Porträt Leander Haußmann: Ein Stern auf der Sonnenallee

Leander Haußmanns Mauerkomödie "Sonnenallee" lockte vor 20 Jahren Millionen Zuschauer ins Kino. "Dabei war die Mauer nicht mein Thema", sagt der Mann mit dem immer etwas wirren Haar, der am 26. Juni 2019 60 Jahre alt wird und auf Rückblicke wenig Lust hat. Er möchte weder sich noch andere langweilen. Obwohl er gern provoziert, liegt ihm viel an einer heiteren Stimmung. Ein Blick auf Haußmanns Karriere.

Vor Langeweile graut es ihm dermaßen, dass es ans Neurotische grenzt: "Ich sitze doch jetzt nicht da, wie ein alter Mann und blättere in meinen Erinnerungen", sagt der Regisseur, der am 26. Juni 60 Jahre alt wird. Er lebt im Moment, die Ideen jagen ihn umher, er will sich und andere gut unterhalten wissen. Sein väterlicher Freund und Mentor, der große Produzent Günter Rohrbach meint, seine vielen Einfälle hielten Leander Haußmann davon ab, große Rückschau zu halten.

Er hat es auf sehr kluge Weise vermieden, wirklich erwachsen zu werden.

Günter Rohrbach, Produzent und Mentor

Was nicht heißt, dass Haußmann planlos ist. Langjährige Freunde wie Schauspieler Henry Hübchen bestätigen, dass der Mann, der mit seinen wirren Haaren immer ein bisschen aussieht wie ein Bohemien, der erst Mittags aus dem Bett gekommen ist, tatsächlich immer früh um Sieben zu schreiben anfange. Beflügelt von einer Portion Größenwahnsinn, ergänzt Frank Castorf, ein anderer Förderer und Weggefährte.

Mal sehen, was geht: Von Ost nach West

Lebensläufe: Ein Stern auf der Sonnenallee - Leander Haußmann
Haußmann empört: "Es war klar, dass mich der Mitteldeutsche Rundfunk vor die Mauer stellt!" Bildrechte: Lebensläufe / MDR FERNSEHEN

Leander Haußmanns Karriere gleicht einer Fahrt auf der Achterbahn. Vom Vater erbt er dessen unbändiges Temperament, die Fabulierlust, auch die Widerspenstigkeit: Ezard Haußmann spielt am Deutschen Theater und der Volksbühne in Berlin. Er stellt sich nicht nur auf Kneipentische und hält DDR-kritische Reden, er protestiert auch gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Zehn Jahre Berufsverbot sind die Konsequenz. Den Sohn macht diese Familiengeschichte nicht vorsichtiger, Grenzüberschreitung und Tabuverletzung setzt er bis heute gerne zum Zweck der Demaskierung ein. Nach dem Motto: Mal sehen, was geht. Meist mehr als man denkt.

Lebensläufe: Leander Haussmann
Freunde und Weggefährten: Steffi Kühnert und Uwe Dag vor dem alten Domizil der Schauspielschule "Ernst Busch" Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Geboren im idyllischen Quedlinburg macht Haußmann zunächst eine Druckerlehre. Nach der Armeezeit will er "sich ein bisschen frei spielen", mit seinem Berliner Freund Uwe Dag gründet er eine Straßentheatertruppe, die unangemeldet auf den Marktplätzen der Republik auftritt. In Rokoko-Kostümen führen sie Molieres "Eingebildeten Kranken" auf. Die Leute werfen ihnen Fünf-Mark-Stücke zu. Da sie weder wie Punker noch wie Rocker aussehen und poetische Antworten geben, lassen die Ordnungskräfte sie gewähren. Ein herrlicher Sommer. Haußmann und Dag beschließen, auf die Schauspielschule zu gehen. Tatsächlich bestehen sie die Aufnahmeprüfung an der "Ernst Busch". Seine ersten Sporen verdient sich Haußmann unter Castorf in Gera und in Parchim.

Dann kommt die Wende. Fünf Jahre arbeitet er als Regisseur am Deutschen Nationaltheater in Weimar. 1995 wird er der jüngste Theaterintendant Deutschlands in Bochum. Sein Chauffeur Willi Döhring hat an die fünf Jahre währende Zeit nur die besten Erinnerungen:

Mit Leander kam das pochende Herz. Das war überwältigend für die Stadt Bochum.

Willi Döring, Chauffeur von Haußmann in Bochum

"Sonnenallee" oder: "Die Freiheit, von der ich spreche"

Leander Haußmann (links) und Detlev Buck auf dem Filmgelände Babelsberg während dem Dreh von 'Sonnenallee'
Haußmann mit Detlev Buck am Set in Babelsberg, wo die Sonnenallee als Straßenzug nachgebaut wurde. Bildrechte: dpa

1999 landet Haußmann mit "Sonnenallee" seinen ersten Kino-Hit. Gemeinsam mit Ingo Schulze und Detlev Buck schreibt er das Drehbuch zur Komödie über den DDR-Alltag einer Jugendclique kurz vor dem Abitur und mit Blick auf die Mauer irgendwann in den 70er-Jahren. Die Jungs fragen sich, ob sie sich drei Jahre zum Dienst bei der NVA verpflichten sollen, um studieren zu dürfen. Es geht um die Zukunft und Verbote, um die Stones-LP, die auf dem Schwarzmarkt 250 Ost-Mark kostet, um Disco, Mädchen und die Liebe. Sogar Drogen sind im Spiel. Der damals noch unbekannte Alexander Scheer spielt einen der Jungs, Micha Ehrenreich, ein Star wie Henry Hübchen mimt seinen leicht derangierten Vater Hotte, der ausflippt, als die Tochter in die Partei soll. Katharina Thalbach, die Mutter, kontert, damit wenigstens aus ihr was werde.

Hübchen erinnert sich, wie gekonnt der Kino-Debütant Haußmann, das bunte Ensemble führte – durch die aufwendig nachgebaute Kulisse der Sonnenallee in Babelsberg und mit dem Mut zur Improvisation: "Er hatte ein exaktes Storyboard und war total vorbereitet, das hat er alles sein lassen (...) Das ist eben Leander: mutig, frech, spöttisch, ironisch."

Bis zum Jahr 2003 sehen 2,6 Millionen Menschen den Film. Haußmann glaubt, den Grund für den Erfolg zu kennen. Seiner Ansicht nach war es der erste Film dieses Themas, "der auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet hat, der keine Schlachten schlug, die schon gewonnen sind, der auch nicht nachtrat, sondern eigentlich jedem seine Menschlichkeit gelassen hat." Dabei legt Haußmann Wert darauf, dass er mit "Sonnenallee" keinen Film über das Leben hinter der Mauer machen wollte.

Szene aus dem Film Sonnenallee
Keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern auch mal Disco hinter der Mauer. Szene aus dem Film "Sonnenallee". Bildrechte: imago/United Archives

Mein Thema ist nicht die Mauer, mein Thema ist nicht mal der Osten. Mein Thema ist das Individuum, das kein Held sein will. Dass aber gezwungen wird, ein Held zu werden, weil es um sein eigenes Glück kämpft und einen Anspruch darauf erhebt. (...) Die Freiheit, von der ich spreche, findet zunächst mal im Kopf statt.

Leander Haußmann, Schauspieler und Regisseur

Alles wird zur Komödie

Heute gilt "Sonnenallee" als Klassiker, findet auch Haußmann selbst: "Im Leben einen Klassiker zu machen, das ist schon auch ok. Es gibt viele, die haben gar keinen gemacht." Gefeiert wird er damals nicht vom Feuilleton, aber vom Publikum.

15 Filme dreht er in den nächsten Jahren, darunter "Herr Lehmann" nach dem Buch von Sven Regener als launiges Gegenstück zur "Sonnenallee", diese Komödie spielt nun in Westberlin kurz vor dem Mauerfall. Die eigene Erinnerung steht Pate beim Film "NVA", der von der Kritik als Militärklamotte verissen wird.

Siggi Meyer (Jürgen Vogel) (l) ist «Der Führer», Hans Zeisig (Michael Bully Herbig) ist «Stalin» in der Szene aus dem Film «Hotel Lux» (undatierte Filmszene).
Jürgen Vogel (links) und Michael Bully Herbig in "Hotel Lux" Bildrechte: dpa

Ein Wagnis wird sein "Hotel Lux". Für den Produzenten Günter Rohrbach ist es einer der interessantesten und schwierigsten Filme von Leander Haußmann: Eine Komödie über den Stalinismus. Bully Herbig spielt darin einen Komiker, der aus Nazi-Deutschland flieht, um in dem berüchtigten Moskauer Hotel, in die Fänge von Stalinisten zu geraten. In Gestalt von Walter Ulbricht beispielsweise.

"Hinter jeder komischen Situation steckt auch ein Moment von Trauer oder Berührt-Sein", sagt Rohrbach, der weiß, dass Haußmanns Vater Ezard während der Dreharbeiten starb und auch meint, dass Haußmann immer ein bisschen Angst vor zu viel Gefühl zu haben scheint. Kitsch und Pathos will er vermeiden, genauso Sentimentalitäten.

Ich versuche grundsätzlich, eine heitere Stimmung zu erzeugen. Weil es geht ja eigentlich immer nur um einen einzigen Punkt: Liebe. Menschen wollen einfach nur geliebt werden. Und wenn sie das Gefühl haben, dass man es tut, dann werden sie sofort netter. Auch ich.

Leander Haußmann, Schauspieler und Regisseur
Ezard und Leander Haußmann
Leander Haußmann mit seinem Vater Ezard bei der Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preises 2010. Bildrechte: dpa

Auf dem Theater tastet er sich heran an die großen Fragen und Gefühle. Etwa bei der Inszenierung von Kleists "Amphytrion" am Thalia Theater in Hamburg. Zwei Pärchen liegen im Streit. Sie wissen nicht mehr, wen sie da vor sich haben. Die Frage, die Haußmann stellt, scheint zeitlos modern: Wen liebt man, wenn man liebt? Jens Harzer, inzwischen Träger des renommierten Iffland-Rings, spielt die Rolle des Gottes Jupiters, der sich in Amphytrion verwandelt und dessen Geliebte Alkmene betört. Harzer nennt Haußmann einen der geistreichsten Menschen am Theater, den er kenne. Jede Probe mit ihm sei ein Geschenk.

"Zwei Wochen am Meer, mal sehen"

Als "ausgeflippten Theatergott" und "fröhliche Regie-Null" hat man Haußmann schon bezeichnet. Die Häme begleitet ihn so stetig wie der Erfolg. Seine "Romeo und Julia"-Inszenierung am Residenztheater München sorgt jahrelang für ein volles Haus. Buhrufe beschert ihm seine "Fledermaus"-Aufführung an der Bayrischen Staatsoper, Skandal macht seine geplatzte "Peter Pan"-Inszenierung bei den Wiener Festwochen.

Er kann unberechenbar sein in seinem Anspruch, sich selbst zu übertreffen. Die Selbstzweifel vor sechs Jahren sind so heftig, dass er in eine Depression stürzt. "Früher habe ich viel zu viel heruntergeschluckt", sagt er und wirft so doch einen Blick zurück.

Lebensläufe: Leander Haussmann
Leander Haußmann zu Hause Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Im Herbst 2018 feierte sein Stück "Staatssicherheitstheater" an der Volksbühne Premiere: Ein Bestsellerautor wird nach der Wende von seiner Stasi-Vergangenheit eingeholt ... Gerade läuft die Motivsuche für die Verfilmung. Das Drehbuch ist fertig.

Rund um sein 60. Geburtstag hat sich Leander Haußmann Einiges vorgenommen: Er will sich und anderen gegenüber großzügiger sein – und das erste Mal in seinem Leben in den Urlaub fahren. "Vielleicht gönne ich mir zu meinem Sechzigsten zwei Wochen am Meer, mal sehen."

Quelle: Lebensläufe: "Ein Stern auf der Sonnenallee – Leander Haußmann"
Ein Film von Marina Farschid

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 20. Juni 2019 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2019, 04:00 Uhr

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