Schüler einer 5. Klasse malen um einen Tisch sitzend bei einer Gruppenarbeit.
Wie soll es in der Bildungspolitik künftig weitergehen? Hier gehen die Positionen der sechs größten Parteien teilweise weit auseinander. Bildrechte: dpa

Landtagswahl Thüringen Bildungspolitik in Thüringen - Was haben die Parteien vor?

Es geht um Lehrermangel, Inklusion und mehr Mitbestimmungsrechte: Welche Akzente wollen die sechs größten Parteien Linke, CDU, AfD, Grüne, SPD und FDP künftig setzen, wenn es um Schulen und Hochschulen im Freistaat geht? Ein Überblick von MDR KULTUR.

Mareike Wiemann
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von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Schüler einer 5. Klasse malen um einen Tisch sitzend bei einer Gruppenarbeit.
Wie soll es in der Bildungspolitik künftig weitergehen? Hier gehen die Positionen der sechs größten Parteien teilweise weit auseinander. Bildrechte: dpa

Ein Blick auf die letzten fünf Jahre

Wenn die Grundbedingungen nicht stimmen, braucht man über Visionen gar nicht erst nachzudenken: So könnte man die Situation an Thüringens Schulen in den vergangenen fünf Jahren umschreiben. Denn angesichts des Lehrermangels wurde über Bildungsinhalte wie etwa die Weiterentwicklung der Lehrpläne fast gar nicht diskutiert. Nach zuletzt veröffentlichten Zahlen lag der Unterrichtsausfall an allgemeinbildenden Schulen in Thüringen bei 6,6 Prozent.

Schulen komplett lahmgelegt

Vor allem in den Wintermonaten führte dies, bedingt durch Krankheiten, zu Extremsituationen: So fiel etwa im März dieses Jahres an einer Grundschule in Gera eine Woche lang komplett der Unterricht aus, weil sieben von elf Lehrern erkrankt waren und kein Ersatz organisiert werden konnte. Eine andere Grundschule in Ostthüringen führte im vergangenen Januar temporär die Vier-Tage-Woche ein: die 3. und 4. Klassen wurden zusammengelegt, die 1. und 2. Klasse an jeweils einem Wochentag nur abwechselnd unterrichtet. Auch abseits dieser Spitzen ist der Lehrermangel täglich spürbar, wenn einzelne Fächer ersatzlos ausfallen oder Nachmittagsangebote gestrichen werden, um den Unterricht garantieren zu können.

Die Thüringer Landesregierung hat in den vergangenen Jahren versucht, dem Lehrermangel mit verschiedenen Ansätzen zu begegnen: So wurde begonnen, Lehrer wieder zu verbeamten. Die Bezahlung der Lehrer an Regelschulen soll zudem bis Januar 2020 an die der Kollegen an Gymnasien angepasst werden. Und dennoch: Das Problem des Lehrermangels wird sich in den kommenden Jahren vermutlich verschärfen, weil viele Lehrer in den Ruhestand gehen und vergleichsweise wenige Absolventinnen und Absolventen die Unis verlassen.

Klassen haben künftig Mindestgrößen

Um die Schulen im Freistaat zukunftsfähig zu machen, wurde im vergangenen Juni ein neues Schulgesetz verabschiedet: Darin werden erstmals Mindestschülerzahlen für Schulen vorgegeben. Wenn diese künftig nicht erfüllt werden, sollen Schulstandorte über Kooperationen erhalten werden. Auch die Inklusion wurde im neuen Gesetz geregelt, demnach können sich Förderschulen künftig auch zu reinen Förderzentren ohne eigene Schülerinnen und Schüler weiterentwickeln. Die dort angestellten Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen sollen dann beraten, und an verschiedenen Schulen eingesetzt werden. Zunächst hatte die Landesregierung angedacht, alle Förderschulen perspektivisch aufzulösen. Nach heftiger Kritik unter anderem von Eltern ruderte sie zurück.

Insgesamt schnitten Thüringens Schulen in bundesweiten Rankings oft vergleichsweise gut ab, im Bildungsmonitor der arbeitgebernahen Initiative für Neue Soziale Marktwirtschaft etwa verschlechterte sich der Freistaat etwas, sicherte sich aber dennoch den dritten Platz.

Neue Kräfteverhältnisse an den Hochschulen

Auch das thüringische Hochschulgesetz wurde in der vergangenen Legislaturperiode überarbeitet. Seit 2018 haben Studierende und Mitarbeiter des Mittelbaus an Hochschulen mehr Mitbestimmungsrechte: In bestimmten Hochschulgremien sind Hochschullehrer, Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und Personal im Bereich Technik und Verwaltung jetzt zu gleichen Teilen vertreten. Einige Professorinnen und Professoren wollen sich mit der Gesetzesnovelle aber nicht abfinden, sie haben eine Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht eingereicht, da sie ihr Grundrecht der Wissenschafts- und Lehrfreiheit verletzt sehen.

Die Positionen der Parteien im Überblick

SPD-Logo auf Würfeln
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SPD Um wohnortnahe Schulen zu gewährleisten, schlägt die SPD Gemeinschaftsschulen und Sprengelschulen (kleine Grundschulen im ländlichen Raum) vor. Jeder altersbedingt ausscheidende Lehrer soll ersetzt werden. Der Beruf soll zudem attraktiver werden, u. a. durch eine bessere Vergütung von Grundschullehrern. Für Fächer, in denen es besonders an Lehrern mangelt, soll es Stipendien für Lehramtsstudenten geben. "Zudem muss die Einstellung von neuen Lehrern viel schneller gehen. Hier brauchen wir mehr Kompetenz an den Schulen", betont der bildungspolitische Sprecher Thomas Hartung. Um die Freiheit von Forschung und Lehre zu gewährleisten, will die SPD die Unabhängigkeit der Hochschulen von der Privatwirtschaft stärken. Hierfür soll die Wissenschaftsförderung ausgebaut werden.

Das Logo der Partei Bündnis 90/ Die Grünen
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Bündnis 90/Die Grünen Die Partei will das Angebot von Gemeinschaftsschulen und Ganztagsschulen ausbauen: "Uns geht es darum, dass wir jedes Kind an seiner Schule zu dem Abschluss kommen kann, der am besten zu ihm passt. Nicht das Kind soll zur Schule passen, sondern die Schule zum Kind.", erklärt die bildungspolitische Sprecherin Astrid Rothe-Beinlich. Auch Förderschulen sollen sich zu inklusiven Gemeinschaftsschulen weiterentwickeln können. Die Schulpflicht soll erweitert werden, bis ein erster Schulabschluss erreicht oder das 18. Lebensjahr vollendet ist. Sitzenbleiben soll abgeschafft werden. Um Lehrer zu gewinnen, soll nach Wunsch der Grünen die Eingangsbesoldung angehoben werden. Für angehende Pädagogen, die sich für Fächer entscheiden, in denen es stark an Lehrern mangelt, ist ein Landesstipendium geplant. Private Laptops und Handys der Schüler sollen in die Netzwerke von Schulen integriert werden können. An den Hochschulen soll allen Bachelor-Absolventen der Zugang zum Masterstudium offen stehen. Zudem wollen die Grünen eine Abschaffung der Hochschulräte prüfen.

AfD Logo
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AfD Die AfD befürwortet ein nach individuellen Begabungen differenziertes Schulsystem, das dem jeweiligen Leistungsvermögen der Schüler gerecht werden soll. "Wir wollen ganz grundsätzlich an den Bildungsplan ran, weil er bislang die falschen Schwerpunkte setzt. Fächer wie Mathe oder Deutsch treten in den Hintergrund, teilweise ideologische Fächer sind im Vordergrund. Das ist aus unserer Sicht falsch", erklärt Sprecher Stefan Möller. Die AfD will das Konzept "Lesen durch Schreiben" abschaffen. Ab der ersten Klasse soll es wieder Noten geben. Lehrer, die im ländlichen Raum oder Mangelfächer unterrichten, sollen Zulagen bekommen. Das Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit soll eingestellt werden. Hochschulen sollen die Möglichkeit bekommen, wieder zu den alten Bildungsabschlüssen Diplom und Magister zurückzukehren.

Das Logo der Partei Die Linke.
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Die Linke Generelles Ziel der Linken ist das wohnortnahe, längere gemeinsame Lernen - für Kinder mit und ohne Behinderung. In der Ganztagsschule sieht die Linke die günstigsten Bedingungen, Gemeinschaftsschulen sollen weiter gestärkt werden. Horte sollen beitragsfrei werden. Religionsunterricht soll als Wahlpflichtfach entfallen, aber außerschulisch angeboten werden. Es sollen mehr Lehrkräfte u. a. durch eine bessere Bezahlung der Grundschullehrer und durch unbefristete Verträge gewonnen werden. "Wir wollen jede Lehrerstelle ersetzen, plus zehn Prozent Vertretungsreserve mit einplanen", erklärt der bildungspolitische Sprecher Torsten Wolf. Dozenten an Fachhochschulen sollen so viel verdienen wie an Unis.

CDU-Logo
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CDU Grundschulen sollen nach dem Willen der CDU wohnortnah sein. In "Vorschaltklassen" für schulpflichtige Kinder und Jugendliche sollten "ausreichende Sprachkenntnisse und ein Grundverständnis für deutsche Kultur und öffentliche Ordnung" vermittelt werden, um die Integration zu verbessern. Gemeinschaftsschulen funktionieren für die CDU nur in den großen Städten: "Im ländlichen Raum sind wir als CDU klar für die Regelschule", erklärt der bildungspolitische Sprecher Christian Tischner. Mit Einstellungsgarantien, Boni für MINT-Fächer und Zulagen sollen Anreize für Lehrer geschaffen werden. Die Hochschulen will die CDU "aus dem Paragraphendickicht befreien", in dem sie durch das rot-rot-grüne Hochschulgesetz gefangen seien.

Der Entwurf für das neue FDP-Logos besteht aus drei Farben: Blau, Gelb und Magenta.
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FDP Die Partei will "Selbstverantwortliche Schulen", die ein Grundbudget bekommen, welches sich abhängig von Schülerzahl und Förderbedarf der Schüler erhöhen soll. "Schulen sollten eigenständig entscheiden können, ob sie sich zu einer Gemeinschaftsschule umwandeln oder welche Lehrmethoden sie wählen", erklärt Sprecherin Franziska Baum. Die Partei will die gleiche Besoldung und Vergütung in den jeweiligen Schularten, ebenso die Anerkennung von Abschlüssen aus anderen Bundesländern. Auch soll es mehr Ausbildungsplätze für angehende Lehrer geben. Regelschulen sollen enger mit der Wirtschaft verzahnt werden. Berufsschulen sollen mit Schulträger und regionalen Firmen ihr Profil selbst festlegen. Bei den Hochschulen lehnen die Freien Demokraten die Parität von Studierenden und Hochschullehrern im Senat ab und fordern, die Hochschullehrermehrheit hier zu erhalten. Hochschulen solle die Möglichkeit bekommen, über einen Rechtsformwechsel alternative Finanzierungsmodelle zu nutzen.

Parteienbefragung

Schulkinder heben im Unterricht ihre Hände 4 min
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Ein roter Bühnenvorhang
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Ein Mikrofon
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In einem Kästchen wird ein rotes Häkchen gemacht
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Schule und Bildung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 26. August 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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