Interview Warum das Elterntaxi Schulkindern schadet

Studien zufolge wird etwa jedes dritte Kind mit dem Auto zur Schule gebracht, weil den Eltern der Weg zu gefährlich ist. Doch wer Kindern kein Risiko zutraut, bringt sie indirekt erst recht in Gefahr, sagt Herbert Renz-Polster, Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor mehrerer Bücher über Erziehung.

Herbert Renz-Polster während eines Vortrages. 6 min
Bildrechte: S. Hochstetter

MDR KULTUR: Wie lassen sich Gefahren umdeuten als Herausforderungen für die Kinder?

Herbert Renz-Polster: Fast unmöglich. Da sind so viele Ängste im Raum, dass selbst kleine Risiken uns als wirklich ganz groß erscheinen. Objektiv sind eigentlich die Verkehrswege für die Kinder heute sicherer als jemals in Deutschland. Wo man früher einfach drüber gesprungen ist, gibt es garantiert heute eine Ampel.

Es lässt sich dem schwer beikommen durch rationale Argumentation. Vielleicht darüber, was die Kinder eigentlich alles auf dem Schulweg erleben und was das für ihre – ich sag mal bewusst: Bildung eigentlich bedeutet, dass sie das dann alleine schaffen.

Um welche Erfahrung bringen wir die Kinder, wenn sie nicht allein, also unbeobachtet und unkontrolliert im öffentlichen Raum unterwegs sein können?

Wir reden viel davon, dass unsere Kinder selbstständig sein sollen, reden von Autonomie. Und genau das ist eigentlich ein Übungsfeld für Autonomie: Selbstständigkeit, soziale Kompetenz, miteinander in der Gruppe Sachen aushandeln – das Gefühl: Das packe ich, das schaffe ich, ich bin groß. Die Kinder wachsen natürlich an solchen Dingen.

In welchem Alter sollte das losgehen?

Das kommt drauf an: Sind die Wege gefährlich, gehen sie über Kreuzungen? Ich denke, die Eltern begleiten ihre Kinder. Und dann merken sie irgendwann: Mein Kind hat jetzt gelernt, vorausschauend zu denken. Es geht los im Grundschulalter natürlich, dass die Kinder dann auch je nach Weg das auf sich nehmen können.

Wie erleben Sie denn als Kinderarzt, als Wissenschaftler heutzutage das Beweglichkeitsverhalten von Kindern?

Kinder haben ein seltsames Verhalten, das haben wir auch mal gemessen in Kindergärten – die treibt es immer zu regelrechten Aktivitätsausbrüchen. Deren Schulweg ist nicht gleichförmiges Dahinlaufen – deshalb ist Spazierengehen mit Kindern eigentlich die Pest. Weil die eigentlich nicht gepolt sind auf die gleichförmige Bewegung, sondern Stop and Go – dann setzen sie sich wieder hin, und dann rennen sie los – und das passiert natürlich auf dem Schulweg genauso.

Die können ihrer kindgerechten, kindlichen Art des Bewegungsdrangs nachgeben. Das ist eigentlich ein ideales Übungsfeld. Man unterschätzt, wie viel Übung an kleinen Herausforderungen Kinder brauchen, damit sie nachher den großen Herausforderungen gewachsen sind.

Der beste Risikoschutz für Kinder ist, dass sie Risiken eingehen.

Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Autor
Schulkinder 2010 auf dem Weg nach Hause
Auf dem Schulweg können Kinder fürs Leben lernen, sagt Erziehungs-Experte Herbert Renz-Polster. Bildrechte: imago images / photothek

Aus der Risikoforschung weiß man: Der beste Risikoschutz ist für Kinder, dass sie Risiken eingehen. Aber eben nicht gleich die großen Risiken, sondern die üben ihren Körper, werden geschickter, sind motorisch in der Lage, wenn sie dann vom Fahrrad fallen, dann abzurollen. Und die ungeschickten Kinder fallen um wie ein Kartoffelsack, verletzen sich schwer. Also wirklich die ungeschicktesten Kinder haben die schwersten Verletzungen.

Deshalb ist eigentlich der Rat an die Eltern: Lass die Kinder in ihren Schritten die Risiken ausleben. Ja, da wird mal was passieren, aber es ist gleichzeitig der Schutz davor, dass etwas Schlimmes passiert.

Inzwischen haben nicht wenige Eltern Tracking-Apps. Am Handy verfolgen sie damit ganz genau, wo der Nachwuchs gerade steckt. Dieses aus Angst überbehütete Umsorgen der Kinder – welche Auswirkungen hat das auf die Entwicklung der Persönlichkeit?

Vor allem für die Eltern: Es ist ganz schlimm. Den Kampf um Sicherheit kann man nicht gewinnen. Wer sagt mir denn, dass meine Tracking-App gerade funktioniert? Das ist dann so eine Angstspirale, die dann losgeht. Natürlich macht es die Eltern noch ängstlicher.

Für die Kinder: einfach das Bewusstsein, dass man ihnen nichts zutraut. Eigentlich heißt das ja: Ich muss immer alles genau wissen. Und die Kinder schielen dann mit einem Auge auf die Rettungsschnur oder auf das Hilfsangebot. Kinder brauchen das nicht.

Eltern müssen strategisch denken und sagen: Das traue ich meinem Kind zu. Ich habe so oft erfahren, dass das Kind sicher ist. Und dann muss man auch sagen: Jetzt vertraue ich dir.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderatorin Beatrice Schwartner.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Januar 2020 | 18:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2020, 12:40 Uhr

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