Klassikerlesung | 01.04. – 30.04.2020 Gustav Meyrink: Der Golem

Gustav Meyrinks 1915 erschienener Schauerroman "Der Golem" gilt als Meisterwerk der fantastischen und expressionistischen Literatur. Vor dem Hintergrund der Golem-Sage erzählt der österreichische Schriftsteller die Geschichte des Athanasius Pernath. Es liest Wolf Euba.

Gustav Meyrink
Gustav Meyrink (1868 - 1932) Bildrechte: dpa

Der Golem ist eine Figur der jüdischen Mystik, um die sich zahlreiche Sagen und Legenden gebildet haben. Die bekannteste ist die des Rabbiners Judah Löw, der im 16. Jahrhundert in der Prager Josefstadt ein aus Lehm geformtes Wesen zum Leben erweckt haben soll. Meyrinks Geschichte bezieht sich auf diese Legende.

Ein rätselhafter Traum

Der Roman beginnt mit einer kurzen Rahmenhandlung. Ein anonymer Ich-Erzähler fällt nach der Lektüre eines Buches über das Leben Buddhas in einen unruhigen Halbschlaf.

Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen.

Gustav Meyrink Der Golem

Im Traum findet er sich mehr als 30 Jahre zuvor im alten Prager Ghetto wieder. Als Gemmenschneider und Restaurator Athanasius Pernath lebt er hier in einem ärmlichen Viertel, umgeben von zwielichtigen Gestalten, wie dem Trödler Wassertrum und dem Mädchen Rosina. Unvermittelt taucht ein Herr in seiner Kammer auf, der ihm ein Buch zur Reparatur bringt. Die Initiale I des Kapitels "Ibbur" soll ausgebessert werden. Pernath beginnt in dem Buch zu lesen. Als er aufblickt, ist der Besucher verschwunden.

Kann es sich bei dem Unbekannten um den Golem handeln, jener sagenhaften Gestalt, die alle 33 Jahre im Ghetto auftaucht? So erzählt es der Puppenspieler Zwakh, einer von Pernaths Freunden, der ihn über die Legende aufklärt. Er erinnert sich an Eindrücke aus seiner Kindheit: In einem uralten Haus in der Nähe der Synagoge sei der Golem damals verschwunden und man habe darin ein Zimmer mit vergittertem Fenster ohne Zugang ausgemacht.

Pernaths Suche nach der eigenen Vergangenheit

Aus einer Unterhaltung seiner Freunde, die er im Dämmerzustand belauscht, erfährt Pernath, dass beim ihm in jungen Jahren eine Form des Wahnsinns mittels Hypnose behandelt wurde, wodurch er sein Gedächtnis verloren hat. Er erkennt einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem rätselhaften Zimmer des Golems und dem unbekannten Teil seiner Seele, zu dem er keinen Zugang hat.

Pernath begibt sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit. Dabei kommt es zu verschiedenen Doppelgänger-Begegnungen, er wird von Anfällen und Halluzinationen heimgesucht. In dem weisen Archivar Hillel findet er einen geistigen Mentor, der ihn auf dem Weg der Selbstfindung begleitet. Im Verlauf dieses Prozesses wird Pernath in eine Reihe von Intrigen hineingezogen, gerät unter Mordverdacht und muss für einige Zeit ins Gefängnis.

Als der Erzähler aus seinem Traum erwacht, fällt sein Blick auf den Hut eines Fremden, den er versehentlich im Dom beim Hochamt mit seinem verwechselt hat. Im Innenfutter steht der Name des Besitzers: Athanasius Pernath. Der Erzähler begibt sich auf die Suche nach der Gestalt aus seinem Traum.

Schauerroman und Kriminalgeschichte

Franz Meyrink befasste sich sein Leben lang intensiv mit Geheimlehren und fernöstlicher Religion. In seinem Roman verbindet er mystische und okkultistische Vorstellungen mit Erkenntnissen der Traumpsychologie. Er verknüpft Elemente des Schauerromans mit einer spannenden Kriminalgeschichte und lässt auch biografische Ereignisse einfließen: Wie sein Protagonist saß Meyrink unschuldig im Gefängnis.  

Der Roman wurde zunächst ab Dezember 1913 als Vorabdruck in der Zeitschrift "Die Weißen Blätter" veröffentlicht. Die Buchausgabe, die 1915 begleitet von einer großen Werbekampagne im Leipziger Kurt Wolff Verlag erschien, wurde unmittelbar zum Bestseller.

Der Autor Gustav Meyrink

Gustav Meyrink (eigentlich Meyer) wurde am 19. Januar 1868 in Wien geboren. Nach der Tätigkeit als Bankier in Prag 1889-1902 lebte er ab 1905 als freier Schriftsteller in München. Meyrink gilt mit seinen bekannten Romanen "Der Golem", "Das grüne Gesicht" und "Der weiße Dominikaner" als Klassiker der fantastischen Literatur. In sein Werk gingen mystische und kabbalistische Elemente ein, er selbst konvertierte 1927 zum Mahanja-Buddhismus. Er starb 1932 in Starnberg.

Der Sprecher Wolf Euba

Wolf Euba, 1934 in Nürnberg geboren, schloss zunächst ein Lehramtsstudium ab, ehe er sich der Schauspielerei zuwandte. Nach Engagements an verschiedenen Theatern ging er zum Rundfunk. In den 1960er Jahren wurde er als "Stimme Bayerns" bekannt. Beim Bayrischen Rundfunk war er als Sprecher, Regisseur und Autor von Radio-Features tätig. Wolf Euba starb 2013 in München.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Klassikerlesung
"Der Golem" (20 Folgen)
Von Gustav Meyrink

Sprecher: Wolf Euba
Produktion: BR 2005

Sendung: 01.04. – 30.04.2020 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

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Gustav Meyrink: Der Golem
Bildrechte: Hoffmann und Campe Verlag

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