Klassikerlesung | 02.03. – 31.03.2020 Friedrich Hölderlin: Hyperion oder der Eremit in Griechenland

Zeitlebens begeisterte sich Friedrich Hölderlin für Griechenland. Es war für ihn Sehnsuchtsort und Projektionsfläche. Davon zeugt auch sein einziger Roman "Hyperion oder der Eremit in Griechenland". Ein lyrisch-elegisches Werk über die Liebe und die Sehnsucht nach einer bessere Welt. Zum 250. Geburtstag des Dichters senden wir den berühmten Briefroman in dieser Klassikerlesung. Es liest Michael Thomas.

Friedrich Hölderlin
Friedrich Hölderlin (1770 - 1843) Bildrechte: imago/Horst Rudel

Friedrich Hölderlin begann mit der Arbeit am "Hyperion" schon 1792 als 22-jähriger Student in Tübingen unter dem Eindruck der Französischen Revolution. Ein Fragment erschien zwei Jahre später in Schillers Zeitschrift "Thalia". Der zweibändige Briefroman wurde 1797 und 1799 in geringer Auflage veröffentlicht.

In die Entstehungszeit fällt auch Hölderlins Aufenthalt bei der Familie des Bankiers Gontard in Frankfurt, mit dessen Frau Susette er eine leidenschaftliche Affäre hatte. In der Figur der Diotima setzte er seiner Geliebten eine literarisches Denkmal.

Hyperions Lebenserzählung

Der Grieche Hyperion schreibt seinem deutschen Freund Bellarmin Briefe, in denen rückblickend sein Leben erzählt: Mitte des 18. Jahrhunderts verlebt er auf der südgriechischen Insel Tina eine glückliche Kindheit und findet als Jugendlicher im Bildhauer Adamas einen weisen Lehrer, der ihn in "das Zauberland der griechischen Götter" einführt.

Während eines Studienaufenthaltes in Smyrna schließt er Freundschaft mit Alabanda, der wie er von einer besseren Gesellschaft träumt. Doch während Hyperion dieses Ziel auf friedlichem Wege erreichen will, tritt Alabanda für einen gewaltsamen Umsturz ein. Resigniert kehrt Hyperion auf seine Heimatinsel zurück, wo er dem Mädchen Diotima begegnet. Die Liebe zu ihr verleiht ihm neue Kraft und er beschließt, als Erzieher sein Volk in die Freiheit zu führen.

Gegen den Rat Diotimas nimmt Hyperion mit seinem Freund Alabanda im Jahr 1770 am griechischen Aufstand gegen die türkische Fremdherrschaft teil. Die Revolution der Griechen wird niedergeschlagen. Geschockt von der Brutalität der eigenen Leute, heuert Hyperion bei der russischen Flotte. Er entsagt Diotima und sucht in der Seeschlacht mit den Türken den Tod.

Hyperion überlebt schwer verletzt, doch er verliert seine engsten Freunde. Alabanda liefert sich seinen ehemaligen Mitstreitern aus und Diotima stirbt. Hyperion geht nach Deutschland, ist jedoch bitter enttäuscht. In seiner berühmten Schaltrede klagt er über die Deutschen:

Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark. [...] ich kann kein Volk mir denken, das zerrissner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen.

Friedrich Hölderlin Hyperion oder der Eremit in Griechenland

Hyperion kehrt nach Griechenland zurück und lebt auf der Insel Salamis in selbstgewählter Einsamkeit.

Über Friedrich Hölderlin

Friedrich Hölderlin wurde am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geboren. Er erhielt eine pietistische Erziehung durch Mutter, Großmutter und Tante. Bis 1784 besuchte er Schulen in Nürtingen und Denkendorf. Da er von den Eltern zum Theologen bestimmt war, besuchte er das Seminar in Maulbronn, von 1788 bis 1793 studierte er am Theologischen Seminar in Tübingen. Hölderlin war mit Hegel und Schelling befreundet. Er hatte eine wachsende Abneigung gegen den Pfarrerberuf und wurde 1793/94 auf Empfehlung von Schiller Hauslehrer bei Charlotte von Kalb in Waltershausen, Unterfranken.

1794 besuchte er die Universität in Jena. Er erhielt 1796 eine Stelle als Hauslehrer bei dem Frankfurter Bankier Gontard. Die schwärmerische Liebe zu dessen Gattin Susette (die von dieser erwidert wurde) endete, weil Gontard die Trennung der beiden erzwang. Ihr früher Tod 1802 traf Hölderlin schwer.

1804 erhielt er durch Vermittlung seines langjährigen Freundes Isaac von Sinclair eine Stelle als Bibliothekar in Homburg. Nach einem psychischen Zusammenbruch wurde Hölderlin im September 1806 in das Authenriethsche Klinikum in Tübingen einliefert. 1807 als unheilbar entlassen, verbrachte er die zweite Hälfte seines Lebens, fast 36 Jahre, im legendären Tübinger Turmzimmer des Schreinermeister Zimmer. Hölderlin starb am 7. Juni 1843 in Tübingen.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Klassikerlesung
Hyperion oder der Eremit in Griechenland (22 Folgen)
Von Friedrich Hölderlin

Sprecher: Michael Thomas
Produktion: hr 1984

Sendung: 02.03. – 31.03.2020 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

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Hörbuch: Friedrich Hölderlin: Hyperion oder der Eremit in Griechenland  Ungekürzte Fassung mit Michael Thomas
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Hörbuchtipp Friedrich Hölderlin: Hyperion oder der Eremit in Griechenland

Friedrich Hölderlin: Hyperion oder der Eremit in Griechenland

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ISBN 978-3-7424-0692-7
10,00 Euro

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