Gespräch Goldberg-Variationen: Lang Lang wagt sich in der Leipziger Thomaskirche an Bachs Meisterwerk

Glück im Unglück. Im März, kurz bevor die Corona-Pandemie alles lahm legte, hat Lang Lang d a s Meisterwerk des Barock eingespielt: Bachs Goldberg-Variationen. 27 Jahre ließ sich der Starpianist Zeit und reiste dem Komponisten sozusagen hinterher. Nahe Bachs Grab in der Leipziger Thomaskirche wagte er sich dann an dieses "Universum der Musik". Der Mitschnitt des Live-Konzerts erschien jetzt zusammen mit einer Studioaufnahme. Was Werk und Konzertort für ihn bedeuten, haben wir Lang Lang per Schalte nach Peking gefragt.

Lang Lang 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

ttt - titel thesen temperamente So 06.09.2020 23:05Uhr 05:10 min

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Lang Lang 5 min
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MDR KULTUR: Bis Corona kam, waren Sie immer unterwegs, gaben Konzerte in ausverkauften Sälen, in den großen Auditorien. Nun sind Sie als Pianist schon im siebten Monat im Lockdown. Wie geht es Ihnen zurzeit?

Lang Lang, Pianist: Ich fühle mich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ich übe und unterrichte, aber es ist sehr seltsam, nicht auftreten zu können. Deswegen müssen wir auch in diesen Zeiten Wege finden, jede Gelegenheit nutzen zu spielen, ein Stück aufzuführen – oder Konzerte zu streamen. Beispielsweise die Goldberg-Variationen, wir denken darüber nach, im November, Dezember, mal sehen. Wir müssen auftreten. Weiter gar nicht zu spielen, wäre eine sehr schmerzhafte Erfahrung.

2017 haben Sie bereits einmal die schmerzhafte Erfahrung gemacht, nicht mehr spielen zu können. Wegen einer Überanstrengung Ihrer linken Hand. Wie gehen Sie vor diesem Hintergrund nun mit dieser ungewollten Pause um?

Lang Lang und die Goldberg-Variationen
Vor dem Konzert im März 2020 Bildrechte: Deutsche Grammophon

Diesmal bin ich nicht so sehr wegen mir und meiner Gesundheit besorgt.

Ich mache mir Sorgen, was die Pandemie für Musiker, Orchester und die Musikindustrie bedeutet. Viele, auch große Organisationen sind schon in großen Schwierigkeiten.

Im März, kurz bevor die Corona-Pandemie alles lahmlegte, haben Sie d a s Meisterwerk des Barock eingespielt: Bachs Goldberg-Variationen. Einmal im Studio, aber auch in der Leipziger Thomaskirche: Hat der Ort für Sie eine Magie?

Lang Lang und die Goldberg-Variationen
Lang in der Leipziger Thomaskirche, Bachs Wirkungsstätte als Kantor Bildrechte: Deutsche Grammophon

Näher kann man Bach nicht kommen: Ich habe dieses unglaubliche Werk, ein Schlüsselwerk, nur wenige Meter entfernt von seinem Grab gespielt. Es war eine spirituelle Erfahrung. Deswegen haben wir uns auch entschieden, die Aufnahme dieses Konzertes mitzuveröffentlichen. Es war ein sehr spezieller, wie ich finde, einmaliger Abend. Eben wegen dieser spirituellen Atmosphäre, die für mich im Raum spürbar war.

Wie, würden Sie sagen, beeinflusst ein solcher Raum Ihr Spiel, in welcher Weise hat er sie inspiriert?

Lang Lang und die Goldberg-Variationen
Ausverkauft Bildrechte: Deutsche Grammophon

Orte wie die Thomaskirche sind authentisch und das ist inspirierend. Ich bin Bach ein bisschen hinterhergereist. Auf dem Weg nach Leipzig habe ich den ersten Ort seines Wirkens als Organist besucht, die heutige Bachkirche im thüringischen Arnstadt. Als er die Stelle antrat, war er noch keine 20. Ich spielte auf der Barockorgel in der Kirche, sprach mit seinen "Nachfolgern" heute, dort in Arnstadt und dann in Leipzig. Ich besuchte auch das Bach-Museum.

Ich habe viel über ihn als Person erfahren. Dieses Wissen half mir, seine Art zu leben und zu komponieren besser zu verstehen; auch wie er seine Musik betrachtete. Das inspirierte mich sehr und gab mir mehr Vertrauen, sein Werk zu spielen.

Welche der beiden Aufnahmen bevorzugen Sie, das Konzert in der Thomaskirche oder die Studioaufnahme?

Lang Lang und die Goldberg-Variationen
Lang Lang auf dem Weg zu Bachs Grab Bildrechte: Deutsche Grammophon

Im Großen und Ganzen erlaubt das Studio mehr Präzision, wir hatten in Berlin viereinhalb Tage.

Die Leipziger Aufnahme hat hingegen etwas von einem alten Wein durch die besondere Atmosphäre in der Thomaskirche.

Was unterscheidet Bach von anderen Komponisten, warum gilt er vielen als Übervater?

Er scheint ein multifunktionales Superhirn gehabt zu haben. (Lacht) Bei den meisten Komponisten kann man sich auf die gleichmäßige Stimmführung konzentrieren. Bei Bach aber wechseln die Stimmen ständig ihre Positionen. Es ist so, als ob er mit jeder Stimme improvisiert. Das macht es so interessant. Besonders in den Goldberg-Variationen. Die Herausforderung ist, nicht zu kontrolliert, aber fokussiert zu sein, und gleichzeitig um diese Stimmen herum zu spielen. Die Linke spielt nicht immer den Bass, die Linke spielt sehr oft auch die Melodie und umgekehrt. Diese Wechsel sind faszinierend.

Lang Lang und die Goldberg-Variationen
Ovationen Bildrechte: Deutsche Grammophon

Hinzu kommt der Stil der Barock-Musik, in der Klassik, zum Beispiel bei Beethoven, kann man nicht einfach eine Note ändern oder irgendeine Verzierung hinzufügen. Was Beethoven geschrieben hat, das muss auch "geliefert" werden. Bei Bach sind die meisten Verzierungen "freestyle". Umso wichtiger ist es zu lernen, nach welchem Prinzip sie erfolgen. Auch die Dynamik, also die Lautstärke hat Bach nie wirklich genau vorgeschrieben. Weniger ist manchmal mehr, aber weniger ist manchmal auch komplizierter: Nämlich einen eigenen Weg zu finden, der aber in Verbindung steht zur ursprünglichen Idee. Das kann herausfordernder sein als eine ausgeschriebene Partitur.

Man hat die Goldberg-Variationen mit einer Kathedrale verglichen. Was macht dieses Werk so einzigartig?

Lang Lang und die Goldberg-Variationen
Ehrerbietung Bildrechte: Deutsche Grammophon

Die Goldberg-Variationen sind wie eine "Pyramide der Musik". Bach hat darin alles ausprobiert, was man in Variationen tun kann. Damit eröffnete er uns eine neue Art, Musik zu denken. In seiner perfekten Balance gleicht das Stück den ägyptischen Pyramiden, zugleich berührt es emotional sehr tief. So ist es nicht nur gut zum Üben – oder Schlafen (lacht) – auch wenn sich wohl nur die Aria am Anfang und am Ende dazu eignet.

Nikolaus Harnoncourt sagte mir einmal: "Die Aria muss klingen, als seist du der letzte Mensch im Universum. Nicht zu viel denken, fließen lassen!" Als Interpret darf man sich gerade am Anfang, in der Aria aber auch nicht völlg davontragen lassen von seinen Gefühlen. Man muss sehr klar sein, ruhig im Herzen.

Ich habe mit Zehn angefangen, die Goldberg-Variationen zu üben. Erst 27 Jahre später war ich bereit, das Stück einzuspielen. Nicht die schnellen Passagen waren die Herausforderung für mich, sondern all die kleinen Mysterien in den langsamen Variationen, vor allem in Nummer 25.

Die Goldberg-Variationen sind ein ganzes Universum, sie stehen für eine ganze Epoche der Musik. Es ist aber auch ein Lebenswerk mit Lebensgeschichten.

Die Fragen stellte Reinhold Jaretzky, MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | ttt | 06. September 2020 | 23:05 Uhr