Iranische Frauen auf einer Straße in Teheran
Junge Frauen in Teheran, Juli 2018 Bildrechte: imago/Xinhua

Radiofeature Kopftuchlos in Teheran

Seit Dezember 2017 protestieren immer mehr Frauen im Iran gegen die strengen Kleidervorschriften. Sie zeigen sich ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit und posten in Internetforen ihre Bilder und Videos. Dabei drohen ihnen harte Strafen. Auch Dena, eine junge Frau aus Teheran, beteiligt sich an den Protesten. Die Journalistin Weronika Bohusz hat sie getroffen.

Iranische Frauen auf einer Straße in Teheran
Junge Frauen in Teheran, Juli 2018 Bildrechte: imago/Xinhua

Dena, 38 Jahre alt, von Beruf Lehrerin, geht jeden Tag ohne Kopftuch zur Arbeit. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, denn sie lebt im Iran, dem Land der Scharia, in dem die religiöse Führung den Kopftuchzwang seit fast 40 Jahren nicht gelockert hat.

In der U-Bahn sitzt die Sittenpolizei, das sind Wächter, die einen zu Recht weisen. In letzter Zeit haben sie die verstärkt, es sind jetzt viel mehr, unter ihnen auch viele Frauen. Da musst du aufpassen.

Dena, Teheran
Frauen im Tschador (großes, dunkles Tuch in Form eines Halbkreises) 30 min
Bildrechte: imago/UPI Photo

Irans Frauen begehren auf und nehmen ihre Schleier ab. Dabei drohen ihnen harte Strafen. Auch Dena, eine junge Lehrerin aus Teheran, protestiert gegen den Kopftuchzwang. Ein Feature von Weronika Bohusz.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 08.12.2018 09:05Uhr 29:48 min

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Eine neue Protestwelle

Mit einer Demonstration im Dezember 2017 fing es an. Eine junge Frau mit langem, schwarzem Haar hatte sich an einer Straße im Zentrum Teherans auf einen Stromverteilkasten gestellt. Ihr weißes Kopftuch hatte sie an einen Stock gehängt. Rasend schnell verbreitete sich ihr Bild im Internet. Dena erinnert sich:

Wir waren so aufgeregt – im Netz sah ihr Protest so imposant aus, ihre Geste, als ob sie das weiße Kopftuch in den Himmel, wie eine Fahne hissen würde. 

Dena, Teheran

Vida Movahed, so der Name der 31-jährgen Aktivisten, löste eine neue Protestwelle aus. Die Mutter einer kleinen Tochter wurde bald darauf festgenommen und verbrachte mehrere Wochen in Haft. Doch das schreckt Dena und andere Nachahmerinnen nicht ab.

Immer mehr Frauen trauen sich ohne Kopftuch auf die Straße obwohl ihnen dabei die Angst vor Schlägen, Folter und vor allem vor den Schikanen gegenüber der Familie immer im Nacken sitzt. Auch Dena fragt sich jeden Morgen, ob sie sich der Gefahr wirklich aussetzen will, außer mittwochs.

Am sogenannten "Weißen Mittwoch"– da ist es mir egal. Da gehe ich auf jeden Fall ohne Kopftuch unter die Menschen.

Dena, Teheran

Der "Weiße Mittwoch" ist eine Kampagne, die im Mai 2017 von der in New York lebenden Journalistin Masih Alinejad gestartet wurde. Sie fordert die Frauen auf, an diesem Tag als Zeichen des Protests gegen die strengen Kleidervorschriften einen weißen Schleier oder weiße Kleidung zu tragen. Fotos und Videos veröffentlicht die Aktivistin auf ihrer Plattform "My stealthy freedom" (Meine heimliche Freiheit).

Mit Minirock und Dauerwelle

Denas Mutter und Großmutter haben andere Zeiten erlebt. Im Familienalbum gibt es Fotos von der Großmutter im Minirock und mit Dauerwelle, von Denas Mutter mit Schlaghosen und langen schwarzen Haaren. Bis zur Islamischen Revolution trugen viele Frauen im Iran westliche Kleidung.

Reza Schah Pahlavi hatte 1936 das Tragen des Tschadors, des traditionellen Umhangs, der Kopf und Körper bedeckt, in der Öffentlichkeit untersagt. Das Verbot wurde teilweise mit Gewalt durchgesetzt. Sein Sohn Mohammed Reza hob das Verschleierungsverbot wieder auf, setzte aber die Modernisierungspolitik seines Vaters fort. Im Zuge eines umfassenden Reformprogramms wurden Frauen in den 60er und 70er Jahren viele zivile Rechte und Freiheiten gewährt.

Mehr als ein Stück Stoff

Nach der Islamischen Revolution 1979 veränderte sich die Lage. Ajatollah Chomeini verordnete das Tragen eines Kopftuchs in der Öffentlichkeit. Anfängliche Proteste wurden niedergeschlagen. Frauen durften in Schulen oder bei staatlichen Behörden nicht mehr ohne Hijab zum Dienst erscheinen. 1983 wurde die Zwangsverschleierung zum Gesetz. Frauen und Mädchen ab neun Jahren müssen im Iran ihre Haare bedecken und einen knielangen Mantel tragen.

Hassan Ruhani, Präsident des Iran, der bei einer Feier zum 'Nationalen Atomtag' eine Rede hält.
Präsident Ruhani hatte in seiner Wahlkampagne mit Lockerungen der Kleidervorschriften geworben Bildrechte: dpa

Eine Lockerung der strengen Bekleidungsvorschriften ist nicht in Sicht. Die iranische Justiz reagiert mit Härte auf die aktuellen Proteste. Shaparak Shajarizadeh, eine bekannte iranische Aktivistin, wurde für das Ablegen des Kopftuchs in der Öffentlichkeit zu einer Strafe von 20 Jahren verurteilt, davon 18 Jahre auf Bewährung. Denas Freundin Rosa wurde im August festgenommen. Nach ihrer Freilassung im Dezember war sie nicht in der Lage, darüber zu sprechen, was ihr im Gefängnis angetan wurde. Wahrscheinlich wird sie nach Kanada auswandern.

Denas Ehemann steht ihrem Protest skeptisch gegenüber. Die Gesellschaft brauche noch Zeit für derartige Veränderungen, meint er. Doch Dena lässt sich nicht abbringen. Für sie ist die Befreiung vom Kopftuch nur ein Punkt auf einer langen Liste. Der erste notwendige Schritt auf dem langen Weg zur Demokratie.

Wir kämpfen ja nicht um ein Stück Stoff. Wir kämpfen um unsere Würde.

Dena, Teheran

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Kopftuchlos in Teheran"
Von Weronika Bohusz

Regie: Friederike Wigger
Redaktion: Gabriela Hermer
Produktion: RBB 2018 (Ursendung)

Sendung: 08.12.2018 | 09:05-09:35 Uhrr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Kopftuchlos in Teheran" | 08. Dezember 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Dezember 2018, 09:28 Uhr

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