Vom "Haus der Freundschaft" zum Lost Place Kulturpalast Schkopau – ein Nachruf?

Kulturhäuser sollten in der DDR Orte der Zusammenkunft und Bildung für die Menschen sein. Dafür wurden teils riesige Bauten aus dem Boden gestampft. Eines davon steht heute noch in Schkopau. Noch, denn das einstige "Haus der Freundschaft" des VEB Chemische Werke Buna gleicht einer Ruine: Abriss oder nicht, lautet die Frage.

Kulturpalast Schkopau heute
Einst Treffpunkt der Werktätigen im Chemiedreieck, heute Lost Place? Bildrechte: MDR/Ulrike Thielmann

Das einstige Kulturhaus des VEB Chemische Werke Buna bietet dieser Tage einen traurigen Anblick: eingeschlagene Fenster, offene, bemooste Kabelschächte. Berge von Bauschutt auf verwildertem Gelände künden von einer Entkernung, die nie zu Ende geführt wurde. "Irreversibel ruinös. Buna hat es nicht geschafft", urteilt Ulrike Wendland, Landeskonservatorin Sachsen-Anhalt, zum Ende ihrer Amtszeit im Mai 2020.

"Vielleicht gelingt es uns ja doch"

Kulturpalast Schkopau heute
Es wächst bereits Gras drüber Bildrechte: MDR/Ulrike Thielmann

Nach Jahren des Leerstands brachten zwei Investoren das Haus an den Rand des Ruins. Beide verspekulierten sich, beide saßen hinter Gittern. Der erste Besitzer, Martin Niemöller, galt in den 90er-Jahren in Halle und Leipzig als der "Disco-König". Die "Easy Schorre" und das "Haus Auensee" betrieb Niemöller mit Erfolg, mit dem Kulturhaus Schkopau verhob er sich und bescherte dem Land Sachsen-Anhalt 2004 gar einen Fördermittelskandal.

Jörg-René Schmidt, Besitzer der Asoposa Deutschland GmbH, erwarb das Haus 2014 und musste wegen Steuerhinterziehung in Haft. Ulrike Wendland kommentiert das Desaster:

Man braucht einen langen Atem für solche Projekte. Und diese Euphorie der 90er-Jahre, zu glauben: 'Ich komme als Investor, ich nehme die Fördermittel mit, ich investiere und dann läuft es.' Das war eine Illusion. Ich wüsste gar nicht, wann das je mal funktioniert haben sollte.

Ulrike Wendland, Landeskonservatorin Sachsen-Anhalt
Kulturpalast Schkopau heute
Treffpunkt für Sprayer Bildrechte: MDR/Ulrike Thielmann

Das verfallende Kulturhaus ist in Schkopau eine Wunde. Wer das Geld für den Abriss aufbringen soll, weiß niemand. Bürgermeister Torsten Ringling will es soweit nicht kommen lassen. Er bemüht sich ums Gespräch, auch mit Jörg-René Schmidt. "Bisher ist es mir nicht gelungen, aber ich gebe nicht auf. Es gibt nach wie vor – man kann sie Träumer nennen – Gespräche mit Niederlassungsleitern im jetzigen Value-Park, dem ehemaligen Buna-Gelände, die auch aus der Region stammen. Vielleicht gelingt es uns ja doch, das Denkmal, die Fassade zu erhalten und die Erinnerung nicht ganz sterben zu lassen." Eine Ausbildungsstätte etwa ist für das Kulturhaus im Gespräch. Jedoch, für die 18.500 Quadratmeter Fläche müssen weitere Nutzungen her.

"Das war ein Erlebnis, dort Zeit verbringen zu dürfen!"

Das Buna-Werk, in dem vor 1989 rund 20.000 Menschen arbeiteten, prägte die Identität einer ganzen Region, das Kulturhaus die Kultur. Unter sowjetischer Leitung von den Werksarchitekten Hauser und Reinhardt entworfen, entstand bis 1953 ein Bau in der so genannten Nationalen Tradition, ein sozialistischer Klassizismus, für den der "Klassenfeind" – durchaus zutreffend –  den Terminus "stalinistischer Zuckerbäckerstil" erfand. Dem Theatersaal mit rund 750 Sitzplätzen bescheinigte das Denkmalverzeichnis das Prädikat "bemerkenswert", und vermerkte "eigenwillige Neonlüster" ebenso wie eine "hervorragende Akustik". Petra Sauerbier war damals im Buna-Singeklub "Signal" und trat dort auch auf:

Da war dieser riesige Theatersaal mit einer Super-Bühnentechnik, das war ein Erlebnis, dort zu singen und zu musizieren. Außerdem gab es kleinere Räumlichkeiten, wo ich solistisch auftreten konnte, mit Nachtklub-Atmosphäre. Durch die Räume, Flure und Treppenaufgänge zu flanieren ... das war ein Erlebnis, in dem großen Haus, Zeit verbringen zu dürfen – mit Kultur!

Petra Sauerbier

"Nicht baufällig", bescheinigt das Ressort Bau

Kulturpalast Schkopau heute
Eine Ahnung von einstiger Größe Bildrechte: MDR/Ulrike Thielmann

Wer in der sozialistischen Kulturwelt etwas galt, gastierte in Schkopau: Ernst Busch, Helene Weigel, das Berliner Ensemble, um nur einige zu nennen. Walter Felsenstein verlegte eine ganze Spielzeit der Komischen Oper ins Kulturhaus. Zudem gab es unzählige Zirkel, darunter den komponierender und schreibender Arbeiter. Uwe Pfeifer, bekannter Maler aus Halle, lernte in Schkopau malen und zeichnen. Christina Kleinert ist zu jung, um das Haus in seiner Blüte erlebt zu haben. Aber als Dezernentin im Saalekreis betreut sie das Ressort Bau und versucht, der Geschichte des Kulturhauses Schkopau zu einem guten Ende zu verhelfen. Aus ihrer Sicht bestehen noch Chancen, denn "dass in irgendeiner Form eine Baufälligkeit gegeben wäre, ein Schwamm vorhanden oder aber im Fundament erhebliche Risse vorhanden sind, das haben wir als Bauaufsichtsbehörde nicht festgestellt, bisher. Abgesehen von der Fassade ist es nicht so, dass wir sofort Maßnahmen ergreifen müssten, weil es in sich zusammenfällt." Damit widerspricht Kleinert der Prognose der Oberen Denkmalschutzbehörde.

Eine kleine Hoffnung auf eine neue Nutzung im Kulturhaus scheint also möglich. Die 12.000-Seelen-Gemeinde Schkopau und den Saalekreis mit der Investoren-Suche allein zu lassen, überfordert sie jedoch.

Kulturpalast Wilhelm Pieck in Bitterfeld. 24 min
Bildrechte: imago/Dieter Matthes
Kulturpalast Wilhelm Pieck in Bitterfeld. 24 min
Bildrechte: imago/Dieter Matthes

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Juli 2020 | 11:15 Uhr