King Kong als Puppe.
King Kong als Puppe. Bildrechte: Theater Magdeburg/KirstenNijhof

Uraufführung in Magdeburg Kammeroper mit Puppenspiel: "Die wahre Geschichte von King Kong"

Mit King Kong kommt eine legendäre Filmfigur erstmals als Opernheld auf die Bühne. Das klingt nach Monstershow mit Musik und historischen Filmschnipseln. Doch das Theater Magdeburg erzählt "Die wahre Geschichte von King Kong" als Kammeroper und Puppenspiel. Überraschend, durchdacht und musikalisch virtuos. Komponiert wurde das Auftragswerk von Jeffrey Ching, das Libretto stammt von Roscha A. Säidow. Eindrücke von der Generalprobe vor der Uraufführung.

von Bettina Volksdorf, MDR KULTUR-Opernkritikerin

King Kong als Puppe.
King Kong als Puppe. Bildrechte: Theater Magdeburg/KirstenNijhof

MDR KULTUR: Ich bitte zunächst um Aufklärung: Wieso heißt es im Titel zum Stück "Die wahre Geschichte"?

Bettina Volksdorf: Ich würde gerne eine Gegenfrage stellen: Woran denken Sie denn zuerst bei King Kong?

Ich denke an die ganz alte Verfilmung von 1933: "King Kong und die weiße Frau" und den neueren Film von Peter Jackson aus dem Jahr 2005.

Naomi Watts als Ann Darrow wird von KING KONG festgehalten
Naomi Watts als Ann Darrow in Peter Jacksons "King Kong"-Verfilmung Bildrechte: IMAGO

Genau, da setzen die Theatermacher dramaturgisch gesehen den Hebel an. Sie greifen einerseits in jene Kiste mit den Stereotypen, die in unserem Kopf fest verankert sind. Da gibt es auch einen skrupellosen Regisseur, der mit seiner neusten Entdeckung dem wasserstoffblonden Star Ann einen Film drehen will, der Geld und Ruhm bringen soll. Dann aber taucht auf Skull Island der Monsteraffe King Kong auf und raubt – wie bekannt – die schöne weiße Frau. Am Ende wird King Kong nach New York verfrachtet und vom Empire State Building geschossen. Soweit folgt die Kammeroper der Geschichte im Film von 1933.

Andererseites vollziehen die Autoren einen Perspektivwechsel, indem sie die Beteiligten vor eine Art Weltgericht stellen. Das heißt, jeder erzählt die Geschichte aus seiner Sicht und dadurch erfährt man, was die Figuren im Kern angetrieben hat. Das Fazit fällt ernüchternd aus, denn alle – ob Amerikaner oder Eingeborene – haben aus Eitelkeit oder Gier gehandelt.

"King Kong und die weiße Frau" aus dem Jahr 1933, das war ein Schwarz-Weiß-Film mit einfachsten, aber effektvollen Trickaufnahmen. Ich habe mich als Kind gegruselt, ich weiß es noch genau. Peter Jackson hatte da 2005 natürlich schon ganz andere Möglichkeiten. Die Magdeburger Uraufführung verfolgt inhaltlich sicher einen neuen Ansatz, wie wird der denn auf der Opernbühne umgesetzt?

Glücklicherweise nicht als theatral aufgepoppte Monstershow mit Musik und historischen Filmschnipseln, sondern als Musiktheater, bei dem die Regisseurin Roscha A. Säidow intensiv auf verschiedenen Video-Ebenen arbeitet. Da wird zum Teil auf aufwendig vorproduziertes Filmmaterial zurückgegriffen, das uns ins New York der 1930er-Jahre entführt. Wenn sich die Protagonisten in den Rückblenden erinnern, wie alles kam, werden die agierenden Puppenschauspieler mit der Handkamera live gefilmt.

Die wahre Geschichte von King Kong, Ensemble
Neu erzählt: Die Geschichte um King Kong und den Raub der weißen Frau Bildrechte: Theater Magdeburg / ©KirstenNijhof



Dann gibt es da noch die echte Puppentheater-Ebene. Das heißt, auf der Bühne steht ein Tisch, auf dem verschiedene Spielorte – wie zum Beispiel dieses rieige Tor vor King Kongs Reich – als Kleinstpuppenbühne visualisiert und gefilmt wird. Dazu agieren acht Sängerinnen in grauen Telefonzellen auf zwei Ebenen links und rechts der Spielfläche. Das heißt, da ist optisch jede Menge los.

Mit den Filmen hat das Geschehen auf der Bühne also wenig zu tun?

Lauren Urquhart, Richard Barborka
Oper, Puppenspiel und Live-Video: Lauren Urquhart als Ann und Puppenspieler Richard Barborka Bildrechte: Theater Magdeburg/KirstenNijhof

Ästhetisch wird an die Stumm- bzw. frühe Tonfilmzeit angeschlossen. Da passiert dann natürlich mimisch einiges, was man heute vielleicht auch als Übertreibung empfinden könnte. Das alles aber ist meines Erachtens kein Firlefanz oder Selbstzweck. Das wird benutzt, um inhaltlich unbequeme Fragen zu transportieren.

Zum Beispiel die, wie Menschen aus der westlichen Hemisphäre Naturvölkern begegnet sind, mit Respekt oder eher gewalttätig. Oder um zu fragen: Wofür steht dieser King Kong eigentlich: Für das Monster oder das Fremde an sich? Also den exotisch unangepassten Wilden, auf den weiße Männer auch ihre Ängste und Sehnsüchte projiziert haben.

Wie sieht denn die King Kong-Rolle aus?

King Kong gibt es gleich in dreifacher Ausführung, von einem Sänger, einem Schauspieler und drei Handpuppenspieler, als überdimensionierter Kopf und mit Händen dargestellt. Also ich musste mehrfach an die aktuelle Diskussion zum Umgang mit der Kolonialkunst denken und ich war am Ende überascht, welche ethische und gesellschaftspolitische Dimension über die Figur des King Kong in dieser Kammeroper eröffnet wird.

Klingt nach einem komplexen, sehr durchdachten Konzept. Lassen Sie uns über die Musik reden, sie kommt von Jeffrey Ching, britischer Komponist chinesischer Abstammung. Mit seiner Oper "Das Waisenkind" heimste er vor ein paar Jahren in Erfurt viel Lob ein.

Ching, Jahrgang 1965, komponiert schon seit er zehn Jahre ist. er versteht sein Handwerk ausgesprochen gut. Er ist so eine Art Stileverwerter, aber im positiven Sinn. Er hat wirklich ein gutes Gespür dafür, was gutes Musiktheater braucht. Er kann wunderbar für Stimmen schreiben. Er hat den Sensus für die notwendige Dramatik. Er greift zurück auf Jazz und Musik von Bach. Das B-A-C-H-Motiv spielt in dieser Oper, die übrigens auch oratorische Elemente hat, hörbar eine große Rolle. Meiner Meinung nach spielt er virtuos auf der Klaviatur der Musikgeschichte und macht daraus etwas eigenes.

Die Fragen stellt Thomas Bille, MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Opernmagazin | 16. März 2019 | 20:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. März 2019, 04:00 Uhr

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