Schulkinder heben im Unterricht ihre Hände
Blick in ein Klassenzimmer Bildrechte: imago images / Westend61

Bildung Wie es wirklich ist – Lehrer im Schulalltag

Über das Schulsystem in Deutschland wird viel diskutiert. Aber wie sieht es an den Schulen wirklich aus? Welchen Anteil haben die Lehrer an der Erziehung der Kinder? Was müssen und was können sie im Schulalltag leisten? MDR KULTUR-Redakteurin Regine Schneider hat mit einer Lehrerin und einem Schulleiter über die Sorgen und Freuden ihrer Arbeit gesprochen.

Schulkinder heben im Unterricht ihre Hände
Blick in ein Klassenzimmer Bildrechte: imago images / Westend61

Am Anfang stand der Brief einer Grundschullehrerin aus Jena. Als Reaktion auf das Gespräch in einer Radiosendung zur Schulentwicklung schrieb sie:

Ich liebe meinen Beruf, aber wenn ich das Gerede vom tollen Schulsystem in Deutschland höre, wie viele Schüler inzwischen das Abitur machen, wie gut wir in der PISA-Studie abgeschlossen haben, dann denke ich immer, ob denn keiner mal in eine Schule geht und schaut, wie es wirklich ist?

Susan Kiesel, Lehrerin an der Grundschule "Saaletal" in Jena

Schauen, wie es wirklich ist - MDR KULTUR-Redakteurin Regine Schneider nahm diesen Satz zum Anlass für einen Schulbesuch in Jena-Lobeda. Die Absenderin des Briefes, Susanne Kiesel, arbeitet dort als Grundschullehrerin an der Saaletalschule, einer sogenannten Brennpunktschule. Kinder aus 30 Nationen lernen hier.

Schüler während einer Unterrichtsstunde. 29 min
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Von MDR KULTUR-Redakteurin Regine Schneider

MDR KULTUR - Das Radio Sa 09.11.2019 09:05Uhr 29:17 min

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Gemeinsam lernen macht Spaß

Susan Kiesel ist eine agile Frau. Jede Woche schreibt sie für ihre Schüler es ein neues Lied, das gemeinsam gesungen und ausführlich besprochen wird. Heute geht es um Verletzungen mit Worten. Das Motto auf der Webseite der Schule heißt "Gemeinsam lernen macht Spaß". Und Gemeinsamkeit und Spaß am Lernen sind auch die großen Themen von Susann Kiesel, die sie in ihrem Brief beschrieben hat:

Auf den Schwächeren auch mal warten können, Geduld haben, nicht immer sofort dran sein zu wollen, sich gegenseitig zu helfen, kleine Niederlagen ertragen lernen. Solche Eigenschaften werden viel zu wenig vermittelt, weil jedem Schüler immer gleich die nächste Aufgabe bereitgehalten werden soll.

Susan Kiesel, Lehrerin an der Grundschule "Saaletal" in Jena

Ortswechsel: Der Pieschen-Campus in Dresden. Hier ist zurzeit das Gymnasium aus Dresden-Klotzsche untergebracht, während am ursprünglichen Standort ein Neubau entsteht. Schuldirektor Frank Haubitz, kurze graue Haare, Hemd über der Jeans, begrüßt seine Schüler am Eingang. Das gehört für ihn zu seinem Job, vorzuleben, wie er Schule versteht.

Das heißt, ich bin früh der erste in der Schule, ich bin für die Sorgen und Nöte meiner Lehrer da und … der Lehrer ist für den Schüler da.

Frank Haubitz, Schulleiter des Gymnasiums Dresden-Klotzsche

Wichtig ist ihm das Miteinander von Lehrern und Schülern, eine Begegnung auf Augenhöhe. Und er legt Wert auf eine gute Fehlerkultur. Niemand soll bloßgestellt werden. "Seien Sie hart, aber gerecht", empfiehlt er Kollegen, die in seiner Einrichtung neu anfangen. Frank Haubitz will seinen Schülern aber nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Fähigkeiten und Fertigkeiten fürs spätere Leben.

Tägliche Herausforderungen, positive Signale

Der Lehrerberuf ist in Verruf geraten. Nachdem Bundeskanzler Gerhard Schröder Lehrer 1995 "faule Säcke" nannte, glauben viele, dass sich die Lehrer auf ihrem sicheren Job ausruhen und die Leidtragenden die Schüler sind. Wenn man den Unterricht von Frank Haubitz oder Susan Kiesel betrachtet, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein.

Schüler einer 5. Klasse malen um einen Tisch sitzend bei einer Gruppenarbeit.
Schüler einer 5. Klasse bei der Gruppenarbeit Bildrechte: dpa

Im Deutschunterricht an der Saale-Schule in Jena-Lobeada geht es turbulent zu. Frau Kiesel hat eine Wäscheleine quer durch den Raum gespannt und aus Papier geschnittene Socken daran gehängt. Darauf stehen Verben, Substantive und Adjektive. Die Kinder müssen die Socken auf der Leine umhängen und die jeweiligen Begriffe zuordnen.

Der hohe Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund stellt die Lehrer vor einige Herausforderungen. In der ersten Klasse, die Frau Kiesel unterrichtet hat, konnten alle gemeinsam das Alphabet und das Lesen der ersten Wörter lernen, auch jene, die noch kein Deutsch konnten. In höheren Klassenstufen sei das schon schwieriger, erzählt die Lehrerin. Flüchtlingskinder, die traumatisiert sind, würden nicht richtig aufgefangen.

Es fehlen Lehrer, Fördermöglichkeiten, die schon allein an mangelnden Räumen scheitern. Dennoch gibt es auch positive Signale. Und wenn man an einer Brennpunktschule die größeren Probleme vermuten würde, empfindet es Susan Kiesel, die zuvor an einer reformpädagogischen Schule gearbeitet hat, eher umgekehrt. Die Kinder seien dankbarer und würden die Aufmerksamkeit genießen. An anderen Schulen, wo Eltern sich ständige einmischten, könne es für Lehrer auch manchmal schwierig werden, erzählt sie. Wenn sie einem Schüler eine Zwei gibt und am nächsten Tag beschweren sich die Eltern, das sei für sie belastender, als ein fehlender Bleistift.

Lehrer – ein Traumberuf

Der Lehrerberuf scheint für Susann Kiesel Berufung zu sein und sie nennt es immer noch ihren Traumberuf. Ermüdungserscheinungen kennt sie auch nach vielen Dienstjahren nicht. Selbstverständlich braucht sie manchmal eine kleine Ruhepause, aber nach dem Wochenende freut sie sich immer wieder auf die nächste Schulwoche, auf neue Erlebnisse und Herausforderungen.

Frank Haubitz hatte bereits in der 8. Klasse den Wunsch Lehrer zu werden. 1989 wurde er von der Schulkonferenz in seinem Gymnasium demokratisch zum Schulleiter gewählt und ist es bis heute, abgesehen von einem zweimonatigen Ausflug als Kultusminister ins Sächsische Ministerium, geblieben.

Schulleiter – ein Traumberuf. Hier hat man seine Anerkennung, die spürt man ständig, tagtäglich – und sieht, was da wächst.

Frank Haubitz, Schulleiter des Gymnasiums Dresden-Klotzsche

Über die Autorin Regine Schneider, Jahrgang 1956, ist seit der Gründung von MDR KULTUR Redakteurin für Bildung und Gesellschaft. Ihre Berichte und Analysen bereichern seit Jahrzehnten das Programm des MDR Hörfunks.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
ARD-Themenwoche "Zukunft Bildung"
"Auf die Lehrer kommt es an"
Feature von Regine Schneider

Sprecherin: Franka Anne Kahl
Regie: Ulf Köhler
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Produktion: MDR 2019 - Ursendung

Sendung: 09.11.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Artour-Beiträge zum Thema Bildung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Auf die Lehrer kommt es an" | 09. November 2019 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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