"The House that Jack Built" Lars von Triers neuer Film ist eine grandiose Zumutung

Als Lars von Triers neuer Film "The House that Jack Built" beim Festival in Cannes Premiere hatte, war ein Teil des Publikums empört: zu provokant, zu blutrünstig. Unser Kritiker dagegen findet den Thriller mit Matt Dillon, Bruno Ganz und Uma Thurman ebenso klug wie durchgeknallt.

von Hartwig Tegeler, MDR KULTUR-Filmkritiker

Filmszene aus 'The House that Jack Built'. 1 min
Bildrechte: Concorde Filmverleih

Mi 28.11.2018 11:23Uhr 01:28 min

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Die Filme, die wir sehen, die Liebe, die Gewalt, der Tod, woher kommen sie, was ist ihr "Urgrund"? Die Realität? Oder die gequälte Seele eines Filmemachers, seine Depressionen und Obsessionen, die da sichtbar werden? Oder die Kulturgeschichte, ihr Themen- und Bilder-Reservoir? Oder mischt sich manchmal das zusammen und ergibt eine Erzählung über den Menschen, seine Grausamkeit, seine Brutalität, die Gewalt? Alles rhetorische Fragen. Wenn ein Action-Held Hunderte von Gegnern abknallt, so what. Aber jetzt ein von-Trier-Film über einen Serienkiller, mein Gott, was für eine Aufregung.

Bedrückende Bedrohlichkeit ist vom ersten Bild an gegeben, trotz des absurd-morbiden Humors. Eine elegante Frau am Straßenrand, Autopanne; sie steigt zu Jack in dessen Lieferwagen und fängt an zu plappern. Am Ende dieses ersten von fünf Morden schlägt Jack der Frau den Wagenheber über den Kopf. Vier weitere Morde werden geschehen, die wir in Lars von Triers Film sehen.

Jeder Mord ein Kunstwerk

All diese Morde, in all ihrer Gnadenlosigkeit und Brutalität, erleben wir aus der Perspektive von Jack – gespielt von Matt Dillon. Jack begreift jeden Mord als Kunstwerk. Am Ende will er die perfekte Installation aus gefrorenen Leichen in dem Lagerhaus schaffen, in das er seine Opfer schleppt. So möchte er das titelgebende Haus erschaffen, dessen Bau bisher immer gescheitert war: "The House that Jack Built".

Und dann ist da noch diese Stimme, anfangs, die Jacks Taten reflektiert und kommentiert.Sie sagt: "Ich weiß, Sie wollen jemand Besonderer sein, Jack. Aber ganz ehrlich, dieses Bild passt zur Leidensgeschichte jedes Suchtkranken. Der Alkoholiker leert die Flasche auch auf dem Zenit. Et cetera, et cetera."

Von Anfang also die Stimme – von Bruno Ganz –, die Jack auf diesem Weg zwölf Jahre lang begleitet, irgendwo in einem fiktiven Amerika irgendwann in den 1970ern. Dann wird die Stimme als Person sichtbar. Ihr Name ist "Verge". Was man sich als Verballhornung des Namens von Vergil, des römischen Dichters, vorstellen mag.

Parallelen zu Dantes "Göttlicher Komödie"

Womit sich wiederum – so, wie sich irgendwann die Wand des Lagerhauses öffnet – eine weitere Ebene in Lars von Triers Film auftut: Denn der, der in Dantes "Göttlicher Komödie" den Reisenden durch die Höllenkreise führt, das ist der römische Dichter Vergil. Wie Verge nun Jack begleitet. Und in der Tat finden wir auch bei Lars von Trier wie bei Dante das Bild desjenigen, der, verloren im Wald, auf ein Licht zugeht. Dieses Licht ist nicht das des Himmels, sondern der Hölle.

Durch den gesamten Film ziehen sich Reflexionen über das Morden und die Gewalt und ihre Darstellung in der Kultur- und Kunstgeschichte, und sie werden zum Begleitgesang zu der Höllenfahrt – am Ende sprichwörtlich –, die Jack, der Serienmörder, unternimmt. Der Ton ist von einer düsteren Aussichtslosigkeit.

Ebenso provokant wie klug konstruiert

Das Grauen solcher Geschichten, die das Mainstream-Kino bei gleichem oder höherem Blutzoll eben schenkelklopfend präsentiert, wird wieder spürbar. Also Bilder über das, was der Mensch tat und tut in seiner Geschichte, und was er in seinen Kunstwerken nachzeichnet. Von Anbeginn. Von der "Ilias", den Bildern eines Hieronymus Bosch, Dantes "Göttlicher Komödie" bis zu einem Stephen-King-Thriller.

Darauf verweist Lars von Trier mit seiner provokanten wie äußerst klugen Konstruktion, ja, er "zelebriert" es in seinem Film. Voller Andeutungen und Anspielungen, Bezügen und Metaphern, obsessiv, besessen und durchgeknallt. So, wie es sich für Kino gehört, das sich selbstbewusst als grandiose Zumutung begreift.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. November 2018 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2018, 20:03 Uhr

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