Ulrike Lorenz, neue Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, spricht bei einer Pressekonferenz.
Vor ihrem Amtsantritt in Weimar leitete Ulrike Lorenz die Kunsthalle Mannheim. Bildrechte: dpa

Neue Präsidentin Die Klassik Stiftung Weimar wird zur Denkfabrik

Die Klassik Stiftung Weimar ist die zweitgrößte Kulturstiftung Deutschlands: ein eigener kleiner Mikrokosmos mit mehr als 20 Museen, Schlössern, historischen Häusern und Parks. Seit Anfang August leitet Ulrike Lorenz die Geschicke dieser Institution. Nun hat sie erstmals skizziert, in welche Richtung sie sie in den kommenden Jahren leiten will.

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Ulrike Lorenz, neue Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, spricht bei einer Pressekonferenz.
Vor ihrem Amtsantritt in Weimar leitete Ulrike Lorenz die Kunsthalle Mannheim. Bildrechte: dpa

Ulrike Lorenz hat etwas mitgebracht: Zu Beginn ihrer Präsentation hebt sie eine kleine Marmor-Skulptur auf den Tisch vor sich, eine Kugel, die auf einem Kubus ruht. Es ist eine kleine Version des "Steins des guten Glücks" von Goethe, das Original befindet sich nur wenige Meter entfernt im Park an der Ilm. "Diese Skulptur belebt Geist und Sinne", sagt sie und deutet auf den Kontrast zwischen dem runden und dem eckigen Element: "Auch wir wollen für Widersprüche stehen, die wir nicht auflösen können."

Diese Ansage, so merkt man schnell, ist programmatisch. Mit dem Antritt von Ulrike Lorenz sind die Zeiten, in denen die Klassik Stiftung vor allem in die glanzvollen Episoden der Vergangenheit schaute, wohl vorbei. Lorenz sagt zwar, die Stiftung stünde nach wie vor in der Verantwortung für das ihr übertragene Erbe, aber: "Es geht darum, dieses Erbe mit unseren heutigen Fragen zu konfrontieren und zu sehen, ob wir daraus etwas erreichen können für unsere eigene Gedankenbildung."

Das Nachdenken anregen

Selber denken mit der Hilfe großartiger Vorgänger wie Goethe und Schiller – das ist es, was Lorenz vorschwebt. Sie will die Stiftung in einen Thinktank umwandeln, in eine Denkfabrik, in der aktuelle gesellschaftspolitische Debatten abgebildet werden. Themen wie Klimawandel oder demografischer Wandel sollen in den schmucken Räumlichkeiten von Schloss Belvedere, Anna-Amalia-Bibliothek oder Goethes Wohnhaus ankommen: "Es kann sich nicht alles in beglückender Harmonie auflösen! Auch wenn das ein Gefühl ist, dass sich in Weimar sehr schnell einstellt". Um die Neuorientierung voranzutreiben will die Präsidentin neben dem wissenschaftlichen Beirat bald auch ein neues Beratergremium aus Wirtschaft und Gesellschaft für die Klassik Stiftung schaffen.

Der Blick in die Abgründe der Weimarer Vergangenheit ist Lorenz ebenfalls wichtig. Die Stiftung müsse sich immer wieder mit dem Widerspruch zwischen Humanität und Bestialität auseinandersetzen, so Lorenz im Hinblick auf den Nationalsozialismus und Buchenwald: "Daraus ziehen wir unsere Kraft, daran arbeiten wir uns ab". Letzten Endes solle die Stiftung zu einem modernen heutigen Deutschlandbild beitragen, indem Differenz geschätzt werde. Der "Kosmos Weimarer Klassik" solle ein wenig "tiefer gehängt" werden.

Zuspruch aus der Politik

Bei der thüringischen Landesregierung kommen diese Töne gut an. Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff, der auch Mitglied des Stiftungsrats ist, begrüßt es, dass wissenschaftlichen Erkenntnisse in Weimar künftig nicht nur gezogen, sondern auch erörtert werden sollen. Die Stiftung befinde sich in einem neuen Entwicklungsstadium, denn viele Aufgaben der Nachwendezeit seien mittlerweile erledigt: "Sie muss sich nun in einer Welt, in der die Widersprüche größer werden, positionieren". Und da sei Ulrike Lorenz genau die richtige.

Die 56-jährige, die zuletzt die Kunsthalle Mannheim leitete, wirkt, als ob sie große Lust habe auf diese Aufgabe. Sie liebt es sich zu reiben, mit aller Energie (vermeintliche) Gegensätze herauszuarbeiten, Gedankenspiele anzuregen. "Man muss nicht immer in Harmonie auseinandergehen", das betont sie immer wieder. Auch wenn dieser Antrittstermin ziemlich friedvoll endet.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 20. August 2019 | 14:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2019, 13:36 Uhr

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