Philipp Ruch
Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit Bildrechte: Candy Welz

Debatte "Zentrum für politische Schönheit" in Weimar: von Provokation keine Spur

Philipp Ruch und sein Zentrum für politische Schönheit machen mit ihren Kunstaktionen klare Ansagen – gegen Antisemitismus und Rassismus. Nun lud Ruch beim Kunstfest Weimar zum Diskussionsabend mit dem Titel "Das Riff der Geschichte", in dem es um künftige Formen des Holocaust-Gedenkens gehen sollte – und verzettelte sich.

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Philipp Ruch
Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit Bildrechte: Candy Welz

Philipp Ruch und sein Zentrum für politische Schönheit spalten das Land: Sie bauen eine Miniversion des Berliner Holocaust-Denkmal vor Björn Höckes Haus auf oder richten einen "Online-Pranger" für Neonazis ein. Ruch nennt diese Stoßrichtung selbst "Aggressiver Humanismus", und genau der ist es auch, der über dem Diskussionsabend beim Kunstfest Weimar stehen soll.

Gekommen, um zu streiten

Vier Personen vom Zentrum für politische Schönheit bei Kunstfest Weimar auf einem Podium. Ein Mann spricht.
Philipp Ruch, Lea Rosh, Naika Foroutan und Michel Friedman (vlnr.) Bildrechte: Candy Welz

Wie kann sie aussehen, die künftige Erinnerung an den Holocaust? Über diese Frage will Ruch diskutieren, denn für ihn, so macht er direkt zu Beginn deutlich, stehen die Zeichen der Zeit auf Alarmstufe rot: Er sehe erschreckende Parallelen zum Jahr 1932, zur damaligen innenpolitischen Appeasementpolitik, die sich heutzutage "Mit Rechten reden" nenne. Und mit den Worten - "Ich habe heute keine Appeaser eingeladen" begrüßt er seine Gäste: die Publizistin und treibende Kraft hinter dem Berliner Mahnmal Lea Rosh, den Fernsehmoderator Michel Friedman und die Migrationsforscherin Naika Foroutan.

Eigentlich einer Meinung

Kunstfest Weimar 2019, »Das Riff der Geschichte« mit Philipp Ruch, Lea Rosh, Naika Foroutan und Michel Friedman.
Philipp Ruch und Lea Rosh Bildrechte: Candy Welz

Es soll also ums Streiten gehen: um die Frage, wie die jetzige Situation rund um den Höhenflug der AfD einzuschätzen ist, in welche Richtung die Gesellschaft driftet und vor allem darum, was in dieser Gemengelage nun die Aufgabe jedes Einzelnen ist. Für Rosh und Friedmann eine Steilvorlage, auf die sie mit vielen Worten, aber um so weniger neuen Erkenntnissen eingehen: "Man kann keinen Diskurs führen mit Menschen, die anderen ihr Menschsein absprechen" wird mehrfach erklärt, genauso wie "Es geht darum, im Alltag die Stimme zu erheben wenn Menschen Unrecht geschieht". Streitlustig sind sie beide, nur ähneln sich ihre Positionen im Kern zu sehr, als dass eine echte Debatte entstehen könnte.

Ideen verpuffen

Eine Frau vom Zentrum für politische Schönheit bei Kunstfest Weimar spricht in ein Mikrofon.
Naika Foroutan, Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung Bildrechte: Candy Welz

So erlahmt die Diskussion, die ja eigentlich zu neuen Horizonten führen soll, sehr schnell – auch wenn Naika Foroutan immer wieder versucht, eine radikale Note einzubringen. Etwa wenn sie fordert, dass man sich endlich in die Strukturen der Neuen Rechten hinein denken müsse ("Das hier ist ein Projekt. Wir müssen fragen - wer finanziert es? Und wo sitzen diese Leute"), oder dazu aufruft, doch endlich die Strategien der Rechten zu kopieren: "Wir brauchen Geldgeber, Maschinen, Untergrundkämpfer, Bots!"

Ungewohnt leise

Ein Mann vom Zentrum für politische Schönheit bei Kunstfest Weimar spricht in ein Mikrofon.
Der Publizist und Fernsehmoderator Michel Friedman Bildrechte: Candy Welz

Doch diese Ansätze verhallen weitgehend. Philipp Ruch hält sich in der Debatte extrem zurück. Leider, denn die von ihm eingeworfenen Denkanstöße sind spannend. Etwa, wenn er davon spricht, dass Moral seit ein paar Jahren mit moralischem Absolutismus gleichgesetzt werde: "Woher kommt diese Moralfeindlichkeit?"

Am Ende des Abends - der doppelt so lange dauert wie angekündigt - bleiben so zwar einige kluge Gedankenschnipsel hängen. Wie das "Riff der Geschichte" aber aussehen soll, an dem das Vergessen zerschellt, bleibt offen. "Wir engagieren uns heute für die Kinder in 1.200 Jahren", sagt Ruch in seinem Schlusswort, und spielt damit auf sein großes Vorbild Elie Wiesel an. Braucht alles also einfach seine Zeit?

Zum Weiterlesen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. August 2019 | 07:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. August 2019, 11:24 Uhr