Klassikerlesung | 03.02. – 28.02.2020 Egon Erwin Kisch: "Mein Leben für die Zeitung" und andere Prosa

Als "rasender Reporter" ist er noch heute bekannt, der Prager Journalist Egon Erwin Kisch (1885-1948). Er deckte politische Skandale auf, durchstreifte die Prager Unterwelt und reiste um die halbe Welt. Er spürte im Alltäglichen das Besondere auf und erhob die Reportage zur Kunstform. In dieser Klassikerlesung präsentieren wir ein Auswahl seines umfangreichen Werks.

Ein schwarz weiß Bild von Egon Erwin Kisch.
Egon Erwin Kisch, um 1938 Bildrechte: imago images/CTK Photo

"Schreib' das auf Kisch!" Dieser Satz aus seinem Kriegstagebuch wurde zum geflügelten Wort. Kisch schrieb alles auf, ob als Soldat an der Front, auf Streifzügen durch Berlin oder im mexikanischen Exil.

Geboren wurde Egon Erwin Kisch am 29. April 1885 als zweiter von fünf Söhnen eines jüdischen Tuchhändlers in Prag. Seine journalistische Karriere begann er bei der deutschsprachigen Prager Tageszeitung "Bohemia", wo er mit Reportagen aus der Halb- und Unterwelt populär wurde. 1913 erregte er mit der Offenlegung der Affäre um Oberst Alfred Redl, der als Spion enttarnt wurde und Selbstmord beging, großes Aufsehen.

Seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg machten Kisch zum Pazifisten. Er bekannte sich zum Kommunismus und zog 1921 nach Berlin. 1925 erschien seine bedeutendste Reportage-Sammlung "Der rasende Reporter", deren Titel zu seinem Beinamen wurde. Im Vorwort formulierte er sein berühmtes Credo:

Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres gibt es in der Welt, als die Zeit, in der man lebt!

Egon Erwin Kisch Vorwort zu "Der rasende Reporter"

In seinen Reportagen verarbeitete er auch die Erlebnisse seiner zahlreichen Reisen, die ihn durch Europa, in die Sowjetunion, nach Algerien und Tunesien, in die USA und nach China führten.

Einen Tag nach dem Reichstagsbrand wurde Egon Erwin Kisch in Berlin verhaftet, kam durch Intervention der tschechischen Regierung aber wieder frei. Zunächst von Frankreich aus engagierte er sich im Widerstand gegen den Faschismus. Während des Spanischen Bürgerkriegs besuchte er als Reporter die Internationalen Brigaden an der Front.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs unter Polizeischutz gestellt, floh er 1939 über die USA nach Mexiko. Nur zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus dem Exil, am 31. März 1948, starb Egon Erwin Kisch in Prag.

Kisch in der Klassikerlesung

Egon Erwin Kisch widmete sich in seinen Texten einer großen Bandbreite an Themen, er verfasste unter anderem investigativen Reportagen, Milieuschilderungen und Reisebeschreibungen. Diese Klassikerlesung gibt einen Einblick in sein vielfältiges Werk.

In der titelgebenden Erzählung Mein Leben für die Zeitung verrät Kisch, wie er angeblich durch Zufall vom Spionagefall Redl erfuhr, den das Militär vertuschen wollte. Dabei spielt auch ein verlorenes Fußballspiel eine Rolle.

In Geschichten aus sieben Ghettos versammelt Kisch jüdische Schicksale aus verschiedenen Ländern und Epochen, erzählt skurrile und tragische Geschichten von Außenseitern, Hochstaplern und listigen Schelmen.

Fünf Jahre lebte Kisch im mexikanischen Exil. In Artikeln für Exilzeitschriften berichtete er über seine Reisen durch das lateinamerikanische Land. 1945 erschienen sie in seinem letzten Reportageband "Entdeckungen in Mexiko", darunter sein Versuch einer Beschreibung von Chichén Itzá, der berühmten Maya-Metropole und sein Bericht über die Entstehung des Vulkan Paricutín im Februar 1943.

Debüt beim Mühlenfeuer aus Kischs Memoirenband "Marktplatz der Sensationen", 1942 im mexikanischen Exil erschienen, ist eine seiner bekanntesten Erzählungen. Sie handelt von seiner allerersten Reportage in Prag, bei der er es der junge Journalist mit der Wahrheit nicht so genau nahm, aber Besserung gelobte:

Gerade weil mir bei der ersten Jagd nach der Wahrheit die Wahrheit entgangen war, wollte ich ihr fürderhin nachspüren. Es war ein sportlicher Entschluß.

Egon Erwin Kisch Debüt beim Mühlenfeuer

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Klassikerlesung
"Mein Leben für die Zeitung" und andere Prosa (20 Folgen)
Von Egon Erwin Kisch

Sendung: 03.02. – 28.02.2020 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

Die Folgen 1- 3 und 9 - 17 dieser Klassikerlesung stehen hier 30 Tage zum Hören bereit. Alle andern Folgen können wir aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zum Hören anbieten.

Inhalt der einzelnen Folgen Folge 1 | 03.02.2020
Mein Leben für die Zeitung | Es liest: Herwart Grosse | Rdf. d. DDR 1982

Folge 2 | 04.02.2020
Ein Vulkan bricht aus | Es liest: Walter Niklaus | Rdf. d. DDR 1984

Folge 3 | 05.02.2020
Entdeckungen in Mexiko | Es liest: Peter Brause | Rdf. d. DDR 1986

Folge 4 | 06.02.2020
Briefe des Jahrhunderts:
Egon Kisch an seinen Bruder Paul, 19. Oktober 1917 | Es liest: Cornelius Obonya
Ernestine Kisch an ihren Sohn Egon Erwin, 28. Oktober 1918 | Es liest: Maria Alexander | MDR 1999

Folge 5 | 07.02.2020
Der Naturschutzpark der Geistigkeit-Weimar | Es liest: Martin Seifert | MDR 1999

Folge 6 |10.02.2020
Debüt beim Mühlenfest | Es liest: Andreas Wimberger | BR 1997

Folge 7 | 11.02.2020
Die Himmelfahrt der Galgentoni | Es liest: Gisela May | Bear Family Records 2014

Folge 8 | 12.02.2020
Elliptische Tretmühle | Es liest: Jens Scholkmann | NDR 1979

Folge 9 | 13.02.2020
Wie ich eine Frau suchte | Es liest: Manfred Wagner | Rdf. d. DDR 1986

Folge 10 | 14.02.2020
Geheimkabinett des anatomischen Museums & Eine Ausstellung von Erfindungen | Es liest: Manfred Wagner | Rdf. d. DDR 1986

Folgen 11 - 14 | 17. - 20.02.2020
Geschichten aus sieben Ghettos | Es liest: Arno Wyzniewski | Rdf. d. DDR 1985

Folge 15 | 21.02.2020
Karl Marx in Karlsbad | Es liest: Albert Hetterle | Rdf. d. DDR 1983

Folge 16 | 24.02.2020
Auswärtige Berichterstattung & Friedhof reicher Hunde | Es liest: Otto Stark | Rdf. d. DDR 1974

Folge 17 | 25.02.2020
Das 'Magdalenenheim' | Es liest: Otto Stark | Rdf. d. DDR 1974

Folgen 18 - 19 | 26. - 27.02.2020
Kämpfe um die Lokalnotiz, speziell um Selbstmorde | Mit: Peter Matic | RIAS 1985

Folge 20 | 28.02.2020
Der erste Schub | Es liest: Jens Scholkmann | NDR 1979

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2020, 04:00 Uhr

Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter
Bildrechte: Aufbau Verlag

Buchtipp Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter

Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter

E-Book, 361 Seiten
Aufbau Digital
978-3841211187
9,99 Euro

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren