Gedenkfeier für Körperspender in Leipzig, 2016
Für jeden Körperspender wird eine Kerze entzündet. Gedenkfeier in Leipzig. Bildrechte: Institut für Anatomie Leipzig, Anna Katharina Rowedder

Körperspender Sich selbst spenden - Im Dienst der Wissenschaft

Körperspender stellen ihren Leichnam der Medizin zur Verfügung. Forschern und Studierenden erweisen Sie damit einen wertvollen Dienst. Für die Vermittlung anatomischer Grundkenntnisse ist die Ausbildung an menschlichen Körpern unerlässlich. Warum entscheiden sich Menschen für diesen Weg? Wie gehen Freunde und Angehörige damit um?

von Rita Kundt, MDR KULTUR

Gedenkfeier für Körperspender in Leipzig, 2016
Für jeden Körperspender wird eine Kerze entzündet. Gedenkfeier in Leipzig. Bildrechte: Institut für Anatomie Leipzig, Anna Katharina Rowedder

Was nach ihrem Tod geschieht, weiß Renate Alt genau. Ihr Körper wird auf einem blankpolierten Seziertisch landen. Medizinstudenten und -studentinnen werden ihre Leiche untersuchen und daran viel über Aufbau und Funktionsweise des menschlichen Körpers lernen.

Ich bin zwar anders erzogen, zur Erdbestattung, aber ich glaube, ich bin der Nachwelt eine Hilfe. Es ist also modern und gut, so zu handeln.

Renate Alt

Der 84-Jährigen ist diese Entscheidung nicht leichtgefallen. Renate Alt hat vor allem aus religiösen Gründen lange gezögert. Sie stammt aus Oberschlesien und wurde streng katholisch erzogen. Ihr Mann Kurt, evangelisch, dann Freidenker, hatte da weniger Bedenken. Das Ehepaar hatte in einem Zeitungsartikel von der Möglichkeit der Körperspende gelesen und sich schließlich gemeinsam dazu entschlossen. Kurt Alt ist 2016 gestorben. Mit 76 Jahren.

In Ausbildung und Forschung

Für Professor Ingo Bechmann, Leiter des Instituts für Anatomie in Leipzig, sind die Körperspender von unschätzbarem Wert. Jedes Jahr führt der Anatom bis zu 450 Studierende durch den Präparierkurs. Etwa vierzig Leichen werden benötigt, damit die Medizinstudenten akribisch Zellen, Knochen und Organe studieren können. Die 19-jährige Studentin Julika Friedrich erinnert sich an ihren ersten Tag:

Als wir dann die Leichen abgedeckt haben, war’s eigentlich gar nicht so komisch wie ich dachte. Also irgendwie hat man ja schon noch gesehen, es war ein Mensch, aber irgendwie auch nicht – wie so eine Wachspuppe.

Julika Friedrich, Medizinstudentin
Eine Gruppe Medizinstudenten beim Sezieren eines Gehirns, 2003
Eine Gruppe Medizinstudenten beim Sezieren eines Gehirns, 2003 Bildrechte: dpa

Auf die Person habe man bei der Arbeit dann aber gar nicht mehr so geachtet, erzählt die Studentin. Das bestätigt auch Professor Bechmann. Nach kurzer Zeit herrsche an den Tischen meist eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Aber dennoch gäbe es manchmal Gesprächsbedarf, etwa wenn die Studenten eine bestimmte Erkrankung erkennen oder die Todesursache eines Menschen.

Die Toten werden nicht nur fürs Studium benötigt, sondern auch für Forschung und medizinische Weiterbildung. Professor Bechmann ist führend auf dem Gebiet der Neuroimmunologie. Er erforscht zum Beispiel, wie sich das Immunsystem des Hirns bei der Alzheimererkrankung verändert und wo die Krankheit eigentlich beginnt. Professor Bechmann ist dankbar, dass ihm für seine Forschung menschliche Gehirne zur Verfügung stehen. In Leipzig hat er dafür sehr gute Bedingungen. Hier gibt es, wie Vergleiche zeigen, besonders viele Körperspender.

Am Institut für Anatomie melden sich jede Woche fünf bis sieben meist ältere Menschen zur Körperspende. Sie bezahlen 1.000 Euro, mit denen Totenschein, Transport- und Begräbniskosten abgedeckt werden. Ihre Motive sind unterschiedlich. Viele möchten vor allem dem medizinischen Fortschritt dienen, andere wollen sich oder ihren Angehörigen Aufwand und Kosten eines Begräbnisses ersparen.

Den Toten, die euch den Lebenden halfen

Thomas Kloss erfuhr erst am Tag, als seine Mutter starb, dass sie Körperspenderin war. Für ihn begann eine schwere Zeit.

Die Trauerphase hat für mich begonnen, als meine Mutter verstorben ist, aber zog sich so lange hin. Ich hatte auch keinen Ort, wo ich Abschied nehmen konnte, wo ich trauen konnte. Es gab ja keine Grabstätte.

Thomas Kloss
Renate Alt vor einem Foto ihres Mannes
Renate Alt vor einem Foto ihres Mannes Bildrechte: MDR/Rita Kundt

Das lange Warten auf Trauerfeier und Bestattung ist eine Herausforderung für die Angehörigen. Manchmal vergehen bis zu drei Jahre, bis ein Leichnam freigeben wird. Nach gut anderthalb Jahren konnte Renate Alt die Urne mit den sterblichen Überresten ihres Mannes entgegennehmen und bestatten. Nach der Beisetzung fühlte sie sich erleichtert, endlich hatte sie einen Platz zum Trauern.

Das Anatomische Institut unterhält eine eigene anonyme Grabstätte auf dem Leipziger Südfriedhof. "Den Toten, die euch, den Lebenden halfen" steht auf einem Gedenkstein. Grabsteine mit den Namen der Verstorbenen gibt es dort nicht. Renate Alt macht das nichts aus, sie wisse ja, dass ihr Mann dort liegt.

Einmal im Jahr veranstaltet die Universität eine Gedenkfeier, die von den Studenten des jeweiligen Semesters ausgerichtet wird. Sie wollen damit den Körperspendern und ihren Angehörigen danken.

Ich denke, es ist für alle ein sehr ergreifender Moment, auch für die Angehörigen, weil sie eben vor sich eine ganze Generation neuer Ärztinnen und Ärzte sehen, und damit auch klar ist, wie unglaublich wichtig dieses Geschenk für uns ist.

Prof. Bechmann, Institut für Anatomie Leipzig

Bei der Trauerfeier werden die Namen der Verstorbenen vorgelesen, die bis dahin anonym sind. Parallel dazu wird für jeden Verstorbenen eine Kerze entzündet, die die Angehörigen mitnehmen können. Die große weiße Kerze, beschriftet mit dem Namen ihres Mannes, steht jetzt bei Renate Alt zu Hause.

Ich finde, das ist das allerletzte Zeichen, und deswegen brauche ich nicht unbedingt auf dem Friedhof einen Namen.

Renate Alt

Ihr Körperspender-Ausweis liegt in einem kleinen Karton mit den nötigen Angaben für den Fall ihres Todes. "Ein bisschen Bammel" habe sie aber schon, gesteht Renate Alt.

Über die Autorin Rita Kundt, Jahrgang 1975, seit 2001 freie Autorin und Redakteurin für den MDR.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Körperspender - Im Dienste der Medizin"
Von Rita Kundt

Sprecherin: Bärbel Röhl

Regie: Ulrike Lykke Langer
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Produktion: MDR 2018 (Ursendung)

Sendung: 05.12.2018 | 22:00-23:00 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Körperspender - Im Dienste der Medizin" | 05. Dezember 2018 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2018, 08:35 Uhr

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