Debatte um Leipziger Jahresausstellung Absage in Raten: Wenn Kunst und Politik durcheinander gehen

Die Leipziger Jahresausstellung ist seit rund 25 Jahren ein festes Ereignis im Kunstkalender der Stadt. Erstmals wurde die Schau, die am 6. Juni starten sollte, nun abgesagt. Vorausgegangen war der Ausschluss des Malers Axel Krause, der sich für die AfD engagiert – durch einen Vereinsvorstand, der auf Druck erst Krause auslud, dann selber zurücktrat und die ganze Schau annulierte. Ein Kommentar.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR

Wir, das Publikum, die zur Freiheit begabten Menschen, sind leider zu dumm. Und deshalb hat eine Gruppe Leipziger Kunstaktivisten sicherheitshalber dafür gesorgt, dass wir gar nicht erst zu sehen bekommen, was wir wahrscheinlich nur falsch verstehen würden. Es geht im konkreten Fall um zwei Bilder eines Künstlers, der sich zu den politischen Zielen der AfD bekennt.

Die AfD, zweifellos, tut dem freien, wilden, verspielten Denken und damit einer offenen Kunst nicht gut, aber sie scheint doch über eine magische Kraft zu verfügen. Wieder und wieder haben wir es in den letzten Monaten erleben müssen: Irgendwer sagt AfD, und schon wird im Lager der Kunstwächter eingeteilt und zensiert, zurechtgewiesen und ausgeschlossen. Mit einem zudringlichen, beängstigenden Eifer werden  ideologische Knöllchen verteilt, und der Kampf wird damit genau in jenen Käfig getragen, den die AfD ja gerade dafür eingerichtet hat. Und also kann sie auch bestimmen, wie es in diesem Käfig riecht und wann das Licht an- und ausgeschaltet wird.

In einem Brief, der die Auseinandersetzungen um die Leipziger Jahresausstellung entscheidend mit gelenkt hat, schreiben einige Künstler in einer kritischen Stellungnahme zur Teilnahme Axel Krauses: Es erfülle sie mit Unbehagen, dass die Einladung Krauses als politisches Statement der Jahresausstellung und auch der beteiligten Künstler gelesen werden könne, auch wenn dies vielleicht nicht beabsichtigt worden sei. 

Die Einladung Krauses kann oder könnte als politisches Statement gelesen werden – mit solchen Andeutungen kann man die Kuratoren einer Ausstellung nur unter Druck setzen und sich selbst zugleich moralisch bestätigen. Denn nun müssten die Kuratoren ja beweisen, dass sie die Einladung Krauses nicht als politisches Statement verstehen, aber wie soll ihnen das verlässlich gelingen, wo sie doch nicht politische Biografien studieren, sondern Kunstwerke einschätzen. Es erinnert an jenes Muster, das einst zum Grundbesteck stalinistischer Kunstwachtmeister gehörte: Beweise du mir deine Unschuld, denn sonst muss ich davon ausgehen, dass du schuldig bist. 

Ja, aber was denn nun ...

Vielleicht aber hätten sie, die Besucher der Leipziger Jahresausstellung, auch ganz von allein die richtigen Schlüsse aus den Bildern des Axel Krause gezogen, und vielleicht hätten ja die vielen anderen beteiligten Künstler mit ihren Positionen Krauses Bilder einfach nur wie Bilder aussehen lassen. Nun aber, und das ist bedauerlich, dürfen die an den Bildern Interessierten gar nicht erst schauen und selbst entscheiden, denn nun ist die Ausstellung gleich ganz abgesagt.

Der Vorstand des Vereins Leipziger Jahresausstellung ist offensichtlich unter Druck gesetzt worden und hat hingeworfen. Seine Hilflosigkeit wird deutlich, wenn dazu folgende Begründung zu lesen ist: "Politische Neutralität erweist sich in diesen Zeiten als unmöglich. Der Verein bekennt sich zur Freiheit der Kunst." Ja, aber was denn nun: Wie soll die Kunst frei sein, wenn sie zugleich nicht politisch neutral sein darf, zum Beispiel? 

Letztlich haben sich nun auch jene Galeristen durchgesetzt, die, was ihr gutes Recht ist, den Maler Krause vor einiger Zeit aus dem Galerienbetrieb der Leipziger Baumwollspinnerei verbannt haben. Andere können anders entscheiden, und so wurde denn, in einem demokratischen Abstimmungsverfahren, Krause zur diesjährigen Leipziger Jahresausstellung eingeladen. Auch diese findet auf dem Gelände der Spinnerei statt. Und damit  stoßen Interessen und Vorbehalte aufeinander, die von außen kaum noch zu überblicken sind. Am Ende gewinnt nun wahrscheinlich der, der an der Tür abgewiesen wurde. Alle reden von ihm, von den 35 anderen Künstlerinnen und Künstlern der Leipziger Jahresausstellung redet keiner.  

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juni 2019, 11:17 Uhr

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