über die interessante Biografie des Menschen Karl May. Und das in einer multimedialen Vermittlung.

Florian Schleburgs Position zu Karl May "Karl May war eine vielschichtige Persönlichkeit, der schon zu Lebzeiten polarisierte. Er hat sich aus trostlosen Verhältnissen emporgearbeitet, nach bizarren Fehltritten durch Fleiß selbst resozialisiert (...) und dem wachsenden Chauvinismus und Militarismus am Vorabend des Ersten Weltkrieges seinen Traum von Toleranz und Völkerverständigung entgegengesetzt."

Diesen Menschen mit Kopf, Herz und Unterleib müsse das Karl-May-Museum zeitgemäß vermitteln und zum Inhalt freier und vorurteilsfreier Diskussionen machen, findet Schleburg. Er ist Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft mit rund 1.500 Mitgliedern weltweit.

Sie haben noch weitere Personalien entschieden: Volkmar Kunze, früher OB in Radebeul, ist jetzt Geschäftsführer. Er soll den neuen Museumsdirektor Robin Leipold begleiten. Wie ist das zu verstehen?

Ein Porträt des Schriftstellers Karl May hängt im sächsischen Radebeul bei Dresden an einer Laterne vor seinem einstigen Wohnhaus und jetzigem Museum.
Soll entstaubt werden: Das Karl-May-Museum im einstigen Wohnhaus. Bildrechte: dpa

Wir haben beschlossen, die inhaltliche Leitung des Museums zumindest bis auf Weiteres von der juristisch kaufmännischen Verantwortung zu trennen. Denn in dieser aktuellen Krise erfordert diese kaufmännische Seite die volle Aufmerksamkeit. Ich verstehe diese Doppelspitze also nicht als Bevormundung des Direktors, sondern als logische Arbeitsteilung, damit sich Robin Leipold auf das Museologische konzentrieren kann.

Der Eklat, zu dem es kam, als Christian Wacker im Mai hinwarf, zu seinem Offenen Brief etwa mit dem Vorwurf, er habe das Museum modernisieren wollen, sei aber an den Bewahrern in der Stiftung gescheitert – zu all dem steht in Ihrer Erklärung nichts, außer, dass Sie das Thema abgeschlossen hätten ...

Für einen förmlichen Prozess, sage ich jetzt mal, hätten wir Christian Wacker aus dem Ausland einfliegen müssen. Wir hätten Zeugen anhören, wir hätten stapelweise persönliche Korrespondenz sichten müssen, das wäre weder praktikabel noch zielführend gewesen. Etwaige systemische Missstände in der Stiftung wird die Organisationsanalyse in den nächsten Monaten aufdecken. Aber auf der zwischenmenschlichen Ebene mussten wir nach der offenen Aussprache einen Schlussstrich ziehen. Sonst säßen wir jetzt noch im Ratssaal von Radebeul.

Viel Kritik bezog sich auch auf den Umgang miteinander, am Ende drohten weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu kündigen, wenn sich nicht wirklich etwas ändert.

Ja, das hat mir große Sorgen bereitet. Wir verdanken es vor allem Thomas Grübner, dass die Belegschaft über die letzten Wochen hinweg bei der Stange blieb. Wenn ich die Stimmung, die am Samstagabend im Garten des Karl-May-Museums herrschte, richtig interpretiere, dann ist diese Gefahr fürs Erste gebannt. Thomas Grübner, der eigentlich aus dem Vorstand austreten wollte, hat sich neu wählen lassen. Wir können seine personalpolitische und kaufmännische Kompetenz sehr gut gebrauchen.

Wie geht es jetzt mit dem geplanten Museumsneubau weiter?

Karl-May-Museum Radebeul - grüne Bücher stehen in einem Regal
Nicht nur Bücher: Das Museum besitzt eine der bedeutendsten Nordamerika-Sammlungen, stellt der Museumsbeirat fest. Bildrechte: MDR SACHSEN

Der Plan wird weiterverfolgt. Aber erst, wenn die akute Bedrohung durch diese Corona-Saison abgewendet ist, wenn ein Workshop mit Fachleuten über eine zukunftsfähige Konstruktion beraten hat und wenn die genannte Strukturanalyse die Effizienz und Stiftungsgremien verbessert hat.

Aber wir halten an dieser Vision fest. Wie auch an der Professionalisierung. Aber solche Entwicklungen – darauf hat auch Léontine Meijer-van Mensch hingewiesen – brauchen Zeit. Fünf, bis zehn Jahre sind der Rahmen. Wir sind ein privates Museum mit ganz begrenzten finanziellen Mitteln. Die Weichen wurden richtig gestellt. Jetzt fängt die Arbeit für uns alle erst so richtig an.

Das Interview führte Moderator Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Mehr zur Karl-May-Stiftung Bis Frühjahr 2021 sollen Stiftung und Museum auch mit Expertise externer Fachleute unter die Lupe genommen werden.

Weiter verfolgt werden soll der Plan zur Erweiterung und Neugestaltung des Museums. Ein Zehn-Millionen-Projekt. Das einstige Wohnhaus von Karl May
(1842-1912) soll dabei "entstaubt" werden, ein Neubau samt modernem Depot entstehen. Auch die Digitalisierung der Sammlung gehört zum Vorhaben. Eigentlich war der Baustart schon 2021 vorgesehen.

Die Karl-May-Stiftung wurde 1913 von Karl Mays zweiter Ehefrau Klara May gegründet. Sie kam damit dem testamentarischen Willen Mays nach. Die Stiftung ist Trägerin des Karl-May-Museums und Herausgeberin der Schriftenreihe. Seit 2007 ist die Stiftung neben dem Karl-May-Verlag und der Karl-May-Gesellschaft an der Herausgabe der Historisch-kritischen Ausgabe beteiligt.

Die Stiftung besteht aus Vorstand und Kuratorium. Den neuen Vorstand bilden Leontine Meijer-van Mensch, Jörg Müller, Thomas Grübner, ehemals Direktor der SLUB, und Volkmar Kunze, ehemals OB von Radebeul, der den Vorsitz übernimmt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Juni 2020 | 08:40 Uhr