Alles außer hochdeutsch Uwe Steimle: Heimatforscher und Störenfried

Wenn die Stadt Dresden auf dem Neumarkt ein "Denkmal für den permanenten Neuanfang" postiert, taucht Uwe Steimle dort mit einer Attrappe des seit vielen Jahren ruinösen Dresdner Fernsehturms auf. Wenn in der Galerie Neue Meister in Dresden ostdeutsche Klassiker nach und nach abgehangen werden, schlägt der Künstler Alarm. Er meldet sich zu Wort - und das gerne auf Sächsisch. Das versteht nicht jeder.

Seine Mission gleicht der eines inoffiziellen Ostbeauftragten. Denn auf seine Heimat lässt Uwe Steimle nichts kommen.

Szene aus Lebensläufe: Uwe Steimle
Steimle unterwegs in seinem Wartburg 312 Bildrechte: Lebensläufe/MDR FERNSEHEN

Er bereist sie mit einem alten Wartburg 312, praktisch fährt er mit diesem Souvenir aus einem verschrotteten Land in der Vergangenheit durch die Gegenwart. Und die Säle in Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen sind voll, wenn er zum Besten gibt, was er von den Irrungen und Wirrungen der Tagespolitik heute hält.

"Zeit heilt alle Wunder"

"Zeit heilt alle Wunder" oder "Heimatstunde" heißen die Programme des Kabarettisten, der einst das Wort Ostalgie erfand und mal sarkastisch formulierte, die Wiedervereinigung sei erst vollendet, wenn der letzte Ostdeutsche aus dem Grundbuch gelöscht sei. Steimle weiß, was es bedeutet, wenn ein ganzes Land untergeht. Ähnliches scheint er heute zu befürchten: Bei einem Auftritt in Heiligenstadt zitiert er Ex-Außenminister "Siechmar" Gabriel mit seinen Worten vom "Tanker Deutschland", den Politiker auch "in stürmischen Zeiten auf Kurs halten" und imitiert sogleich immer noch unübertroffen Honecker, wie er im Herbst 1989 das "Schiff des Sozialismus" mit zittriger Hand zu steuern sucht.

Szene aus Lebensläufe: Uwe Steimle
Steimle trägt das Motto seiner Missionen gern auf dem "Niggi", eine lautet: Rettet den Dresdner Fernsehturm, links in der Ferne im Hintergrund Bildrechte: Lebensläufe/MDR FERNSEHEN

Das soll wohl bedeuten, dass die hinter den Stanzen versteckte Hilflosigkeit ähnlich groß ist und der Untergang deswegen nicht mehr weit sein kann. Das Publikum lacht angesichts der Parallele, die Steimle im Kurzschluss zwischen Gestern und Heute zieht. Ob sie auch zutrifft? Vergleiche müssen erlaubt sein, findet Steimle. Auf der Bühne in Heiligenstadt hat Steimle keinen Hocker, sondern "einen schönen Höcke" und stimmt dann kurz die Liedzeile an: "Die Gedanken sind frei". Was er damit suggerieren will?

Es gibt kein rechtes Kabarett, es gibt nur Kabarettisten, die es nicht recht können. Kabarett ist nicht nur obrigkeitskritisch, sondern hält der Gesellschaft den Spiegel vor Augen. Und die Funktion heute ist es zu stören - wie immer schon.

Uwe Steimle

Steimle setzt auf sein Bauchgefühl und verwahrt sich zugleich dagegen, ein ewig-gestriger Jammerossi zu sein, nur weil er sich an Geschichten erinnert, die davon handeln, dass früher in der DDR nicht alles schlecht gewesen sei. Er sagt, er glaube nicht, dass die Welt früher besser war. Doch was er denke und fühle, möchte er heute auch aussprechen dürfen: "Das ist ein großer Luxus - mit allen Konsequenzen." Doch welche das sind?

"Dampf, Druck und Drill"

Lebensläufe: Uwe Steimle
Als Sprinter durch die "knochenharte Schule" des Leistungsports Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Steimle wird am 20. Juni 1963 in Dresden geboren, als Arbeiterkind, darauf legt er Wert. Sein Vater Karl Heinz, der eigentlich Förster werden wollte, verteidigt als Berufsoffizier den Weltfrieden und kommt nur alle paar Wochen nach Hause. Mutter Gertrud arbeitet im VEB Polypack, um 5 Uhr steht sie auf. Steimle wächst auf als Schlüsselkind und erzählt, manchmal sei er morgens rückwärts zum Frühhort der Schule gegangen, weil er nicht sehen wollte, was da im Dunklen vor ihm liegt. Er freut sich, wenn er mit der Mutter Zeit verbringen kann - und sei es auf dem Weg zum Wäschemangeln. In seiner Langeweile träumt er sich in andere Welten oder stromert in der Gegend herum. Dabei landet er eines Sonntags, als die Eltern Mittagsschlaf halten, im Heinz-Steyer-Stadion - und wird von Talentsuchern als Sprinter entdeckt. Er betreibt vier Jahre Leistungssport. Eine knochenharte Schule, sagt er: "Dampf, Druck und Drill. Nicht fragen, machen! Diktatur eben."

Am Ende bleiben seine sportlichen Erfolge überschaubar. Als er überlegt, nach der Schule wie sein Vater zur NVA zu gehen, rät der ihm ab: "Mach's nicht!" Seine Eltern scheinen gleichermaßen engagiert und gefangen im System. Steimle versucht den Ausbruch und bekundet, er wolle Schauspieler werden.

Ich behaupte, jemand, dem es gut geht, der wird doch nicht Schauspieler! Ich glaube, ich wollte es werden, um von mir wegzukommen. Ich wollte ein Anderer sein.

Uwe Steimle
Szene aus Lebensläufe: Uwe Steimle
Steimle liebt Kunst, links im Hintergrund ein Porträt seines Hallenser Malerfreundes Uwe Pfeifer "mit sächsischem Sahnekuchen" Bildrechte: Lebensläufe/MDR FERNSEHEN

Doch erst mal muss er sich dazu in der Produktion beweisen und Industrieschmied lernen, im Stahlwerk. Die Arbeit dort habe er verabscheut, sagt er. Zugleich vergisst er nie den einen Morgen, an dem er verschlafen hat: Plötzlich hält der Wagen des Werksdirektors neben ihm - um ihn, den Lehrling, mitzunehmen: "Das ist doch irre! Das ist auch Utopie für mich!" Damals habe er gelernt, mit jedem in der gleichen Sprache zu sprechen und sich nicht zu verstellen, erklärt Steimle.

"Bleib bei dir, renn nicht hinterher"

Immer etwas näher kommen die Kommissare Kurt Groth (Kurt Böwe, rechts) und Jens Hinrichs (Uwe Steimle) an den Ort, wo der Entführer Max das Model Caroline festhält.
Steimle und Böwe: "Nichts ist sicher!" Bildrechte: MDR/NDR/Gita Mundry

Als ihn später ein Dozent auf der Leipziger Schauspielschule bei einer Probe fragt, ob er eigentlich auch Hochdeutsch könne, sagt er: Nein. Trotzdem oder gerade deswegen legt der "flachsblonde Hänfling", der wie kein anderer den untergehenden Honecker parodiert, nach der Wende eine beachtliche Karriere hin. Er tritt nicht nur im Dresdner Kabarett "Herkuleskeule" und am Staatsschauspiel auf, sondern wird als Schweriner "Polizeiruf"-Kommissar Jens Hinrichs deutschlandweit bekannt. Er mimt den Streber, der den Ostmief aus dem wiedervereinigten Land vertreiben will. Im Weg steht ihm ein Kommissar, der nach 30 Jahren Berufserfahrung nun als sein Assistent weitermachen darf, Kurt Böwe spielt ihn. Doch auch Steimle weiß, was alles in dieser Rolle steckt.

Ich habe fünf Jahre gebraucht, bis ich Kurt Böwe beim Namen nennen durfte: Kurt.

Uwe Steimle
Szene aus Lebensläufe: Uwe Steimle
Ein Hinweis in eigener Sache? Bildrechte: Lebensläufe/MDR FERNSEHEN

Steimles Vater beendet sein berufliches Leben nach 25 Jahren als NVA-Berufsoffizier schließlich als Pförtner bei der Bundeswehr. Nach dem Tod seiner Frau, die mit nur 52 Jahren nach schwerer Krankheit stirbt, kann er die neuen Gegebenheiten nicht mehr aushalten, 1992 nimmt er sich das Leben. Es sei keine Zeit mehr geblieben, mit den Eltern über ihr Leben zu sprechen, das ihnen wie eine große Irrfahrt erschienen sein muss, bedauert Steimle.

Meine Botschaft ist, wenn es Probleme gibt mit Pegida: Reden mit denen und die über das Wort entlarven, sich auseinandersetzen und nicht weglassen oder verschweigen.

Uwe Steimle Lebensläufe
Szene aus Lebensläufe: Uwe Steimle
Botschaften, die nicht jeder verstehen kann Bildrechte: Lebensläufe/MDR FERNSEHEN

Dass Steimle heute mit seinen Auftritten polarisiert und ihm Nähe zu Pegida-Postionen nachgesagt wird, macht ihn "traurig". Er erklärt, dass er nun mal Dresdner sei und sich deswegen äußern müsse, wenn immer eingedroschen werde auf diese Stadt. Er appelliere, das Gespräch miteinander zu suchen, das ja ein demokratisches Grundrecht sei. Den Lederbeutel, den Kurt Böwe privat wie vor der Kamera immer bei sich trug, verwahrt Steimle heute wie eine Reliquie. "Bleib bei dir, renn nicht hinterher", hatte Böwe ihm geraten. Gar nicht so leicht, wenn man mal den Kompass verloren und das große "Umsonst" gesehen hat.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 24. Mai 2018 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2018, 11:55 Uhr