Musikszene Corona-Soforthilfen: Kreative fordern Nachbesserungen

Auch für die Kulturszene haben Bund und Länder Corona-Soforthilfen beschlossen. Doch davon profitieren längst nicht alle. Freischaffende Musiker etwa fallen bislang durchs Raster. Für viele bleibt nur die Grundsicherung.

Hilfspaket mit Geldscheinen
Ganz so einfach ist es nicht: Die Hilfsgelder kommen bei freischaffenden Musikern nicht per Post ins Haus geflattert. Bildrechte: imago images / Steinach

Kantaten und Passionen singen, mit dem Leipziger Denkmalchor proben, Musikstudenten unterrichten: So hätten die Tage des halleschen Baritons Philipp Goldmann jetzt ausgesehen, ohne Corona-Krise. Stattdessen aber zu Hause bleiben, auf die Kinder aufpassen – und immer mal wieder ein ängstlicher Blick aufs Handy: "Jedes Mal, wenn man einen Anruf bekommen hat von einem Konzertveranstalter, von dem man wusste, dass man mit dem ein Konzert vereinbart hatte und schon die Nummer auf dem Display gesehen hat, dachte man sich 'Ach ja, und die nächste Absage'", so Goldmann.

Massive Einnahmeausfälle

Philipp Goldmann
Der hallesche Sänger Philipp Goldmann Bildrechte: Anne Hornemann

Was ihm aufgrund der Corona-Krise entgeht: Einnahmen von über 10.000 Euro, schätzt Philipp Goldmann. Hoffnung setzte er deswegen in die Corona-Soforthilfe des Bundes, die Freiberuflern unkompliziert bis zu 9.000 Euro verspricht – ein Zuschuss, der nicht zurückgezahlt werden muss. Doch dann die Ernüchterung. Denn für Künstler und alle Freiberufler sei es kaum möglich, Gelder daraus abzurufen: "Weil die Gelder ausschließlich für Betriebsausgaben bestimmt sind – und diese Betriebsausgaben hat in der Regel kaum einer von uns."

Betriebsausgaben, das sind zum Beispiel gewerbliche Mieten oder Leasing-Verträge. Was die Soforthilfe nicht kompensiert: ausgefallene Honorare, zum Beispiel, wenn Konzerte abgesagt werden. Musikerverbände wie die Vereinigung Alte Musik und die deutsche Jazzunion kritisieren deshalb das Hilfspaket.

Torsten Tannenberg, Geschäftsführer des sächsischen Musikrats, schließt sich der Kritik an: "Sicherlich können wir nicht zufrieden sein, wenn es um große Förderprogramme geht, die mehr oder weniger eigentlich den unternehmerischen Bereich abdecken und auch den unternehmerischen Bereich von Kultur abdecken."

Das Hilfspaket – ein politischer Schnellschuss?

Tannenberg nimmt die Politik aber auch in Schutz und verweist darauf, dass bereits über weitere Hilfsprogramme nachgedacht werde. So hätte der sächsische Musikrat beim Landtag angeregt, Ausfallhonorare in Höhe von 60 Prozent bei öffentlichen Projekten zu zahlen.

Außerdem erinnert Tannenberg an die Schnelligkeit, mit der erste Hilfen beschlossen werden mussten. Damit sei die Politik zunächst überfordert gewesen. Nun müsse man aus der Krise etwas lernen. "Genau so, wie es einen Notfall in einem Krankenhaus gibt oder wie wir einen Notfallplan haben für Brandschutz, müssen wir zwingend auch einen Notfallplan für solche Krisen für den Kulturbereich erarbeiten", findet Tannenberg.

Der groß angepriesene Rettungsschirm: Für den Kreativbereich erweist er sich gerade eher als Schirmchen. So zeigen jüngste Zahlen der Sächsischen Aufbaubank: Gerade mal fünf Prozent der Anträge auf Bundes-Soforthilfe stammen von Kreativen. Bei der Thüringer Aufbaubank sind es weniger als zwei Prozent.

Grundsicherung als Alternative

Immerhin gibt es für Betroffene noch die Grundsicherung. Rainer Robra, Kulturminister des Landes Sachsen-Anhalt, sieht damit das Nötigste getan: "Damit ist wirklich all das finanziert, was man auch dann am Laufen hat, wenn man über keine eigenen Betriebs- und Geschäftsräume verfügt."

Grundsicherung, also eine Sicherung des Existenzminimums – für den Bariton Philipp Goldmann ist das keine Lösung. Denn die Politik habe etwas anderes versprochen. "Zumal die Grundsicherung eben eine Arbeitslosigkeit abfedern sollte und nicht eben ein Berufsverbot, wie wir das momentan erleben", ergänzt Goldmann.

Eine Unterstützung von Grundsicherung im Sinne von Hartz IV entspricht nicht dem, was uns von Seiten der Politik versprochen wurde.

Philipp Goldmann, Bariton

Ein Hilferuf auf Facebook

Er hoffe nun auf Nachbesserung des Corona-Soforthilfe-Pakets. Diesen Wunsch hat er auch auf Facebook geteilt – mit überraschendem Erfolg: "Offenbar habe ich da einen Nerv getroffen von ganz vielen Künstlern, die diesen Post geteilt haben. Und dieser Post wurde 45.000 Menschen angezeigt, was für mich als 'kleinen Musiker' unfassbar ist."

Ob Stimmen wie seine nun gehört werden, ob freiberufliche Künstler also weitere finanzielle Hilfen bekommen – das werden die nächsten Tage zeigen. Aber eines weiß Philipp Goldmann schon jetzt: Dieses Ostern war bestimmt kein Fest für sein Konto.

Post von Bariton Philipp Goldmann bei Facebook

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. April 2020 | 14:45 Uhr

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