Lauren Elkin: Flaneuse.Frauen erobern die Stadt - in Paris, New York, Tokyo, Venedig und London
Lauren Elkin beschreibt, wie Frauen beim Flanieren die Städte erobern. Bildrechte: btb

Sachbuchkritik: "Flâneuse" von Lauren Elkin Flanieren als feministischer Akt

Der Flaneur als literarische Figur bevölkert Romane und Essays von Edgar Allan Poe, Marcel Proust, Franz Hessel oder Walter Benjamin. Immer sind es Männer, die sich beim Flanieren Gedanken über Gott und die Welt machen. Aber was ist mit den flanierenden Frauen? Fast kommt es einem vor, als hätte es sie nie gegeben. Diese Schieflage zeigt sich auch darin, dass es bisher kein eigenes Wort für flanierende Frauen gab. Die amerikanische Essayistin Lauren Elkin hat eins erfunden – und ein Buch darüber geschrieben.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Lauren Elkin: Flaneuse.Frauen erobern die Stadt - in Paris, New York, Tokyo, Venedig und London
Lauren Elkin beschreibt, wie Frauen beim Flanieren die Städte erobern. Bildrechte: btb

Für manche Menschen ist es ein Alptraum, für Lauren Elkin ist es die ideale Lebensform: der Großstadt-Dschungel. Aufgewachsen in einem ruhigen und übersichtlichen Vorort, studierte sie in New York und in Paris und liebt es seitdem, ganz in Megacitys aufzugehen.

"Ich fühlte mich in den Menschenmengen zu Hause, umgeben von Lärm und Neonleuchten, mit dem Supermarkt unten im Haus, der rund um die Uhr geöffnet hat, und dem äthiopischen Restaurant um die Ecke, in dem man fantastisches Essen zum Mitnehmen bekam; es war, als wäre ich, kaum dass ich aus dem Haus ging, wirklich Teil dieser Welt, ein gebender und nehmender Teil, und eins mit allen anderen." Aus "Flâneuse" von Lauren Elkin

Flanieren als Leidenschaft von Literaten

Bald wird es Elkin zur Leidenschaft, stundenlang durch Großstädte zu flanieren, und in ihrer jugendlichen Unschuld glaubt sie zunächst, das weite, nur scheinbar ziellose Gehen erfunden zu haben. Aber weil sie nicht nur viel geht, sondern auch viel liest, merkt sie bald, dass sie ihr Faible mit illustren Schriftstellerinnen und Künstlerinnen teilt.

Virginia Woolf etwa, Georges Sand, Martha Gellhorn, Sophie Calle und Agnés Varda. Nur ist offensichtlich noch niemand auf die Idee gekommen, diesen flanierenden Frauen einen gemeinsamen Namen zu geben. Elkin holt das mit ihrem Buch "Flâneuse. Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokio, Venedig und London" nun nach.

Lauren Elkin: Flaneuse.Frauen erobern die Stadt - in Paris, New York, Tokyo, Venedig und London
Autorin Lauren Elkin nimmt ihre LeserInnen mit auf ihre Streifzüge durch verschiedene Städte Bildrechte: btb

"Die Freude daran, durch die Stadt zu streifen, ist Männern und Frauen gleichermaßen zu eigen. Zu behaupten, es könne keine weibliche Version des Flâneurs geben, bedeutet, die Möglichkeiten, wie Frauen mit der Stadt in Kontakt stehen, auf die zu beschränken, wie Männer mit der Stadt interagiert haben.

Wir können über gesellschaftliche Gepflogenheiten und Einschränkungen diskutieren, aber wir können nicht negieren, dass Frauen da waren; wir müssen versuchen zu begreifen, was es für sie bedeutet hat, sich in der Stadt zu bewegen.

Vielleicht liegt die Antwort darin, Frauen nicht in einen männlichen Begriff einpassen zu wollen, sondern den Begriff selbst neu zu definieren."
Aus "Flâneuse" von Lauren Elkin

Vorbild Virginia Woolf

Denn, so Lauren Elkin, anders als für den Flaneur sei es für die Flâneuse keine Selbstverständlichkeit, sich den öffentlichen Raum zu erobern. Bis ins späte 19. Jahrhundert waren Frauen auf der Straße entweder als Bedienstete oder Prostituierte unterwegs.

Erst die modernen Metropolen des 20. Jahrhunderts eröffneten auch den Frauen die Möglichkeit, zugleich Teilnehmerin und Beobachterin des urbanen Geschehens zu sein. So wie Virginia Woolf in London.

"In den Straßen schürfte Woolf nach Drama, und sie füllte ihre Bücher mit den Menschen, vor allem den Frauen, die sie dort beim Vorübergehen, Arbeiten, Pausieren beobachtete. In einer Charakterstudie über eine Frau, der sie im Zug gegenüber saß, verkündete sie bekannterweise, dass 'alle Romane' mit einer alten Dame in der Ecke gegenüber beginnen." Aus "Flâneuse" von Lauren Elkin

Klug formuliert und mit Sinn für Ironie.

Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin, über "Flâneuse" von Lauren Elkin

Elkin belässt es nicht dabei, ihren historischen Vorbildern im wahrsten Sinne des Wortes durch die Städte zu folgen. Sie verknüpft deren Geschichten mit ihrer eigenen, erzählt von unglücklichen Lieben, von prekären Lebenssituationen, von der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Dabei ist ihr Motor die permanente Bewegung, nicht nur in der Stadt, sondern über Kontinente hinweg. Auf leichte und dabei keineswegs oberflächliche Art untersucht sie in ihrem Buch, wie Frauen sich die Straßen dieser Welt erobert haben und immer noch erobern müssen.

Wie sich Frauen noch immer die Straßen erobern müssen

Klug formulierend und mit Sinn für Ironie reflektiert Elkin über den Charakter der Flâneuse, der sich nicht zuletzt durch Mut und eine politische Haltung auszeichnet. Denn kein Raum, ganz sicher nicht der öffentliche, ist neutral, und auch im 21. Jahrhundert ist es mancherorten immer noch ein feministischer Akt, sich diesen Raum bewusst zu erobern. So kommt Lauren Elkin zu dem Schluss:

"Eine weibliche Flânerie, eine Flâneuserie, verändert nicht nur die Art, wie wir uns im Raum bewegen, sondern greift in die Struktur des Raums selbst ein. Wir fordern unser Recht ein, den Frieden zu stören, zu beobachten (oder nicht zu beobachten) und auf unsere Weise Raum einzunehmen (oder nicht einzunehmen), zu strukturieren (oder zu destrukturieren)." Aus "Flâneuse" von Lauren Elkin

Es ist natürlich schade, dass Lauren Elkin bei ihrem Parcours um die Welt ausgerechnet Berlin auslässt, gäbe es hier doch sicher viel zu sagen über flanierende Frauen. Aber wer weiß, jetzt wo die Flâneuse in der Welt ist, findet sich vielleicht auch für ihre Berliner Schwester bald eine Biografin. Bis dahin flanieren wir mit Lauren Elkin und ihren Vorbildern erstmal weiter durch New York, Tokio, London, Venedig und Paris.

Angaben zum Buch Lauren Elkin: "Flâneuse. Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokio, Venedig und London"
übersetzt von Cornelia Röser
Verlag btb, 400 Seiten

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Januar 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2019, 04:00 Uhr

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