Im Dezember ausgeschieden Nach dem Scheitern: Was hat die Kulturhauptstadtbewerbung Gera gebracht?

Am Mittwoch wird verkündet, wohin der Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2025" gehen wird. In Gera fiebert man nicht mehr mit, bereits im vergangenen Dezember schied die Stadt aus. Was hat sich dort seitdem getan – hat die Kulturhauptstadtbewerbung Spuren hinterlassen?

Ein Mann steht vor einem blauen Haus
Im August besprühte der aus Gera stammende Künstler Thomas Prochnow eine Hausfassade – ein kleiner Vorgeschmack auf ein Projekt, das aus der Kulturhauptstadtbewerbung hervorgehen soll. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Wir treffen uns da, wo alles begann: in einem leerstehenden Ladenlokel am Kornmarkt. Dessen Besitzer, der Architekt Thomas Laubert, hatte 2017 den kühnen Gedanken, die Bewerbung anzugehen – kurz nachdem Gera in einem Spiegel-Artikel als überalterte Pleitestadt niedergeschrieben worden war: "Wir waren eine Gruppe von ganz verschiedenen Menschen, der Altersdurchschnitt lag bei 30 Jahren. Und so standen wir für ein ganz anderes Bild, als das, was von Gera öffentlich vermittelt wurde."

Mit viel Enthusiasmus scharrte Laubert Interessierte um sich und schaffte es, dass die Bewerbung von den Bürgerinnen und Bürgern ausging, ein Alleinstellungsmerkmal unter den verschiedenen Städten. Der junge Geraer selbst schlug sich die Nächte um die Ohren, investierte ehrenamtlich Stunde um Stunde in dieses Projekt. Und auch wenn all das letztlich nicht zum Erfolg führte – es sei die Mühe wert gewesen, sagt er. "Wir haben viele Leute in dieser Stadt zusammen gebracht. Und während unsere Aktivitäten in der ersten Zeit oft als Spinnerei abgetan wurden, konnten wir später viele Menschen überzeugen."

Eine Stadt schaut nach vorn

Die Bürgerinnen und Bürger hätten durch die Kulturhauptstadtbewerbung an Selbstbewusstsein gewonnen, sagt Laubert: an Selbstbewusstsein, Berichte von ihrer niedergehenden Stadt an sich abprallen zu lassen, und auch in die Zukunft zu blicken. Die Kulturamtsleiterin von Gera, Claudia Tittel, teilt diese Meinung. Als sie Ende vergangenen Jahres ins Amt kam, war deswegen ihr erstes Anliegen, die Aufbruchsstimmung weiterleben zu lassen. Sehr hilfreich sei hier gewesen, dass die Thüringer Staatskanzlei bereits kurz nach dem Aus signalisiert hätte, eingeplante Fördergelder nach wie vor für Gera bereit zu stellen: "Das waren 220.000 Euro, für die wir dann sehr schnell Projekte aus der Bewerbung weiter entwickeln mussten."

Claudia Tittel. Eine junge Frau mit Brille und langen Haaren steht im Studio neben einem Mikrofon und schaut lächelnd in die Kamera.
Bevor sie Amtsleiterin wurde, hat Claudia Tittel das freie Kulturzentrum Häselburg in Gera aufgebaut. Bildrechte: MDR/Alexandra Fröb

Auch die Stadt Gera hielt an ihrem geplanten Eigenanteil von 100.000 Euro fest. Diese Mittel nutzt die Kulturamtsleiterin nun, um verschiedene Projekte voranzutreiben: Eine große Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit etwa, ein Klangkunstprojekt mit der französischen Partnerstadt Saint-Denis, und auch ein Graffitifestival, mit dem an die lebendige Sprayer-Szene in Gera in den 90er-Jahren erinnert werden soll. Sie hoffe, dass das Festival erstmals im Jahr 2023 stattfinden könne, so Tittel. "Wichtig ist, dass das Geld von der Staatskanzlei als Eigenkapital einsetzt wird, um etwas Dauerhaftes zu etablieren." So wie in Weimar etwa, wo das jährliche Kunstfest aus der Kulturhauptstadtbewerbung hervorgegangen sei.

Es gibt auch Gegenwind

Ein mehrgeschossiges Haus in verschiedenen Blautönen
Das Graffito schmückt ein Amtsgebäude unweit des Bahnhofs. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Claudia Tittel denkt also langfristig, was ihr nicht nur Lob einbringt. Als kürzlich als kleiner Vorgeschmack aufs Graffitifestival eine besprühte Hauswand eingeweiht wurde, gefiel das nicht jedem. Und auch so kommt im Stadtrat immer wieder die Kritik, dass man das Geld doch eher nutzen sollte, um Schulen zu sanieren. Tittel erwidert dann, dass die Fördermittel eben zweckgebunden seien. Und, dass die Kultur einen anderen Mehrwert habe. "Wenn die Schulen saniert werden, ist das richtig und wichtig für die Leute hier vor Ort. Aber wenn wir aus Gera hinaus gehen wollen, und das Image von Gera verbessern wollen, dann kann das durch Kultur geschehen."

In den kommenden Jahren sollen weitere Geldgeber wie die Kulturstiftung des Bundes ins Boot geholt werden, um Projekte zu finanzieren. Gehen die Anträge durch, so würden aus den 100.000 Euro, die die finanzschwache Stadt Gera in diesem Jahr bereit gestellt hat, am Ende zwei Millionen werden. Solch eine Förderquote sei doch ein Traum, sagt die Kulturamtsleiterin. Und hofft, dass dies auch in der Stadt wahrgenommen wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Oktober 2020 | 13:10 Uhr