Offener Brief an die Bundesregierung Corona-Pandemie: "Hilfe darf nicht vor der eigenen Haustür aufhören"

Überall auf der Welt wird derzeit gegen die Corona-Pandemie gekämpft. Trotz aller Einschnitte können sich die Menschen in Deutschland auf ein vergleichsweise leistungsfähiges Gesundheitswesen verlasssen. Weitaus dramatischer trifft die Corona-Krise die, die ohnehin außerhalb aller staatlichen Fürsorge leben. Tausende Menschen, die an den Grenzen nach Europa auf Hilfe und Einlass warten, weil sie auf der Flucht sind. Sie nicht zu vergessen, fordern jetzt Kulturschaffende in einem Offenen Brief.

Türkische Polizisten stehen Wache, während sich die Flüchtlinge am Grenzübergang Pazarkule entlang der türkisch-griechischen Grenze versammeln.
An der türkisch-griechischen Grenze Anfang März Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: In der Flut der täglichen Corona-Meldungen tauchen die Flüchtenden nur noch am Rand auf. Auf ihre Situation machen jetzt deutsche Kulturschaffende in einem Offenen Brief an die Bundesregierung aufmerksam. Frau Salentin, Sie haben den Brief mit initiiert, was fordern sie darin und wer hat bislang unterschrieben?

Rebecca Salentin, Schriftstellerin: Mehr als 700 Kulturschaffende aus allen Kultursparten haben diesen Offenen Brief in den vergangenen zwei, drei Tagen unterschrieben. Darunter sind so prominente Namen wie Marion Brasch, Katja Riemann, Detlev Buck, Corinna Harfouch, Jella Haase, Volker Bruch, Meret Becker, Sandra Hüller, Max Moor oder Friedrich Küppersbusch.

Der Aufruf zeigt, dass die Kultur eine Stimme hat. Wir wollen zu dem, was an den Außengrenzen der EU passiert, nicht länger schweigen. Zu den Unterzeichnern gehört auch Ibrahim Arslan, der 1992 die Brandanschläge von Mölln überlebt hat. In einer Zeit, wo es wieder vermehrt Anschläge und Morde aus rassistischen Gründen gibt, wollen wir erst recht nicht schweigen zu der Schande, der sich Europa in unseren Augen gerade schuldig macht.

Rebecca Salentin
Schriftstellerin Rebecca Salentin Bildrechte: Enrico Meyer

Im Moment leben Zehntausende Geflüchtete in Griechenland unter katastrophalen Bedingungen. Es kommt zu Gewalt gegen Schutzsuchende, auch gegen Helfer und Helferinnen, Menschen werden in Lebensgefahr gebracht. Die griechische Regierung hat das Asylrecht ausgesetzt. Das ist mit der Menschenwürde, zu der uns das Grundgesetz verpflichtet, unvereinbar.

Schon vor der Corona-Krise haben sich über 100 Gemeinden in Deutschland bereit erklärt, Geflüchtete aufzunehmen. Wir haben also die Kapazitäten. Wir haben die Einrichtungen, wir haben das Personal. Wir haben die Bereitschaft, aber die Politik blockiert. Es wurde bis jetzt lediglich erklärt, dass man ungefähr 1.600 Kinder unter 14 Jahren auf mehrere EU-Länder verteilt aufnimmt. Wir finden, dass ist eine lächerlich geringe Zahl, zweitens finden wir, dass es kein Kriterium sein darf, wie alt man ist. Die Forderung an die Bundesregierung lautet, endlich dem Zuruf dieser Gemeinden, die ihre Aufnahmebereitschaft schon erklärt haben, nachzukommen.

Ihre Forderungen fallen genau in eine Zeit, in der jetzt die öffentlichen Systeme, und damit zum Beispiel auch der Verkehr, nur noch eingeschränkt funktionieren. Europa macht die Grenzen noch dichter, die Flughäfen sind mehr oder minder stillgelegt. Wie könnte oder sollte denn Ihrer Meinung nach aktive Hilfe aussehen für die Menschen, die an den europäischen Außengrenzen warten?

Ein Junge geht nach einem Regenfall an einem provisorisch errichteten Zelt außerhalb des Flüchtlingslagers Moria vorbei.
Moria: Ewiges Provisorium? Bildrechte: dpa

Wir machen ja gerade ziemlich viel. Die Bundesregierung lässt deutsche Staatsangehörige aus Urlaubsländern zurückfliegen. Wir schließen Schulen und Grenzen, beschränken das öffentliche Leben auf ein Minimum und das alles tun wir, um Leben zu schützen. Und das ist auch richtig so. Aber was in meinen Augen nicht geht, ist über den Grenzzaun hinweg zuzuschauen, wie Menschen eng aneinander gedrängt und unter katastrophalen Bedingungen vegetieren.

Im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos leben fast 20.000 Menschen in einem Lager, das nur für 3.000 ausgelegt ist. Dort kann sich niemand vor einer Ansteckung mit Corona schützen. Dort gibt es nicht mal die Möglichkeit, sich regelmäßig die Hände zu waschen. Wir überlassen diese Menschen ohne humanitäre Versorgung mehr oder weniger ihrem Schicksal. Das ist mit den Werten, denen sich die EU und auch unsere Bundesregierung verschrieben hat, unvereinbar. Diese Flüchtlingslager müssen so schnell wie möglich evakuiert werden. Griechenland braucht unsere Hilfe. Wir finden, wer jetzt nicht handelt, macht sich schuldig.

Sie haben gesagt, 700 Kulturschaffende haben unterschrieben. Mal abgesehen von denen: Was trauen Sie denn den Deutschen derzeit an solidarischen Gefühlen zu?

Solidarisch finde ich ein Super-Stichwort. Wir tun gerade alles, um Menschen vor Corona zu schützen. Wir sollen das Haus nicht verlassen. Aber ich finde, die Hilfe darf nicht vor der eigenen Haustür aufhören.

Ein Grund, warum ich diesen Aufruf gestartet habe, war die Abstimmung des Bundestages Anfang März, wo lediglich die Grünen und die Linke für die Aufnahme Geflüchteter gestimmt haben. Selbst die SPD hat bis auf drei Stimmen dagegen votiert. Das hat mich unglaublich wütend gemacht, zugleich habe ich danach von vielen Seiten gehört, dass man sich schäme für Europa und für unsere Politik. Ich schäme mich, aber ich bin vor allen Dingen wütend, dass man so mit Menschen umgeht. Zum Glück sind ja immer noch Menschen vor Ort: Journalisten, Ärzte, Helfer ... Aber auch die brauchen unsere Unterstützung!

Das Gespräch führte Michaela Khamis für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. März 2020 | 13:10 Uhr

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