Dokumentation Vom Aufstieg und Fall des Kunsthändlers Helge Achenbach

Helge Achenbach kaufte Bilder für die Reichen und Mächtigen, doch dann kam der tiefe Fall. Der Kunstberater betrog den Aldi-Erben Berthold Albrecht um Millionen und verbrachte vier Jahre im Gefängnis. Wie kam es dazu, was trieb ihn an, und wie steht er heute zu seinen Taten?

Helge Achenbach war einer der ganz Großen im Kunstgeschäft. Er arbeitete mit Weltstars wie Gerhard Richter und Jeff Koons zusammen, vertrieb Kunst an etliche Wirtschaftsgrößen und die Reichen der Republik. Bis ihm ein Deal mit seinem Freund Berthold Albrecht zum Verhängnis wurde. Babette Albrecht, seine Witwe, hatte ihn im Namen der Erben angezeigt.

Die Party ist zu Ende

Am 10. Juni 2014 wird der mächtigste Kunstberater Deutschlands am Düsseldorfer Flughafen verhaftet. Helge Achenbach und seine Frau kommen gerade aus Washington.

Achenbach wird in 14 Fällen der Untreue, des Betruges und der Urkundenfälschung verdächtigt und zur Untersuchungshaft in die JVA Essen gebracht. Als er in der Zelle sitzt, wird ihm klar: Die Party ist zu Ende. Aber er weiß auch, dass er überzogen hat. "Ich war der Weltmeister, der Getriebene", meint er rückblickend. "Narzisstisch geprägt bis ins Letzte. Und immer auf der Suche nach Anerkennung."

Die Verlockungen des großen Geldes

Helge Achenbach, Jahrgang 52, studierter Sozialpädagoge, verlegte sich mit 26 Jahren auf Kunstberatung. Mit seinen vielfältigen Aktivitäten wurde er schnell zur Düsseldorfer Lokal-Prominenz. Von 1997-2000 war er Präsident des Fußballvereins Fortuna Düsseldorf, 2001 stieg er mit "Monkey's Island" in die Gastronomie ein, drei weitere Restaurants folgten. Von 2002-2014 war er außerdem Geschäftsführer und Miteigentümer der privaten Kunstsammlung Rheingold. Ein Tausendsassa, der die Exzesse liebte und gern im Mittelpunkt stand.

Dorothee Achenbach
Dorothee Achenbach Bildrechte: dpa

"Er war das, was man einen Macher nennt", sagt Dorothee Achenbach, promovierte Kunsthistorikerin und 20 Jahre lang Ehefrau von Helge Achenbach. Sie beschreibt ihn als einen Menschen, der immer mehrere Dinge gleichzeitig anpackte. "Also, er jonglierte und fand das auch toll, wenn man ihn als schillernd bezeichnete. Und alle fanden ihn toll, weil ja keiner wirklich durchgeblickt hat."

Achenbachs Kunden träumten vom schnellen Geld, setzten auf sein Insiderwissen. Für viele galt er als Mann im Zwielicht, was sie aber nicht davon abhielt, mit ihm Geschäfte zu machen. Dieses Unseriöse sei auch Teil seines Images gewesen, meint Kasper König, ehemaliger Direktor der Kölner Kunsthalle Ludwig. "Dieses Spiel hat er sehr geschickt gespielt und hat immer irgendwie was aufgerissen, wo man dann vielleicht mit einsteigen konnte."

Für Achenbach wurde das Handeln zur Sucht. Wann genau er anfing, seine Kunden zu betrügen, lässt sich nicht sagen. Es war wohl ein allmähliches Abgleiten in die verlockende Welt des großen Geldes.

Im November 2007 lernte der Kunsthändler bei einer privaten Feier den wohlhabenden Unternehmer Berthold Albrecht kennen. Vor Gericht bezeichnete er ihre Beziehung als Männerfreundschaft. Etwa nach einem Jahr signalisierte Albrecht, dass er bereit sei, 60 Millionen Euro in Kunst zu investieren, bot Achenbach allerdings nur fünf Prozent Händlerprovision. Obwohl der Kunsthändler wusste, dass dies kein gutes Geschäft war, ließ er sich darauf ein.

Über drei Jahre ging er für Albrecht auf Beschaffungstour und besorgte Kunst von Picasso und Kirchner, Roy Lichtenstein und Gerhard Richter. Dabei sei es zum "Sündenfall" gekommen. Bei zwei Bildern habe er die Einkaufsrechnungen manipuliert und die Preise nach oben geschraubt. Schaden: Rund 20 Millionen Euro.

Einsicht und Reue

Vor Gericht zeigt Achenbach Reue, räumt überhöhte Preise ein, legt Geständnisse ab. "Er hat sich dann auch in einer Verhandlung unter Tränen entschuldigt bei der Familie Albrecht, was er ihnen angetan hat", erzählt Dorothee Achenbach, "weil ihm das natürlich dann klar wurde, das Ausmaß. Ich glaube, das hat er in der Tat vorher verdrängt."

Achenbach sei "mit gesteigerter krimineller Energie vorgegangen" heißt es in einer Anklageschrift. 2015 wird er vom Landgericht Essen wegen Millionenbetruges an reichen Kunden in 18 Fällen zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Den Erben von Berthold Albrecht muss er 19,4 Millionen Euro Schadensersatz zahlen. Achenbachs Firmen gehen nach und nach in die Insolvenz. Seine umfangreiche Kunstsammlung wird für 6,5 Millionen Euro versteigert. Aus dem Gefängnis schreibt Achenbach an seine Frau:

Heute habe ich begriffen, wie oberflächlich mein Handeln war. Getrieben von materieller Gier, Äußerlichkeiten. Dabei hätte ich uns schützen müssen. Die Kinder, Dich, unsere Existenz. […] Einsicht und Reue sind da. Aber leider etwas zu spät.

Helge Achenbach Brief an Dorothee Achenbach aus der JVA Essen

Eine Spielernatur

Er sei nicht aus Gier straffällig geworden, sondern aus Leichtsinn, vielleicht aus Überheblichkeit, meint Anne Berlit, Malerin und Kunsttherapeutin in der Justizvollzugsanstalt Essen. Und sie konstatiert: "Er ist einfach eine Spielernatur."

Gregor Jansen, der Direktor der Düsseldorfer Kunsthalle, sagt, er habe ihn im Gefängnis geläutert erlebt: "In gewisser Weise, und natürlich immer wieder den alten Helge so durchschimmern sehen."

Helge Achenbach: Selbstzerstörung. Bekenntnisse eines Kunsthändlers
Helge Achenbach hat seine Geschichte aufgeschrieben. Bildrechte: Münchner Verlagsgrupp/riva

Seit Juni 2018 ist Helge Achenbach wieder ein freier Mann. Ein Freund hat ihm bis auf weiteres sein Landhaus in der Nähe von Düsseldorf gratis zur Verfügung gestellt. Von Dorothee Achenbach ist er seit 2016 geschieden, doch mittlerweile gibt es wieder eine Frau an seiner Seite. Unter dem Titel "Selbstzerstörung – Bekenntnisse eines Kunsthändlers" hat er 2019 seine Memoiren veröffentlicht. Darin listet er fein säuberlich auf, wie die an Albrecht vermittelten Kunstwerke seither im Wert gestiegen sind. Über seine Vergangenheit und die Zeit im Gefängnis sagt er:

Ich habe natürlich mit all dem, was ich da gemacht habe, Fehler gemacht, hundert Prozent, aber ich habe auch einiges bewegt. […] Was ich gelernt habe ist: Auch das konnte mich nicht kaputt machen. Und die könnten mich jetzt wieder in den Knast werfen, da würde ich das genauso wieder durchhalten. Ich bin unbesiegbar letztendlich.

Helge Achenbach

Über die Autorin Rosvita Krausz, geboren 1945 in Potsdam, Studium der Germanistik in Hamburg, danach Besuch der NDR Rundfunkschule bei Axel Eggebrecht. Ihre Themen: Porträts von Außenseitern, Grenzgängern, Traumatisierten. Rosvita Krausz ist Langzeitrechercheurin. Sie versucht, den Wahrheiten eines Lebens von möglichst vielen Seiten auf die Spur zu kommen. Rosvita Krausz lebt und arbeitet als freie Rundfunkautorin in Hamburg.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR - Feature
Aufstieg und Fall des Kunsthändlers Helge Achenbach
Von Rosvita Krausz

Sprecher: Friederike Kempter, Steffen C. Jürgens, Ulrike Hübschmann und Axel Thielmann
Im Originalton: Helge Achenbach, Dorothee Achenbach, Anne Berlit, Gregor Jansen, Kasper König, Michael Lucka, Cornelius Tittel

Redaktion und Regie: Ulf Köhler
Produktion: MDR 2020

Sendung: 08.07.2020 | 22:00-23:00 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Aufstieg und Fall des Kunsthändlers Helge Achenbach" | 08. Juli 2020 | 22:00 Uhr

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