Kleingärtnern heute "Im Kleingarten kann man sich erden"

Die einen versuchen sich auf dem Balkon oder direkt vor der Haustür im Urban Gardening. Die anderen streben nach einer eigenen Parzelle in der Kleingartenanlage gleich um die Ecke. Der Schrebergarten ist schon lange nicht mehr Hort des Spießertums, sondern Sehnsuchtsort vor allem für junge Familien. Jan Fucks und Caterina Hildebrand kleingärtnern mitten in Leipzig - mit App und Youtube.

Aus der Garten-App oder dem Youtube-Channel wissen die Garten-Pioniere von heute, wie man Möhren verzieht, Tomaten ausgeizt und dass man als Anfänger im ersten Jahr am besten Kartoffeln anbaut. An diese Empfehlung hält sich Jan Fucks, der seit einem Jahr direkt beim Namensgeber der Bewegung, beim Dr.-Schreber-Kleingartenverein in Leipzig, Pächter ist:

Es ist alles noch Baustelle. Der Rasen ist eher eine Wiese. Ich seh' halt Rucola oder Löwenzahn eher als Salat an und nicht als etwas, das man ausstechen sollte. Die Weide muss noch entfernt werden, weil sie den Kleingartenbestimmungen nicht entspricht. Wir versuchen, dieses Jahr Kartoffeln anzubauen, weil wir gehört haben, dass man das als Anfänger machen soll - und wir sind Anfänger.

Jan Fucks, seit einem Jahr Kleingärtner in Leipzig

Der Preis der eigenen Kartoffel

Die Lust aufs eigene Grün packte Fucks und seine Freundin, als ihr kleiner Sohn geboren wurde. So geht es vielen, sagt Caterina Hildebrand vom Leipziger Kleingärtnermuseum. In der Leipziger Schreber-Sparte habe der Altersschnitt vor zehn Jahren noch bei 67 Jahren gelegen, inzwischen sei das Durchschnittsalter durch den Gärtner-Nachwuchs auf 53 gesunken. Keiner sei heute mehr darauf angewiesen, Kartoffeln anzubauen, weiß Hildebrandt: "Wenn sie das umrechnen würden, was Sie da an Arbeit reingesteckt haben, dann wäre der Preis für die eigenen Kartoffeln Wucher", sagt sie, "Aber jeder, der schon mal etwas Selbst-Angebautes aus dem Garten getragen hat, der kennt den Unterschied."

Wenn sie im Herbst das ganze Laub wegtragen sollen, dann ist das nicht so toll, aber wenn sie im Frühsommer die ersten Erdbeeren sammeln, dann fetzt das schon, auch wenn es nur eine Handvoll sind, gerade für die Kinder ist das schön.

Caterina Hildebrand, Kleingärtnerin seit acht Jahren und Leiterin des Deutschen Kleingärtnermuseums

"Man ist auch im Kleingarten nicht alleine"

Mit den eigenen Händen Pflanzen züchten, sie wachsen oder unter Umständen auch eingehen sehen, den Kindern zeigen, was der Lauf der Jahreszeiten ist - all das sind Motive, die Jan Fucks, aber auch Caterina Hildebrand bewegten, sich einen Kleingarten zuzulegen. Der bedeutet viel Arbeit, aber auch den Luxus in der immer beengteren Stadt einen Freiraum zu haben. Zu den vielleicht nicht immer gleich einleuchtenden Vorschriften, denen nun etwa Fucks' Weide zum Opfer fällt, merkt Caterina Hildebrandt trocken an: "In jeden Lebensbereich gibt es Regeln. Autofahrer werden doch auch nicht für spießig gehalten, weil sie die StVO einhalten." Fucks räumt ein, so viele seien es gar nicht: "Man muss ein Drittel bepflanzen, ein Drittel hat man für sich, ein Drittel darf die Laube einnehmen." Das sind die Regeln, die er kennt. Bleiben noch die, die mit den mehr oder weniger toleranten Nachbarn auszuhandeln sind.

Wenn man sich Mühe gibt, dann kommt man mit den Leuten klar. Man ist auch im Kleingarten nicht alleine, egal, wie hoch die Hecke ist.

Jan Fucks, seit einem Jahr Kleingärtner in Leipzig

Raus aus der Stadt!

Leipzig gilt als die Laubenpieper-Hochburg in Deutschland. Auf jeden sechsten Einwohner der Stadt kommt ein Kleingarten. Im Zentrum, da wo Fucks seine Parzelle hat, muss man inzwischen zwei, drei Jahre darauf warten. Caterina Hildebrandt sagt, alle Anlagen zehn Minuten vom Zentrum entfernt, seien voll. Ganz anders sei die Situation am Stadtrand: "Dort gibt es Anlagen, die haben 40 Prozent Leerstand." Und das sei dramatisch, weil solche Anlagen finanziell auf der Kippe stünden. Zu DDR-Zeiten gab es über eine Million Kleingärtner, die der Wunsch nach Selbstversorgung und Rückzug motivierte. Mit der Wende und dem demografischen Wandel brachen die Zahlen ein, auf eine Million Kleingärtner bundesweit, schätzt Hildebrand. Also nichts wie runter vom Balkon und raus aus dem Zentrum hinaus an den Rand der Stadt!

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: MDR FERNSEHEN | artour | 22.06. 2017 | 22:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2017, 00:00 Uhr