Jubiläum in Halle 100 Jahre Landesmuseum für Vorgeschichte: Wo alte Knochen lebendig werden

Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ist ein Besuchermagnet, Hunderttausende haben dort schon die Himmelsscheibe von Nebra und andere archäologische Schätze bestaunt. Rund 16 Millionen dieser Schätze beherbergt es. Aber was macht den Erfolg des vor hundert Jahren eröffneten Hauses noch aus?

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Bergan muss steigen, wer zum halleschen Landesmuseum für Vorgeschichte will. Abweisend, fast fensterlos, thront der gedrungene Bau mit seinen zwei runden Ecktürmen auf einem Hügel oberhalb eines kleinen Platzes. "Unserer Vorzeit" lautet die Inschrift über dem Portal des Hauses. Eröffnet mitten im Krieg als erstes archäologisches Museum Deutschlands.

Wieso ausgerechnet Halle?

Die Vorgeschichte des Museums beginnt bereits 1817, als sich der "Unstrutverein für vaterländische Altertümer" gründet. Zwei Jahre später formiert sich außerdem der "Thüringisch-Sächsische Verein für vaterländische Alterthümer", zu dessen Mitgliedern die Gebrüder Grimm und die Brüder Humboldt, sowie der Weimarische Geheimrat Goethe zählen. Beide Vereine sehen ihre Aufgabe in der "Erforschung urweltlicher und vorzeitlicher, im Schoße der Erde verborgener Denkmale".

Himmelsscheibe von Nebra
Die Himmelsscheibe von Nebra gilt als einer der wichtigsten Funde aus der frühen Bronzezeit. Bildrechte: IMAGO

Die Vereinsmitglieder finden über die Jahre reichlich solcher Denkmäler: Tongefäße, Bronzeäxte und Steinbeile, Überbleibsel von Häusern und komplette Fürstengräber. Doch wohin mit all diesen Sachen? Zunächst stellt die Uni Halle Räume für ein "Provinzialmuseum für Vorgeschichte" zur Verfügung - bis auch diese Unterkunft zu klein wird. Anfang des 20. Jahrhunderts ist man sich in der Saalestadt dann einig, dass ein eigener Museumsbau her soll. Architekt Wilhelm Kreis erschafft auf fünf von der Stadt geschenkten Grundstücken ein imposantes Gebäude. "Das Museum verkörpert das Ideal der Zeit, die Sammlung monumental und würdig zu bewahren und zu präsentieren“, urteilt die Autorin Claudia Wohlfeld im Begleitband einer Sonderausstellung 2002.

Heute gelten andere Maßstäbe

Über die Jahre hat sich natürlich die Haltung des Museums zur eigenen Ausstellung geändert. Die Mitarbeiter wollen heute ihre Funde nicht mehr monumental präsentieren, sondern kunstvoll inszenieren und so Zusammenhänge sichtbar werden lassen. Zu den Ausstellungsteams gehören deswegen neben Archäologen, Paläobotanikern und Genetikern immer auch Künstler.

Heute inszeniert man eher, man möchte Geschichten erzählen mit den Funden. Wir konzipieren jeden Raum für sich mit einem Zentralobjekt und darum herum die erklärenden Beifunde oder die nächstfolgenden Entwicklungen.

Bettina Stoll-Tucker vom Museum für Vorgeschichte
Massengrab aus der Schlacht von Lützen wird im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle von Grabungsleiter Olaf Schubert untersucht
Im Landesmuseum werden nicht nur Ausstellungen konzipiert, sondern auch aktuelle archäologische Funde untersucht. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Zur Wirkung tragen auch Dinge bei, die der Ausstellungsbesucher nicht sieht. So setzt das Museum bei den Vitrinen auf eine spezielle, völlig entspiegelte Glasart, die nahezu unsichtbar wirkt. So können Objekte quasi ohne trennende Zwischenwand betrachtet werden. Und auch die Beleuchtung ist am Landesmuseum von großer Bedeutung. Ein Lichtexperte leuchtet die Ausstellungsobjekte mit Hilfe von kleinen Lampen so aus, dass viele eigentlich unscheinbare Details erkennbar werden.

Ein stolzes Jubiläum

In seiner hundertjährigen Geschichte hat das Landesmuseum für Vorgeschichte nicht nur glanzvolle Zeiten erlebt. So ließ sich das Haus während der NS-Zeit und der DDR jeweils vor den ideologischen Karren spannen, die Archäologie wurde für politische Zwecke instrumentalisiert. Dennoch zieht der heutige Museumsdirektor Harald Meller insgesamt ein positives Fazit: Die Archäologie in Deutschland würde ohne das Landesmuseum vermutlich nicht dort stehen, wo sie heute stehe.

Ich denke, wir haben die letzten zehn, fünfzehn Jahre Ausgezeichnetes geleistet, so dass wir stolz darauf sein können. Heute blicken wir einer wirklich guten Zukunft entgegen.

Harald Meller, Museumsdirektor und Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 09. Oktober 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2018, 04:00 Uhr

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