Fjodor Dostojewski
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Klassikerlesung | 1.11. – 29.11.2019 Fjodor Michailowitsch Dostojewskij: Der Spieler

In dieser Klassikerlesung widmen wir uns einem Meisterwerk Fjodor Dostojewskijs. In weniger als vier Wochen verfasste der russische Schriftsteller 1866 den Roman "Der Spieler". Er verarbeitete darin eigene Erfahrungen mit dem Glücksspiel in deutschen Kurorten, sowie eine unglückliche Liebesbeziehung. Es liest Gerd Baltus.

Fjodor Dostojewski
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Dostojewskij hatte hochgepokert. Im Sommer 1865 verspielte er während eines Aufenthaltes in Wiesbaden 3000 Rubel. Dabei handelte es sich um den Vorschuss, den ihm sein Verleger Stelowskij für die Rechte an einer Werkausgabe gezahlt hatte, verbunden mit der Bedingung, dass er bis zum 1. November 1866 einen neuen Roman fertigstellte. Bei Nichteinhaltung gingen alle Rechte seiner künftigen Werke an den skrupellosen Verleger über.

Während der hochverschuldete Schriftsteller noch an seinem großen Roman "Schuld und Sühne" arbeitete, der ab Februar 1866 in Serie erschien, rückte die Frist näher. Am 4. Oktober engagierte er die Stenografin Anna Snitkina und diktierte ihr in weniger als vier Wochen den Roman "Der Spieler". Das Werk wurde pünktlich beim Notar abgeliefert. Die junge Stenografin heiratet er wenige Monate später.

Der Spieler

Dostojewskijs Roman spielt im fiktiven deutschen Kurort "Roulettenburg". Hier hat sich ein hoch verschuldeter russischer General mit seiner Entourage einquartiert, während er auf den Tod einer reichen Erbtante wartet. Ungeachtet der finanziellen Schwierigkeiten lebt man verschwenderisch.

Der Ich-Erzähler Alexej Iwanowitsch gehört als Hauslehrer zum Gefolge. Er ist in Polina, die Stieftochter des Generals verliebt, die seine Leidenschaft für ihre Zwecke ausnutzt. Um ihre Gunst buhlen auch ein Franzose, der sich als Marquis de Grieux ausgibt, und Mister Astley, ein zurückhaltender Engländer. Der General ist hoffnungslos in die wesentlich jüngere Mademoiselle Blanche verliebt. Eine reiche Erbschaft würde die Möglichkeit einer Verbindung mit ihr begünstigen.

Doch statt der erhofften Nachricht trifft die reiche Großtante, Babuschka genannt, quicklebendig in Roulettenburg ein und verliert am Roulettetisch einen Großteil ihres Vermögens. Nachdem Polina Alexej ihre Liebe gestanden hat, eilt er ins Spielcasino, um das dringend benötigte Geld zu beschaffen. Doch nach einem überraschenden Gewinn wird er vom Spielrausch erfasst.

Das gesamte Spielerpublikum drängte sich um mich herum. Ich erinnere mich nicht, ob ich die ganze Zeit über auch nur ein einziges Mal an Polina dachte. Es machte mir damals ein unsägliches Vergnügen, immer mehr Banknoten zu fassen und an mich heranzuziehen; sie wuchsen vor mir zu einem ansehnlichen Haufen an.

Fjodor Dostojewskij Der Spieler

Polina nimmt das Geld von Alexej nicht an. Sie erkennt, dass seine Leidenschaft zum Spiel stärker ist, als seine Liebe zu ihr. Alexej verfällt vollends der Spielsucht und lebt in der Illusion, er könne mit einem erneuten Gewinn sein Schicksal ändern: "Ich brauche nur einziges Mal im Leben ein guter Rechner zu sein und Geduld zu haben, das ist alles!"

Der Schriftsteller Fjodor Dostojewskij

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij wurde 1821 in Moskau geboren, wo er als Sohn eines Arztes aus verarmter Adelsfamilie aufwuchs. 1838-43 studierte er an der Militäringenieurschule in Petersburg, ab 1844 lebte er als freier Autor. Als Mitglied eines geheimen Zirkels, in dem man über utopischen Sozialismus diskutierte, wurde er 1849 zum Tode verurteilt, auf dem Richtplatz aber zu vier Jahren Zuchthaus in Sibirien und anschließendem Militärdienst begnadigt. 1859 wurde seine Rückkehr nach Petersburg erlaubt. 1866 erschien "Schuld und Sühne", die erste der großen Roman-Tragödien. Es folgten "Der Idiot", "Die Dämonen", "Der Jüngling" und "Die Brüder Karamasow". Nach längeren Auslandsaufenthalten starb Dostojewskij 1881 in Petersburg.

Der Sprecher Gerd Baltus

Gerd Baltus, geboren 1932 in Bremen, debütierte 1953 ohne Schauspielausbildung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Von 1959 bis 1966 gehörte er zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Ab Mitte der 70er-Jahre widmete er sich ausschließlich Film- und Fernseharbeiten. Seitdem war Gerd Baltus in nahezu allen großen deutschen Serien wie "Tatort", "Derrick", "Das Traumschiff" oder "Der Alte" zu sehen. Daneben ist er regelmäßig als Hörspielsprecher tätig. Beim MDR hat er unter anderem in den Hörspielen "Am Sexophon: Esmeralda" (2001) von Günter Kunert und "Unter dem Milchwald" von Dylan Thomas (2003) mitgewirkt.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Klassikerlesung
"Der Spieler"
Von Fjodor Michailowitsch Dostojewskij

Übersetzung: E. K. Rahsin
Sprecher: Gerd Baltus
Produktion: SWF 1972

Sendung:
1.11. – 29.11.2019 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 01. November 2019, 04:00 Uhr

Fjodor M. Dostojewskij: Der Spieler
Bildrechte: Fischer Verlag

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