Eine Gruppe Schauspieler versammelt sich um einen Mann mit schwarz-weiß-gestreiftem Jackett
Egal ob "Life on Mars", "This is not America" oder "Heroes": Die Hits von David Bowie spielen natürlich auch eine Rolle in "Lazarus" am Schauspiel Leipzig. Bildrechte: Rolf Arnold

Rezension Musical "Lazarus" in Leipzig: David Bowies Vermächtnis

David Bowie war bereits zu Lebzeiten ein Mythos, ein Jahrtausend-Künstler, Exzentriker, Enfant terrible. Einer seiner letzten öffentlichen Auftritte vor seinem Tod war bei der Premiere des von ihm geschriebenen Musicals "Lazarus" in New York, im Dezember 2015. Mittlerweile wird der Stoff weltweit auf die Bühne gebracht – so auch am Schauspiel Leipzig. Wird die Inszenierung dem Ausnahmemusiker gerecht?

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR

Eine Gruppe Schauspieler versammelt sich um einen Mann mit schwarz-weiß-gestreiftem Jackett
Egal ob "Life on Mars", "This is not America" oder "Heroes": Die Hits von David Bowie spielen natürlich auch eine Rolle in "Lazarus" am Schauspiel Leipzig. Bildrechte: Rolf Arnold

"Lazarus", das ist David Bowies Vermächtnis. Denn diese Geschichte um den Protagonisten des Stückes, Thomas Jerome Newton, ist in mehrfacher Hinsicht biografisch verstehbar. Zugleich ist "Lazarus" ein wunderbares "Best of Bowie", denn das Musical versammelt Hits aus nahezu allen Schaffensphasen Bowies: angefangen von "Life on Mars" aus dem Jahr 1971 über "This is not America" von 1985 bis zu "Valentines Day" aus dem Jahr 2013. Und viele andere mehr, muss man sagen, nicht zu vergessen natürlich "Heroes", den großartigen letzten Song des Abends, der das Premieren-Publikum in Leipzig zu Standing Ovations motivierte.

Bowie schuf sein eigenes Requiem

Die Idee zu diesem Musical geht auf den Film "Der Mann, der vom Himmel fiel" aus dem Jahr 1976 zurück. Hier spielte David Bowie die Hauptrolle, einen Außerirdischen namens Thomas Jerome Newton, der ja auch in "Lazarus" die Hauptperson ist. Viele meinten vor vierzig Jahren, die Rolle sei mit Bowie kongenial besetzt, denn auch er schwebte wie eine Art Außerirdischer durch diese Welt. Rein äußerlich als beinahe geschlechtsloses Wesen, aber auch existenziell, denn wie Thomas Newton im Film kam auch Bowie mit dem ihn umgebenden Kommerz und seinem irdischen Erfolg nicht immer gut klar.

Ein Mann und eine Frau stehen vor einer Video-Projektion, darauf ist ein Planet im Weltall mit drei Menschen zu sehen.
"Lazarus" wird derzeit von vielen Theatern auf die Bühne gebracht. Bildrechte: Rolf Arnold

Fast 40 Jahre später hatte Bowie dann die Idee, diese Figur mittels eines Musicals wieder aufleben zu lassen: als sich in seinem New Yorker Apartment langweilenden, Gin trinkenden, einsamen Mann, der viel lieber sterben würde, als so in der ihm fremden Welt weiterzuleben. Und spätestens, als Bowie kurz darauf tatsächlich starb, stellten sich natürlich direkte Bezüge zu ihm her. Er wusste von seiner Krebserkrankung, er hatte quasi alles erreicht – möglicherweise steckt in dem Thomas Newton also recht viel David Bowie.

Die Leipziger spielen ganz oben mit

Die Inszenierung des Schauspiels schafft es nun, Bowies Musik sehr professionell und mitreißend zu präsentieren: Das ist kein Stadttheater-Musical, sondern wirklich erste Liga! Es singen und spielen größtenteils Ensemblemitglieder, als Gäste wurden im Prinzip nur Christopher Nell und Luise Schubert in den Hauptrollen gebucht, das kann wahrlich nicht jedes Theater so leisten. Die von Stefan König hervorragend geleitete achtköpfige Live-Band könnte auch auf den großen Musicalbühnen der Welt problemlos bestehen.

Eine Frau schaut auf einen riesigen stilisiertes Haus aus Neon-Röhren
Szene aus "Lazarus" am Schauspiel Leipzig Bildrechte: Rolf Arnold

Das Bühnenbild in Leipzig ist eine Art Gerüst, das ein New Yorker Wohnhaus verkörpert. Drei Stockwerke, drehbar, von allen Seiten einsehbar, eine wunderbare multifunktionale Lösung. Unten spielt die Band, in der Mitte lebt Thomas Newton, darüber ist der Himmel über SoHo – David Bowies Himmel. Ringsherum hängen typische New Yorker Feuerleitern, die zugleich als Showtreppen fungieren. Es gibt viel Bewegung, ständig wird geklettert und getanzt, Musical eben. Zusätzlich werden Videos auf eine Leinwand projiziert.

Auffallend ist, dass vor allem Christopher Nell als Thomas Newton spielerisch versucht, David Bowies Exzentrik durch den gesamten Abend zu ziehen. Er singt nicht nur, er spielt den Bowie und hält das sogar durch, als sein Mikroport ausfällt und man ihm ein Handmikrofon reichen muss. Sehr sehenswert! Die Kostüme sind schrill, auch daran sieht man, dass das Konzept auf Show setzt und nicht auf Kammerspiel.

Wer war David Bowie?

Ob man der Person David Bowie durch das Musical näher kommt, ist schwer zu sagen. Kommt man dem kleinen Simba im "König der Löwen" näher? Ist das eine große Weltparabel oder doch nur ein putziges Singen vom "Circle of Life"? Ich bin skeptisch, hier hat das Genre seine Grenzen. In solch einer Figur und so einer Idee stecken natürlich viel, viel mehr, auch das Programmheft legt ein paar Fährten, aber ich möchte bezweifeln, dass das Abspielen eines Musicals dafür der am besten geeignete Weg ist.

"Lazarus" bleibt im wesentlichen Unterhaltung, aus der dann jeder mehr machen kann, wenn er mag. Zum Beispiel wieder mehr Bowie hören, was ja auch kein schlechtes Ergebnis ist. Für das Leipziger Schauspiel dürfte das Musical ein Zuschauer-Magnet werden.

Informationen zum Stück "Lazarus"
von David Bowie & Enda Walsh
Nach dem Roman "The Man Who Fell To Earth" von Walter Tevis
Deutsche Übersetzung von Peter Torberg

Musikalische Leitung: Stephan König
Regie: Hubert Wild

Nächste Aufführungstermine:
21. Juni / 26. Juni / 04. Juli 2019
jeweils 19:30 Uhr

Aktuelle Theaterkritiken

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juni 2019 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2019, 10:55 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR