Prof. Katarina Stengler, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum.
Prof. Katarina Stengler ist Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum. Bildrechte: Christian Hüller

Interview mit Chefärztin Auftrittsangst – wenn Lampenfieber zur Qual wird

Ob Sergei Rachmaninoff, Glenn Gould oder auch Swjatoslaw Richter: Die Liste berühmter Interpreten mit Auftrittsangst ist lang. Laut einer Studie der Universität Paderborn von 2012 leiden 43 Prozent der Orchestermusiker "stark" oder "mittelstark" an Auftrittsangst. Was macht das mit den Musikern? Und was können sie dagegen tun? Fragen an Katarina Stengler vom Leipziger Helios Park-Klinikum, die betroffene Musiker behandelt.

Prof. Katarina Stengler, Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum.
Prof. Katarina Stengler ist Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Helios Park-Klinikum. Bildrechte: Christian Hüller

MDR KULTUR: Lampenfieber kann ja durchaus positiv sein, etwa die Produktivität steigern. Wann aber wird es gefährlich?

Katarina Stengler: Immer dann, wenn es zur Beeinträchtigung des künstlerischen Auftritts oder der künstlerischen Leistung führt: Wenn Symptome wie Schwitzen, Herzklopfen oder Erstickungsgefühl auftreten, die es quasi unmöglich machen, künstlerisch aufzutreten. Dann sprechen wir von Angst oder Angststörung, und damit ist quasi auch der Charakter einer Krankheit erreicht.

Sie therapieren Musiker mit Auftrittsangst. Wie ausgeprägt sind deren Symptome?

Leider kommen die meisten Musiker zu zögerlich in unsere Sprechstunde. Das heißt, wenn sie diese Schwelle überschreiten und Hilfe in Anspruch nehmen, ist es schon sehr spät. Ich will nicht sagen zu spät, aber dann gibt es in aller Regel schon Vermeidungsstrategien und berufliche Konsequenzen, dass eben Auftritte abgesagt werden müssen.

Warum fällt vielen dieser Schritt denn so schwer?

Nach wie vor ist es ein Tabu. Und wir wissen auch – da gibt es gute Befragungen unter Berufsmusikern und unter angehenden Berufsmusikern und -musikerinnen – dass der Leistungsdruck ein Thema ist. Die Konkurrenz unter Musikern ist ein weiterer Punkt, der angegeben wird.

Dazu kommt die Angst vor Konsequenzen, später kein oder kein nächstes Arrangement zu haben oder nicht in der nächsten Besetzung – bei Orchestermusikern zum Beispiel – mitspielen zu dürfen.

Welchen Therapieansatz verfolgen Sie mit den Betroffenen?

Für uns ist Psychotherapie das Mittel der Wahl. In dieser geht es nicht nur um die Auftrittssituation sich, sondern auch um andere Fragen: Wie ist die soziale Gesamtsituation? Gibt es durch den Beruf existenzielle Ängste, die dem Musiker gar nicht als solche bewusst sind oder wo er sagt, 'das hat doch nichts mit dem Auftritt zu tun, wenn ich in existenzieller Not bin'. Aber sehr wohl hat das eben etwas miteinander zu tun. Wer nur unter leichter Auftrittsangst leidet, dem können außerdem schon Entspannungsmethoden helfen – oder auch Sport.

Bei den schweren Fällen kommt man so nicht mehr weiter?

In akuten und besonders extremen Fällen raten wir schon mal zu Medikamenten: selten zu Beta-Blockern, häufiger zu Antidepressiva. Wir nutzen vor allem Medikamentengruppen, die den Serotoninstoffwechsel beeinflussen, weil man weiß, dass bei Angsterkrankungen und auch bei Depressionen der Serotoninstoffwechsel zumindest zwischenzeitlich negativ beeinträchtigt sein kann und deshalb über Medikamente korrigiert werden sollte.

Das Gespräch führte Felicitas Förster für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Januar 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2019, 04:00 Uhr

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