Ein Roboter steht vor einem Menschen.
Künstliche Intelligenz hilft in immer mehr Lebensbereichen - gerade deshalb wird klassische Bildung immer wichtiger, sagt Peter Dabrock Bildrechte: dpa

Alexa, Siri und Co. Warum wir klassische Bildung für künstliche Intelligenz benötigen

Alexa, Siri und Co. nehmen uns schon viel ab. Zuweilen auch das eigene Denken. Angeblich helfen dagegen Goethe & Co., mit anderen Worten klassische Bildung. Denn sie helfe, andere Denksysteme zu verstehen und Ambivalenzen auszuhalten, argumentiert jetzt Peter Dabrock, Theologe und Vorsitzender des Deutschen Ethikrates auf einem Empfang der Evangelischen Kirche in Brüssel. Dort hatte das EU-Parlament gerade über den Umgang mit künstlicher Intelligenz (KI) diskutiert, Richtlinien für ihren Einsatz sollen her.

Ein Roboter steht vor einem Menschen.
Künstliche Intelligenz hilft in immer mehr Lebensbereichen - gerade deshalb wird klassische Bildung immer wichtiger, sagt Peter Dabrock Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Klassische Bildung, Herr Dabrock, was zählt für Sie dazu?

Peter Dabrock, Theologe und Vorsitzender des Deutschen Ethikrates: Wenn ich das mal so auf die Schnelle formulieren kann: die Bibel, in Deutschland der "Faust", im anglo-amerikanischen Sprachraum vielleicht Shakespeare. Mathematik und Logik. Fremdsprachen. Und dann – vielleicht überraschend für manche – auch Musik und Sport. Denn klassische Bildung bedeutete immer, dass man nicht nur intellektuelle Fähigkeiten verbessert, sondern den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit Ernst nimmt und fördert.

Können Sie noch ein bisschen konkreter werden, was bedeutet Ganzheitlichkeit?

Die Bibel ist mehr als Rede über Religion, sie zeigt uns die ganze Bandbreite menschlicher Möglichkeiten, vom Wunderbarsten, was man glaubt, im Leben erwarten zu können bis zu den allerhässlichsten Seiten im Umgang von Menschen miteinander. Sie zeigt, was alles gut oder eben schief laufen kann. Und das manchmal auch in einer Person.

Von Mathematik und Logik spreche ich, weil sie die Klarheit im Denken schult. Die Fähigkeit, Fremdsprachen zu beherrschen, kann der Google Translator nicht ersetzen. Denn das Erlernen einer Sprache bedeutet auch zu erkennen, dass sie eingebettet ist in eine Kultur. So kann man beim Sprachen lernen sich selbst im Spiegel des Anderen neu sehen und sich in einem guten Sinne selbst relativieren. Sport bedeutet ja nicht nur Ertüchtigung des Leibes, sondern in vielen Fällen auch etwas, das man mit anderen zusammen macht. Die Musik spricht auf eine ganz elementare Weise die Kognition und Emotion an.

Diese ganzen Dimensionen zusammenzubringen. Das ist – glaube ich – im Zeitalter der künstlichen Intelligenz deswegen wichtig, weil die Halbwertszeit des Erlernten im Hinblick auf medientechnische Kompetenzen so kurz ist, dass man vor allem in seiner Fähigkeit als Mensch, sich diesen immer komplexer werdenden Systemen zu stellen, gestärkt werden muss.

Nun werden Sie als Vorsitzender des Deutschen Ethikrates zu dieser Debatte um den Einsatz künstlicher Intelligenz hinzugezogen, welche Grundsätze sollten denn gelten?

Klassische Bildung zielt ja darauf, differenzieren und Zweideutigkeit aushalten zu können, mit anderen Worten, zu lernen, dass das Leben in einer komplexen Welt nicht schwarz oder weiß ist. Zu kommunizieren, mit anderen zu kooperieren, kreativ zu sein und kritisches Denken - das sind die vier "K" bzw. im anglo-amerikanischen Bereich die vier "C", die man zusammenbringen muss: communication, cooperation, collaboration, critical thinking.

Wir dürfen nicht glauben, wenn wir plötzlich die Lehrpläne umschmeißen und dann noch zwei Stunden mehr Informatik machen, dass wir die Leute damit fit machen für die wirklich dramatischen Herausforderungen, die künstliche Intelligenz für das Leben von uns allen bedeutet.

Peter Dabrock, Theologe und Vorsitzender des Deutschen Ethikrates

Wenn es jetzt darum geht, die klassische Bildung wieder aufzuwerten, um den modernen Technologien begegnen zu können: Reicht denn da Ihrer Meinung nach die allgemeine Schulbildung oder bräuchte es andere, externe Angebote?

Ich glaube, dass wir unbedingt externe Angebote brauchen. Es darf gerade durch Social Media bedingte Kommunikation nicht sein, dass so genannte zweckfreie Bildung ins zweite, dritte Glied kommt. Wir brauchen das Zweckfreie, damit wir uns in den zweckgebundenen Dingen besser orientieren können.

Die Fragen stellte Julia, Hemmerling, MDR KULTUR

Ein Roboter steht vor einem Menschen. 6 min
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MDR KULTUR - Das Radio Do 21.03.2019 08:40Uhr 06:18 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. März 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2019, 14:02 Uhr

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