Deutsches Nationaltheater Weimar
Blick aufs Deutsche Nationaltheater Weimar Bildrechte: MDR/Thomas Müller

Reaktionen Was der AfD-Wahlerfolg für die Kulturpolitik in Thüringen bedeutet

Deutsches Nationaltheater Weimar
Blick aufs Deutsche Nationaltheater Weimar Bildrechte: MDR/Thomas Müller

Mit Entsetzen, aber auch mit dem Aufruf zum Dialog haben Kulturschaffende auf die Landtagswahl in Thüringen reagiert, bei der die AfD nach der Linken zur zweitstärksten Kraft im Freistaat gewählt wurde. Für das rot-rot-grüne Bündnis gibt es keine Mehrheit mehr. Und dass die Union auf die Linkspartei zugehen würde, galt vor dem 27. Oktober als ausgeschlossen.

Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat in Berlin twitterte, er sei "tief erschüttert": "Wir haben die Wiedervereinigung vergeigt. Wir müssen jetzt anfangen, mehr richtig zu machen, sonst vergeigen wir auch noch die Demokratie", erklärte er.

Kuntze: Keine Ostalgie beschwören

Generalintendant Kay Kuntze im Theatersaal des Landestheaters Altenburg, dunkle, festliche Stimmung, Kronleuchter und Ränge im Hintergrund, im Vordergrund Porträt des Intendanten
Generalintendant Kay Kuntze Bildrechte: Ronny Ristok

Mit Blick auf die schwierigen Koalitionsverhandlungen befürchtet Eckart Lange als Präsident des Kulturrates im Freistaat einen kulturpolitischen Stillstand: "Natürlich brauchen wir als Kulturakteure eine Landesregierung, die handlungsfähig ist. Und das ist in der gegenwärtigen Konstellation sehr kompliziert. Da muss man sehen, was daraus wird."

Kay Kuntze, Generalintendant am Theater Altenburg-Gera, fügte im Gespräch mit MDR KULTUR hinzu, das Wahlergebnis zeige, wie wenig Deutschland 30 Jahre nach dem Mauerfall zusammengewachsen sei. Zugleich erklärte er, "es wäre verkehrt, jetzt eine Ostalgie zu beschwören oder zu feiern." Man müsse nach vorn blicken, Theatermacher müssten die Probleme vor Ort zu thematisieren, ohne sie "einer ostalgischen Verklärung zu unterziehen".

Wir beim Theater versuchen ohnehin zusammenzuführen, wir betonen nicht das Trennende, sondern das Grundsätzliche. Wir fragen, was verbindet uns als Menschen mit unseren Träumen, Sehnsüchten und Sorgen?

Kay Kuntze, Generalintendant am Theater Altenburg-Gera

Weber: "Ich lehne Radikalität ab"

Hasko Weber, 2017, auf dem Balkon des Deutschen Nationaltheater in Weimar
Hasko Weber, Generalintendant am DNT Weimar Bildrechte: dpa

Ähnlich äußerte sich der Generalintendant des Weimarer Nationaltheaters, Hasko Weber, im Gespräch mit MDR KULTUR. Dass die Regierungsbildung angesichts eines zu erwartenden AfD-Erfolges kompliziert ausfalle, sei zu erwarten gewesen. Einen kulturpolitischen Stillstand befürchte er nicht. Sorge bereite ihm viel mehr, was das Wahlergebnis über die Stimmung im Land aussage, "dass wir es nicht nur mit einer verbal geteilten Gesellschaft zu tun haben, sondern dass sich diese Teilung auch in den Herzen und Köpfen als Tatsache" zu manifestieren scheine. Der Kultur komme die Aufgabe zu, Versuche der Verständigung zu unternehmen. Das bedeute, anderen Argumenten Gehör zu verschaffen, ihnen aber auch konfrontativ zu begegnen. Der Diskurs sei der Kern einer Gesellschaft.

Die Debatten werden sich verschieben, darauf kann man sich einstellen.

Hasko Weber, Generalintendant des Weimarer Nationaltheaters

Weiter sagte Weber, er hoffe darauf, dass die Parteien bei den Koalitionsverhandlungen die Anliegen der zwei Millionen Bürgerinnen und Bürger im Freistaat über ihr Eigeninteresse stellten. Mit Blick auf die Kultur erklärte der Theater-Intendant, natürlich sei die AfD als Partei, die in Bundestag, Landtagen und Stadtparlamenten vertreten sei, aufgefordert, sich auch dazu zu äußern: "Es wäre ja merkwürdig, wenn sie das nicht machen würde. Insofern werden sich Debatten verschieben, darauf kann man sich einstellen."

Er sehe das als Herausforderung auch im positiven Sinn, für scheinbare Selbstverständlichkeiten argumentativ einzutreten. "Das kann ganz lehrreich sein. Und zwar für alle." Wie sich die Häuser im gesellschaftlichen Diskurs positionierten, sei stark an die Leitungen gebunden. Er persönlich trete für humanistische Grundwerte ein und lehne Radikalität im rechten wie im linken Spektrum ab, nicht nur weil sie irgendwann zu Tätlichkeiten führe, sondern schon zuvor in den Debatten alles blockiere.

Mensching: Den Dialog immer wieder versuchen

Steffen Mensching
Steffen Mensching, Intendant am Theater Rudolstadt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Schwierigkeit, Verständigung innerhalb einer gespaltenen Gesellschaft herzustellen, beschrieb Steffen Mensching, Intendant des Theaters Rudolstadt, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vor der Thüringer Landtagswahl so: "Die Gefolgschaft von Höcke benimmt sich quasireligiös. Dazu passt, dass man die Wirklichkeit inzwischen nicht mehr betrachtet und analysiert, sondern 'fühlt'. Im Gespräch mit MDR KULTUR zeigte er sich nach der Wahl besorgt über den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Entscheidend in den nächsten Monaten sei, ob die vorhandene Kluft wachse oder sich überbrücken ließe. Da seien die Kulturschaffenden besonders gefragt:

Man muss den Dialog immer wieder versuchen. Auch wenn bestimmte Leute gar nicht mehr miteinander kommunizieren, in ihren Blasen sind und sich gegenseitig in ihren Vorurteilen bestätigen. Theater, überhaupt Kunst kann da Brücken schlagen. Den Dialog weiterführen und offen halten - das ist die Aufgabe.

Steffen Mensching, Intendant am Theater Rudolstadt.

Eine Reaktion kam auch von Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung: Er twitterte, problematisch bei der medialen Berichterstattung sei die ständige Gleichsetzung von den beiden, rechten und linken Rändern des Parteiensystems. Entscheidend sei doch, so Reinfrank, ob die Partei innerhalb oder wie die AfD außerhalb des demokratischen Parteienspektrums stehe.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 28. Oktober 2019 | 11:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2019, 16:05 Uhr

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