Zwickau "Boom": die neue Landesausstellung zur Industriekultur in Sachsen

Vier Jahre haben die Ausstellungsmacher unter der Ägide des Dresdner Hygiene-Museums daran gearbeitet, nun wird sie eröffnet: Die große Landesausstellung "Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen". Hauptschauplatz ist eine ehemalige Werkshalle des VEB Sachsenrings in Zwickau. Daneben gibt es sechs weitere, kleinere Standorte. Ein ehrgeiziges Projekt, das trotz Corona hoffentlich viele Besucher anziehen wird.

Außenansicht vom Audi-Bau in Zwickau 7 min
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Schon die Ankündigung dieser Ausstellung klang vielversprechend. Endlich mal eine Ausstellung, in der es nicht um die Selbstinszenierung barocker Herrscher oder einen Wutbürger namens Martin Luther geht, sondern um Arbeit und Alltag richtiger Menschen.

Doch dann kam Corona. "Im Frühjahr habe ich einen kurzen Moment gedacht, das war es jetzt mit der Ausstellung", erklärt der Kurator Thomas Spring, der mit seinem Team vier Jahre an dem Konzept gearbeitet hat. Doch das 19 Millionen Euro teure Projekt, das eigentlich schon am 25. April hätte starten sollen, wurde nur verschoben, nicht aufgehoben und nun auch verlängert: Bis zum 31. Dezember 2020 wird die Ausstellung zu sehen sein.

Ein authentischer Ort für die Ausstellung

Eine Videoinstallation zum Annaberger Bergaltar läuft in der fast fertigen Landesausstellung im Audi-Bau.
Eine Videoinstallation zum Annaberger Bergaltar läuft in der fast fertigen Landesausstellung im Audi-Bau. Bildrechte: dpa

Der Ort selbst hätte nicht passender sein können: Eine im Jahr 1938 gebaute große Werkshalle der Auto-Union, ein Zusammenschluss der vier Autobauer Horch, Audi, DKW und der Wanderer-Autosparte. Anfang der 30er-Jahre wurde der Deal eingefädelt, mit dem in Zeiten der Weltwirtschaftskrise Automobilgeschichte geschrieben wurde. Hätte der Sächsische Staat das Unternehmen nicht übernommen, wäre auch die westdeutsche Wirtschaftsgeschichte nach dem Krieg sicher anders verlaufen.

Diesen spannenden Abschnitt der sächsischen Industriegeschichte haben die Ausstellungsmacher allerdings nur gestreift. Aus gutem Grund, denn nebenan, keine 50 Meter weiter von der Ausstellungshalle, wird im August-Horch-Museum die Erfolgsstory des Zwickauer Automobilbaus seit ihrer Gründung im Jahre 1904 detailliert aufbereitet. Sicher eines der schönsten Museen, die Sachsen zu bieten hat. Und ein Fest für alle, die einfach nur schöne Autos lieben.

Sachsen war vor 1945 Deutschlands Industrieregion Nr. 1

Eberhard Fiebig alias Fabrikant Richard Hartmann gibt vor der historischen Tenderlokomotive von 1910 aus den Hartmannwerken im Industriemuseum einen Vorgeschmack auf die 4. Sächsische Landesausstellung.
Eberhard Fiebig alias Fabrikant Richard Hartmann gibt vor der historischen Tenderlokomotive von 1910 aus den Hartmannwerken im Industriemuseum einen Vorgeschmack auf die 4. Sächsische Landesausstellung. Bildrechte: dpa

August Horch, der geniale Gründervater der sächsischen Automobilindustrie, war zwar kein Sachse, hätte aber gut einer sein können. Denn es ist die Mischung aus Begeisterung für alles Technische und weltoffenem Geschäftssinn, die Sachsen als Industrieland geprägt und groß gemacht hat. Denn weder das Schwabenland, noch der Lederhosen- und Laptop-Freistaat Bayern waren vor 1945 die führende Industrieregion in Deutschland, nein, es war Sachsen.

Nach dem Krieg wurden unzählige Fabrikanlagen von den Sowjets demontiert und in die UDSSR verfrachtet. Ein heftiger Schlag für die heimische Wirtschaft, aber in Anbetracht der Zerstörung, die die Deutschen in der Sowjetunion angerichtet hatten, eine verständliche und nachvollziehbare Maßnahme.

Fataler allerdings für das materielle Wohlergehen der Menschen war, dass die Sowjets Ostdeutschland eine Kommandowirtschaft überstülpten, in der technische Findigkeit und unternehmerische Initiative ausgebremst wurden.

In der DDR ging es bergab

Übersichtskarte der Standorte zur 4. sächsischen Landesausstellung
Übersichtskarte der Standorte zur 4. sächsischen Landesausstellung Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bestes Beispiel ist die Geschichte des Trabis, die in der Ausstellung erzählt wird. Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 entschied die SED-Führung entgegen vorherigen Plänen, auf den automobilen Individualverkehr zu setzen. Als Volkswagen Ost konnte sich der Trabi P601 zunächst technisch und ästhetisch durchaus sehen lassen. Doch leider blieb der Wagen bis zum Ende der DDR auf genau diesem Niveau der 50er-Jahre stehen. Sämtliche Vorschläge der sächsischen Autobauer, die Konstruktion zu erneuern, einen P603, P610 oder P1100, wie die Modelle hießen, in Produktion zu bringen, wurden von zentraler Stelle abgeblockt.

Andere sächsische Tüftler hatten mehr Erfolg. Einer der "Lieblingshelden der Arbeit" ist für Kurator Thomas Spring Heinrich Mauersberger, der Erfinder der "Malimo"–Nähwirkmaschine aus Limbach Oberfrohna, der die Textilindustrie der DDR revolutionierte.

"Mauersberger hat tatsächlich in seiner Garage eine völlig neue Art der Textilherstellung entwickelt", schwärmt Thomas Spring und ist stolz, dass er den von Mauersberger gebauten Prototyp der Nähwirkmaschine "Malimo" den Besuchern der Ausstellung präsentieren kann.

Eine sehr abwechslungsreiche Ausstellung

Knapp 600 Exponate unterschiedlichster Art haben die Ausstellungsmacher zusammengetragen. Dabei wird es trotz der Fülle an Objekten und Geschichten nie langweilig. So verdeutlicht eine ganze Strumpfkollektion den Welterfolg der Sächsischen Textil-Industrie in Chemnitz und Plauen. Aber auch deren Niedergang in den 20er-Jahren und zu Beginn der 30er-Jahre, der zum Aufstieg der NSDAP einiges beigetragen haben dürfte.

Relativ schnell wurde nach 1933 aus dem "roten Sachsen" ein braunes. Dabei hatte hier die Arbeiterbewegung ihren Ursprung, wie die Ausstellung deutlich macht. Aber nicht nur Karl Marx ist ein Thema, sondern auch Karl May mit seinem Gegenentwurf zur industriellen Massengesellschaft.

Das Ausstellungsstück, das vielleicht den stärksten Eindruck hinterlässt, ist kurioser Weise auch das kleinste. Es ist eine zwei bis drei Zentimeter große Nussschale, in die ein genialer Miniaturkünstler ein winziges Modell einer Dampfmaschine eingefügt hat. Mit allem drum und daran: Kessel, Kolben und Zahnrädern – aber eben als filigranes Nano-Kunstwerk. Es wurde 1893 auf der Weltausstellung in Chicago gezeigt. "Die Nussschale macht für mich das sächsische Ingenieursverständnis deutlich", erklärt Thomas Spring. "Also, es ist eine barocke Idee, die Welt in eine Nussschale zu packen, das Größte im Kleinsten zu spiegeln, und im Zentrum der Welt steht in Sachsen eine Maschine!".

Wie steht es heute um Sachsens Industrie?

Aber wie viele Maschinen stehen heute noch im Freistaat nach dem Kahlschlag in den 90er-Jahren? Eine Frage, der sich die Ausstellungsmacher am Ende des Rundgangs widmen. Tatsächlich ist es um das verarbeitende Gewerbe, eingeschlossen Bergbau und die Gewinnung von Steinen und Erden, so schlecht nicht bestellt. Im Jahr 2017 erwirtschaftete der Sektor einen Umsatz von 67 Milliarden Euro, und der Anteil an der Bruttowertschöpfung lag bei etwa 20,3 Prozent – kein schlechter Wert im bundesdeutschen Vergleich.

"Es gibt also durchaus Grund, ein bisschen stolz auf die sächsische Industrietradition zu sein", erklärt Kurator Thomas Spring und verweist im selben Atemzug darauf, dass neben Fleiß und Erfindergeist vor allem die Weltoffenheit das Geheimnis des wirtschaftlichen Erfolges war und ist.

Angaben zur Ausstellung 4. Sächsische Landesausstellung: "Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen"
Audi-Bau Zwickau, Audistraße 9
11. Juli 2020 bis 31. Dezember 2020

Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr

Industriekultur hören

Eberhard Fiebig alias Fabrikant Richard Hartmann gibt vor der historischen Tenderlokomotive von 1910 aus den Hartmannwerken im Industriemuseum einen Vorgeschmack auf die 4. Sächsische Landesausstellung. 4 min
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Neben der zentralen Ausstellung gibt es sechs weitere Schauplatzausstellungen. Zum Beispiel die im Industriemuseum Chemnitz zur 200jährigen Maschinenbautradition. Jaqueline Hene stellt sie vor.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 10.07.2020 18:00Uhr 03:54 min

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Große Zahnräder im Industriemuseum Chemnitz 7 min
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500 Jahre Industriekultur in Sachsen Transnational + Regional

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Die Industrialisierung ist ein transnationaler Prozeß mit starken regionalen Unterschieden. Wie wurde Sachsen zu einem der reichsten und am weitesten entwickelten Territorium in Deutschland? Dazu Prof. Helmut Albrecht.

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Eine Videoinstallation zum Annaberger Bergaltar läuft in der fast fertigen Landesausstellung im Audi-Bau. 5 min
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Eine Medieninstallation von Clemens Wedemeyer bringt den Annaberger Bergaltar, ein Leitobjekt der Ausstellung, und den Bergbau in Lateinamerika zusammen. Grit Krause hat es schon gesehen.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 10.07.2020 18:00Uhr 05:13 min

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Jahr der Industriekultur, 2020, Sachsen 7 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juli 2020 | 18:05 Uhr