Kai Maaz, Sprecher der Autorengruppe und Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)
Kai Maaz ist Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt am Main. Bildrechte: dpa

Interview mit Bildungsforscher Kai Maaz Bildungsforscher Maaz: "Abiturienten müssen kein Studium beginnen!"

Viele Abiturienten in Deutschland entscheiden sich für ein Studium - nur um wenig später festzustellen, dass ihre Leistungen hierfür nicht ausreichen, oder der Wunsch nach einer praktischen Tätigkeit immer stärker wird. Der Frankfurter Bildungsforscher Prof. Kai Maaz beschäftigt sich mit solchen Biografien. Er sagt, dass die Grenzen zwischen Ausbildung und Studium in Deutschland flexibler gestaltet werden sollten, auch um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Kai Maaz, Sprecher der Autorengruppe und Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)
Kai Maaz ist Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt am Main. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Herr Maaz, was schätzen Sie - wie viel Prozent der Schulabgänger entscheiden sich für die Hochschule, obwohl eigentlich eine Ausbildung für sie besser wäre?

Kai Maaz: Die Frage ist schwer zu beantworten, weil man ja definieren muss: Was ist eigentlich eine falsche Entscheidung? Man kann es aber am Anteil der Studienabbrecher festmachen, das sind ungefähr 28 Prozent. Der Abbruch passiert in den allermeisten Fällen in den ersten Semestern.

Wieso wird sich denn in Deutschland so per se fürs Studium entschieden?

Wir haben die Entwicklung in den letzten Jahren, dass immer mehr Menschen das Abitur als allgemeinbildenden Abschluss erwerben. Und mit dem Abitur steht ihnen natürlich das gesamte Ausbildungssystem offen. Insofern ist es gar nicht verwunderlich, dass viele das Studium wählen. Auf der anderen Seite ist es so, dass die Ertragsdimensionen - also welche Erträge ich als Individuum aus dem Studium herausziehen kann - im Mittel bei Akademikerinnen und Akademikern immer noch höher sind als bei Absolventen anderer Ausbildungen.

Müsste man auch am Ansehen der Abschlüsse etwas drehen?

Ein Handwerker schneidet Fliesen
Nur rund 16 Prozent der Abiturienten entscheiden sich in Deutschland für eine Berufsausbildung. Bildrechte: IMAGO

Wir sind gerade in einer Situation, wo man erkennen kann, dass wir auch im nicht-akademischen Bereich immer weniger gut ausgebildetes Personal haben. Es könnte passieren, dass in den nächsten Jahren deswegen eine Rückwärtsentwicklung passiert, dass diese nicht-akademischen Berufe also aufgewertet werden. Wir müssen darauf achten, dass handwerkliche Berufe attraktiv werden, nicht nur in der Ausbildung, sondern auch im Berufsleben: dass sie mit Familie vereinbar sind, dass man von den Gehältern gut leben kann. Das sollte man steuerungstechnisch in den Blick nehmen.

Wer kann hier denn steuern? Die Betriebe selbst, die Berufsverbände oder die Politik?

Letztlich sind es alle drei Akteure, die man an einen Tisch holen muss. Hier geht es um die Frage, wie man Weiterbildungsmöglichkeiten etablieren kann, die dann wiederum auch zu Karrieresprüngen führen. Auf der anderen Seite ist es mir wichtig, dass man von der Vorstellung wegkommt - man wählt einmal eine Ausbildung oder ein Studium und arbeitet sein Leben lang in diesem Beruf. Hier muss man ein Stück offener sein.

Müssen vielleicht auch Berufsschulen und Hochschulen sich zusammen setzen?

Das hielte ich für vernünftig. Wir haben einen Wettbewerb um die klugen Köpfe. Und es wäre fatal, wenn wir zwei Ausbildungssegmente hätten, die gegeneinander arbeiten. Man muss schauen, wie man das Thema durchlässig gestaltet: dass man etwa mit einer Ausbildung später ins Studium einsteigen kann. Aber natürlich auch in die andere Richtung, wenn ich beispielsweise mit einem Bachelor-Ingenieursstudium angefangen habe, muss ich die Möglichkeit haben, damit auch in einen Ausbildungsberuf einzumünden und mir Teile dieser Ausbildung anerkennen zu lassen.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 18. Juni 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2019, 16:51 Uhr

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