Kleiner Ausflug in die Kulturgeschichte des Pelzes Vom Neandertaler-Dress zum Kunstpelzkragen

Ist die Liebe zum Pelz dem Menschen angeboren? Genau über diese Frage philosophieren die Darsteller in Roman Polanskis Film "Venus im Pelz". Die wenig erforschte Kulturgeschichte des Pelzes zeigt jedenfalls, das es sich um mehr handelt als ein Kleidungsstück.

Besucherinnen der Herbstmesse 1953 in Leipzig betrachten einen Pelz
Besucherinnen der Herbstmesse 1953 in Leipzig Bildrechte: IMAGO

Der Pelz hat eine Millionen Jahre alte Kulturgeschichte, die kein Ende zu kennen scheint. Allein in Deutschland werden heute mit Pelzen jährlich eine Milliarde Euro umgesetzt. Das liegt nicht allein an den irren Preisen für hochwertige Mäntel und Jacken, sondern auch an der Massenware mit Bommel oder Pelzkragen, die wie Verbraucherschützer immer wieder nachweisen oft durchaus "echt" sein können - entgegen der Deklaration als Kunstpelz. Ein Etikettenschwindel, der nicht nur Tierschützer entsetzt.

Erbe aus Urzeiten

Heute gilt das Tragen eines Pelzes als moralisch fragwürdig, warum das einst anders war, erklärt der Kunsthistoriker und Buch-Autor Philipp Zitzlsperger aus kulturgeschichtlicher Sicht. Das Erbe unserer Urahnen wirkt nach:

Auch wenn Pelzträger das selbst gar nicht wissen oder ahnen oder sogar leugnen würden: Der Pelz hat etwas Archaisches. Das ist die Haut eines ehemals lebendigen Raubtieres und dieses Raubtier hab' ich mir als Pelzträger angeeignet. Ich ziehe mir das Fell eines anderen Tieres über. Das kann nicht spurlos an unserer Psyche vorbeigegangen sein.

Philipp Zitzlsperger, Kunsthistoriker und Buch-Autor

Insignium von Stand und Macht

Könige, Kaiser oder Päpste trugen Pelz. Was Künstler von Tizian bis Dürer detailversessen als Insignium der Macht ins Bild setzten, hat Philipp Zitzlsperger wissenschaftlich untersucht: Die Kleidervorschriften der vormodernen Zeit, in der es beispielsweise Frauen verboten war, Pelz zu tragen, wenn sie nicht Gattin eines reichen Ratsherrn waren. Der trug dann Marder - wenn auch nur das Fell aus dem Kehlbereich, nicht das wertvolle Rückenstück, die Gattin schmückte sich mit Eichhörnchen. Aus all dem schließt Zitzlsperger, dass Pelz auf der Robe eines Porträtierten eher als Symbol seines Standes denn als Anzeiger von harten Witterungsverhältnissen zu deuten ist:

Da sieht man dann auch, dass der Pelz nicht für die Wärme da ist. Kunsthistoriker gingen da oft auch fehl, wenn sie sagten: Hier trägt der Dargestellte im Porträt von Dürer einen Pelz, also muss das Porträt im Winter entstanden sein. Was totaler Quatsch ist, denn dieser Pelz wurde auch im Sommer getragen als sichtbares Standeszeichen.

Philipp Zitzlsperger, Kunsthistoriker und Buch-Autor

Auch Neureiche, Dandys und Frauen leisten sich Pelz

Seit der Moderne adelten sich dann die, die konnten, selbst: Der Pelz war nicht mehr an den Stand gebunden, wie ein Blick in die New Yorker Presse des Jahres 1882 zeigt. Ausführlich wurde über Oscar Wildes Lesereise berichtet, auch seiner Kleidung wegen. Denn der Schriftsteller und Dandy trug den, nach Prinz Edward von Wales genannten, Edwardianischen Pelzmantel aus Robbenfell und löste so in Nordamerika einen maskulinen Pelz-Boom aus. Anfang des 20. Jahrhunderts übernahmen dann die Frauen.

Kein Ende der Pelzindustrie in Sicht

In Europa galt Leipzig als Pelzmekka. Seit dem 14. Jahrhundert gab es dort eine Kürschner-Innung und um 1800 arbeiteten hier schon 65 Kürschner-Meister. Der Brühl erlangte mit seinem Rauchwarenhandel Weltruhm und war Zitzlsperger zufolge seit dem 19. Jahrhundert das Zentrum der zentraleuropäischen Pelzverarbeitung und des Pelzhandels. Diese Tradition setzte sich in der DDR fort und die Pelze vom VEB Rauchwarenkombinat Leipzig, kurz: Brühlpelz, waren ihrer hohen Qualität wegen sehr beliebt. Zwei Drittel waren für den Export bestimmt. Das, was der VEB Interpelz nicht gegen Devisen loswurde, kam in den volkseigenen Handel. Heute ist China der größte Pelzproduzent der Welt. Trotz aller Kritik und des Wissens um die barbarischen Bedingungen, unter denen nicht nur dort Millionen von Tieren gehalten und getötet werden, sieht Zitzlsperger noch keine Ende des Pelzes als Kleidungsstück:

Selbst wenn es Alternativen wie Kunstpelz gibt, will die Kennerin oder der Kenner sich doch lieber mit dem echten Pelz schmücken und damit eben auch repräsentieren können. Also, wir leben in einer Doppelmoral: Natürlich wollen wir keine Tiere quälen und finden das auch ganz schrecklich. Aber das Fleisch der gequälten Tiere essen viele von uns trotzdem gerne und den Pelz dieser gequälten Tiere tragen viele von uns ebenso gerne.

Philipp Zitzlsperger, Kunsthistoriker und Buch-Autor

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 18. Januar 2018 | 22:05 Uhr

Buchtipps

Philipp Zitzlsperger: Dürers Pelz und das Recht im Bild

Philipp Zitzlsperger: Dürers Pelz und das Recht im Bild

Kleiderkunde als Methode der Kunstgeschichte
Akademie Verlag 2008
176 Seiten
ISBN 978-3-05-004522-1, EUR 29,80

Pelze aus Leipzig - Pelze vom Brühl

Pelze aus Leipzig - Pelze vom Brühl

Rainer Dorndeck. Fotografien 1970 bis 1990 & Doris Mundus. Eine Kurze Geschichte des Pelz- und Rauchwarenhandels.
120 Seiten, 147 Abbildungen
Sax-Verlag
19,80 Euro