Klassikerlesung | 02.11. – 30.11.2020 Hermann Harry Schmitz: "Grotesken und Katastrophen-Geschichten"

Der Düsseldorfer Literat Hermann Harry Schmitz (1880-1913), auch bekannt als "Dandy vom Rhein", war zu Lebzeiten ein geschätzter Vortragskünstler. Seine Grotesken und Katastrophen-Geschichten, in denen er die Absurditäten des bürgerlichen Alltagslebens lustvoll aufspießt, erlebten auch nach seinem frühen Tod zahlreiche Auflagen. In der Klassikerlesung auf MDR KULTUR senden wir eine Auswahl seiner schönsten Geschichten. Es lesen Walter Renneisen, Christian Brückner, Lutz Jahoda und viele andere.

Der Autor und Vortragskünstler (1880 - 1913) Hermann Harry Schmitz
Der Autor und Vortragskünstler Hermann Harry Schmitz (1880 - 1913) Bildrechte: HERMANN-HARRY-SCHMITZ-SOCIETÄT

Hermann Harry Schmitz war einer der originellsten Satiriker seiner Zeit. Seine Grotesken sind witzige Attacken auf die Welt des Kleinbürgers zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Technische Geräte wie Kaffeemaschinen, Staubsauger oder Autos entwickeln darin ein lebensbedrohliches Eigenleben, der Besuch eines Kaufhauses endet in dessen Zerstörung, selbst harmlose Begebenheiten führen stets ins Chaos. Über sich selbst sagte der Meister der grotesken Übertreibung und des skurrilen Spotts:

Der größte Mann des Jahrhunderts ist Zeppelin und ich bin der drittgrößte. Ich habe das mündlich.

Hermann Harry Schmitz Text aus dem Nachlass
Der Autor und Vortragskünstler (1880 - 1913) Hermann Harry Schmitz 11 min
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Onkel Bogumil trinkt jeden Tag 20 Flaschen Rheinwein und zwei Pullen dreisternigen Kognak. Dann sieht er weiße Mäuse im Zimmer. Der Familienrat beschließt: Bogumil muss in die Entzugsanstalt. Es liest Lutz Jahoda.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 30.11.2020 15:00Uhr 11:16 min

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Der Dandy vom Rhein

Schmitz entwickelte seine Geschichten im Erzählen. Sie entstanden aus Improvisationen, die er im Freundeskreis oder im Kaffeehaus vorzutragen pflegte. Herausgeber Victor M. Mai schrieb über Hermann Harry Schmitz, er habe das Talent besessen "eine Zuhörerschaft, ganz gleich, ob sie drei oder dreihundert Köpfe zählte, in die tollste Heiterkeit zu peitschen." Der begnadete Vortragskünstler war ein geschätzter Gast in den Salons der Düsseldorfer Gesellschaft. Seine auffällige Kleidung – er trug ein schwarzes Cape mit rotem Innenfutter - brachte ihm den Beinamen "Dandy vom Rhein" ein.

Der Autor und Vortragskünstler (1880 - 1913) Hermann Harry Schmitz
Hermann Harry Schmitz Bildrechte: HERMANN-HARRY-SCHMITZ-SOCIETÄT

Nach dem Willen des Vaters hätte der 1880 in Düsseldorf geborene Sohn eines Fabrikdirektors Offizier werden sollen. Wegen eines Lungenleidens für militäruntauglich befunden, musste er eine kaufmännische Laufbahn einschlagen. Nebenbei widmete er sich der Literatur und seiner Leidenschaft, groteske Geschichten zu erfinden. Schmitz' Vorbilder waren Oscar Wilde und Heinrich Heine. Aus Verehrung für den ebenfalls in Düsseldorf geborenen Dichter wählte er sich "Harry" als zweiten Vornamen.

1906 wurde seine erste Satire im "Simplicissimus" veröffentlicht, ab 1907 schrieb er regelmäßig für den Düsseldorfer "Generalanzeiger". Beim Düsseldorfer Künstlerstammtisch im "Rosenkränzchen" lernte er Autoren wie Herbert Eulenberg und Hanns Heinz Ewers kennen, die seine schriftstellerische Arbeit förderten. 1911 erschien sein Buch "Der Säugling und andere Tragikomödien" im Rowohlt-Verlag. Nach dem Erfolg seines Erstlings gab er den Kaufmannsberuf auf und lebte fortan als freier Schriftsteller.

Hermann Harry Schmitz, Vignette von Nikolaus Heidelbach
Hermann Harry Schmitz, Vignette von Nikolaus Heidelbach Bildrechte: HERMANN-HARRY-SCHMITZ-SOCIETÄT

Doch für sein literarisches Schaffen blieb Schmitz nur noch wenig Zeit. "Ich habe keine Lunge mehr. Ich bin eigentlich tot oder aber ein anatomisches Phänomen", schrieb er sarkastisch über seine stark angegriffene Gesundheit. Ohne Aussicht auf Besserung seiner Leiden setzte Hermann Harry Schmitz bei einem Kuraufenthalt in Bad Münster am Stein am 8. August 1913 seinem Leben ein Ende. Seine Grotesken und Erzählungen wurden posthum in zahlreichen Ausgaben veröffentlicht.

Die 1990 gegründete Hermann-Harry-Schmitz-Societät in Düsseldorf engagiert sich seit dreißig Jahren, das literarische Erbe des Düsseldorfer Satirikers lebendig zu halten.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Klassikerlesung
02.11. – 30.11.2020 (21 Folgen)
"Grotesken und Katastrophen-Geschichten"
Von Hermann Harry Schmitz

Sendung: 02.11. – 30.11.2020 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

Die Folgen 1 - 8 dieser Klassikerlesung stehen hier 1 Jahr zum Hören und Herunterladen bereit, Folge 21 steht 30 Tage zum Hören bereit. Alle anderen Folgen können wir Ihnen aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zum Hören anbieten.

Inhalt der einzelnen Folgen

Folgen 1 – 8 | 26. - 11.11.2020
"Wie ich mich entschloss, auf Händen zu gehen", "Die vorzügliche Kaffeemaschine", "Das verliehene Buch" , "Der Umzug", "Der Säugling", "Die Bluse", "Was mir an der Table d'hote in der Sommerfrische passierte" und "Kennen Sie das Land, wo die Zitronen blühen?"
Gelesen von Walter Renneisen | MDR 2002

Folge 9 | 12.11.2020
"Der überaus vornehme Friseur" | Gelesen von Helmut Griem | BR 1996

Folge 10 | 13.11.2020
"Onkel Willibald geht baden" | Gelesen von Heiner Schmidt | SWR 1968

Folgen 11 und 12 | 16. - 17.11.2020
"Die Diva und die Notbremse" und "Der Tierfreund" | Gelesen von Rolf Dinewald | SWR 1982

Folge 13 | 18.11.2020
"Das neue Auto" | Gelesen von Hans-Helmut Dickow | SWR 1982

Folge 14 | 19.11.2020
"Hausputz" | Gelesen von Karlheinz Tafel | WDR 2002

Folge 15 | 20.11.2020
"Von Männern die an Schaltern sitzen" | Gelesen von Christian Brückner | WDR 1981

Folge 16 | 23.11.2020
"Der Einbruch" | Gelesen von Günter König | WDR 1989

Folge 17 | 24.11.2020
"Die Büste" | Gelesen von Günter König | WDR 1989

Folge 18 | 25.11.2020
"Von meiner Lunge" | Gelesen von Florian Seigerschmidt | WDR 2010

Folge 19 | 26.11.2020
"Die teerte Straße" | Gelesen von Bodo Primus | WDR 2009

Folge 20 | 27.11.2020
"Das Denkmal Noah's" | Gelesen von Günter König | WDR 1989

Folge 21 | 30.11.2020
"Onkel Bogomil trinkt" | Gelesen von Lutz Jahoda | Rundfunk der DDR 1988

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