Leïla Slimani
Leïla Slimani Bildrechte: imago/PanoramiC

Buchtipp Leïla Slimanis Roman über eine sexsüchtige Frau

Leïla Slimani,1981 in Rabat (Marokko) geboren, lebt mit ihrer Familie in Paris. In Frankreich ist die Autorin, die 2016 für ihren Roman "Dann schlaf auch du" den Prix Goncourt erhielt, ein Star. Vor diesem Bestseller sorgte bereits Leïla Slimanis Debüt für Aufsehen: "Dans le Jardin de l'ogre" erzählt von einer sexsüchtigen Frau. Unter dem Titel "All das zu verlieren" ist dieses Buch jetzt auf Deutsch erschienen.

von Susanne von Schenck

Leïla Slimani
Leïla Slimani Bildrechte: imago/PanoramiC

Leïla Slimanis Romane sind nichts für zarte Gemüter. In ihrem Roman "Dann schlaf auch du" (2018) ermordet eine Nanny die ihr anvertrauten Kinder. Ihr nun auf Deutsch erschienenes Romandebüt "All das zu verlieren" ist noch verstörender: Es geht, so Leïla Slimani, um die Sexsucht einer Frau.

Cover Leïla Slimani: "All das zu verlieren"
Leïla Slimanis Debüt "All das zu verlieren" wurde im Original 2014 veröffentlicht und ist jetzt auf Deutsch erschienen. Bildrechte: Randomhouse

"Ich habe die Sexabhängigkeit gewählt, weil es sich um eine Frau handelt, die gar nichts spürt", erklärt Slimani.

"Ihr Körper ist wie betäubt und deshalb sucht sie nach etwas, um sich zu spüren. Mit ihrem Mann, auch mit anderen Männern, geht das nicht. Als sie Mutter wird, hofft sie, dass sich dadurch alles ändert, dass sie starke Gefühle hat, etwas Instinktives, etwas Körperliches. Aber nichts dergleichen. Es ist eine Frau, die in gewisser Weise versucht, ihren Körper zu wecken", so die Autorin.

Eigentlich könnte Adèle, Hauptfigur des Romans, mit ihrem Leben durchaus zufrieden sein. Sie ist Mitte dreißig und hat all das, was eine konventionelle Frau sich erträumt: einen Mann, der sie liebt, einen kleinen Sohn und ein angenehmes Leben in Paris. Als politische Journalistin arbeitet sie bei einer Tagezeitung und hat dort viele Freiheiten. Aber sie langweilt sich.

Aus "All das zu verlieren" von Leïla Slimani "Adèle mag ihren Beruf nicht. Sie hasst die Vorstellung, dass sie arbeiten muss, um davon zu leben. Sie wollte immer nur eins: beachtet werden."

Diese Beachtung findet sie bei fremden Männern. Wahllos hat sie Sex mit ihnen, sei es in Hausfluren, in Hotelzimmern oder auf Dienstreisen – immer extremer, fast bis zur Selbstzerstörung. "Sie behandelt die Männer als Objekte, sucht keine Zuneigung, keine Zärtlichkeit, keine Liebe, sondern nur den reinen körperlichen Akt", erklärt Slimani.

So ein Verhalten assoziiert man eher mit Männern. Es hat mich sehr interessiert, die Dinge mal etwas zu verschieben.

Leïla Slimani

Ihrem Mann ist Sex beinahe lästig

Das gelingt ihr gut. Atemlos folgt man Adèles Abstürzen, ihrer Einsamkeit und ihrem unstillbaren Verlangen. Sie ist, – wie auch das Kindermädchen Louise im Roman "Dann schlaf auch du" – eine Gefangene ihres Schweigens. Ihr Mann Richard, erfolgreicher Arzt, hat keine Ahnung, was in seiner Frau vor sich geht. Er liebt sie auf unbeholfene Art. Sex hat für ihn wenig Bedeutung und ist ihm beinahe lästig.

Aus "All das zu verlieren" von Leïla Slimani "Es schien ihn anscheinend noch nie zu kümmern, in welch tiefe Einsamkeit er seine Frau stürzt. Sie hat nichts empfunden, rein gar nichts. Sie hat nur schmatzende Geräusche gehört, von aneinander klebenden Oberkörpern, sich reibenden Genitalien. Und dann Stille."

Leïla Slimani kommentiert und bewertet nicht. Sie seziert. In direkter, kalter Sprache, mit rohen Worten, ohne dabei pornographisch zu werden, schildert sie Adèles Sexsucht. Dabei dringt sie so tief in die Abgründe ihrer Figur ein, dass man sich unwillkürlich fragt, wie viel Leïla Slimani in Adèle steckt.

Mit kalter Sprache menschliche Abgründe beschrieben

"Ich weiß gar nicht, warum mich diese Figuren so anziehen. Sie kommen mir in den Sinn und bewohnen mich geradezu", beschreibt Leïla Slimani die Entstehung ihrer Bücher. Anfangs seien die Figuren ganz normal, doch "je länger ich über sie schreibe, umso mehr entdecke ich an ihnen schreckliche Dinge, sie enthüllen mir ihre dunkelsten Seiten."

Vielleicht sind wir alle extrem oder monströs und verstecken das nur. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es, das herauszufinden.

Leïla Slimani

Zuweilen verfällt Leïla Slimani in Klischees, wenn sie wohlsituierte Ehegattinnen bei einem Abendessen über Kinder und Wohnungseinrichtungen plappern lässt. Oder wenn Richard die Verabredungen mit fremden Männern auf dem Handy seiner Frau entdeckt – der Klassiker.

Leila Slimani kommentiert und bewertet nicht. Sie seziert. In direkter, kalter Sprache, mit rohen Worten, ohne dabei pornographisch zu werden, schildert sie Adèles Sexsucht.

Susanne von Schenck, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Aber anstatt sich von ihr zu trennen, zieht er mit ihr aus Paris in die Normandie, die Region, in der auch Gustave Flauberts "Emma Bovary" spielt – für Leïla Slimani ist das Buch eine Referenz. Ihre Adèle ist eine trashige Emma Bovary des 21. Jahrhunderts. Und ihr Roman "All das zu verlieren" ist – trotz allem – auch eine traurige Liebesgeschichte.

Angaben zum Buch Leïla Slimani: "All das zu verlieren"
Roman
aus dem Französischen von Amelie Thoma
Luchterhand Literaturverlag
224 Seiten
22,00 Euro (Hardcover)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Mai 2019 | 13:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 13:44 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren