Christa Wolf während einer Lesung.
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Lesung | Zum 90. Geburtstag von Christa Wolf am 18. März Christa Wolf: Aus Briefen und Tagebüchern

Christa Wolf war eine der großen deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Ihr Schaffen war eng mit der DDR verbunden, wirkte aber weit darüber hinaus. Mit Büchern wie "Nachdenken über Christa T.", "Kein Ort. Nirgends" oder "Kassandra" begeisterte sie Leser in Ost und West. Am 18. März 2019 wäre Christa Wolf 90 Jahre alt geworden. Im Mittelpunkt dieser Lesezeit stehen persönliche Aufzeichnungen der Autorin. Es liest Jutta Hoffmann.

Christa Wolf während einer Lesung.
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In einem Text, den der Schriftsteller Volker Braun zu Christa Wolfs 80. Geburtstag verfasste, schreibt er über seine in Berlin-Pankow lebende Nachbarin und geschätzte Kollegin:

Wenn sie, ein wenig gebeugt, in Pankow ihren Einkaufsbeutel schleppt, aber meist macht es Gerhard, fällt sie nicht auf. Sie geht mit ruhigen, schweren Schritten, aber ihr Leben ist beweglich, und ihre Hand schreibt, wie sie geht, und so nah es geht am Leben entlang.

Volker Braun über Christa Wolf

Erzählen sei "wahrheitsgetreues Erfinden auf Grund eigener Erfahrung" bekannte Christa Wolf 1968 in ihrem Essay "Lesen und Schreiben". Ausgehend vom eigenen Erleben setzte sie sich in ihren Werken kritisch mit den Hoffnungen, Herausforderungen und Widersprüchen ihrer Zeit auseinander. Ihre Romanen und Erzählungen erreichten eine große Leserschaft - in beiden Teilen Deutschlands und weltweit.

Mit ihrer ganzen Person mischte sich Christa Wolf in politische und gesellschaftliche Debatten ein. Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Briefe und Tagebücher lassen den Mensch hinter der öffentlichen Person hervortreten. Sie geben faszinierende Einblicke in ihre Gedankenwelt, ihr Schreiben und ihr gesellschaftliches Engagement.

Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten

Dass Christa Wolf eine kenntnisreiche, anteilnehmende und warmherzige Korrespondentin war, wissen Ihre Leserinnen und Leser seit der Publikation ihrer Briefwechsel – zum Beispiel mit den Schriftstellern Brigitte Reimann und Franz Fühmann oder mit der Psychologin und Ärztin Charlotte Wolff. Unter dem Titel "Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten" erschien 2016 ein großer Briefband aus dem Nachlass der 2001 verstorbenen Schriftstellerin, herausgegeben von Sabine Wolf.

In diesem sechs Jahrzehnte umfassenden Briefwerk tritt Christa Wolf ihrem Publikum erneut als leidenschaftliche Verfechterin der eigenen Meinung, als Fürsprecherin des gesunden Menschenverstandes oder auch als Gegnerin von Vorurteilen und Vor-Verurteilungen entgegen.

Ganz egal, ob sie nun für ihre Kollegen Sarah Kirsch, Volker Braun oder Günter Kunert eintritt, ob sie sich an das Präsidium des Schriftstellerverbandes wendet, um gegen den Ausschluss von Kollegen zu intervenieren, oder ob sie, wegen Lutz Rathenow, Bärbel Bohley oder Grit Poppe, an den ersten Mann im Staat, Erich Honecker, schreibt – immer sind die Ein- und Widersprüche der Schriftstellerin von einem hohen Maß an Sachkenntnis sowie Klarheit und Entschlossenheit geprägt. Das trifft auch auf jene Briefe zu, in denen sie im privaten Kreis politische Entwicklungen diskutiert – etwa mit Rosemarie Zepplin oder Frantiska Faktorová. Nicht unerwähnt in dieser Aufzählung bleiben soll der Brief an den Intendanten des MDR, Udo Reiter, in dem sie sich über die Art und Weise empört, in der der 2002 erstmals verliehene Preis der Leipziger Buchmesse dem Publikum dargeboten wurde.

Moskauer Tagebücher

Christa Wolf hat seit ihrer Jugend Tagebuch geschrieben. Diesen 2014 erschienen Band hat ihr Mann Gerhard Wolf aus bis dahin unveröffentlichten Aufzeichnungen seiner Frau zusammengestellt.

Zehnmal besuchte Christa Wolf die Sowjetunion. Zum ersten Mal 1957 als junge Frau, zuletzt im Oktober 1989. Im Lauf der Jahre besuchte sie Moskau und Kiew, fuhr nach Gorki, Vilnius und Riga. Und sie begründete im Lauf der Jahrzehnte Freundschaften - zum Beispiel mit Lew Kopelew und Efim Etkind. Und ganz gleich, ob sie nun ihre Eindrücke bei einem Besuch im Majakowski-Museum oder im Tolstoi-Haus notiert oder aber ihre Erinnerungen an eine Schiffsreise mit Max Frisch auf dem Schwarzen Meer – immer bestechen ihre Notizen durch ihren prägnanten Blick, den sie auf das große Ganze ebenso richtet wie aufs scheinbar nebensächliche Detail.

Von Anfang an notiert Christa Wolf mit besonderer Aufmerksamkeit Alltagseindrücke: sie registriert, was auf den Speisekarten der Restaurants steht und was es zu kaufen gibt – im Moskauer GUM ebenso wie an den Kiosken und Verkaufsständen entlang der Straßen. Wie so oft in Christa Wolfs Tagebuchnotizen, sind die direkte Beobachtung, das unmittelbare Erlebnis der Ausgangspunkt für viel mehr: für die Bestimmung des eigenen Standpunktes ebenso wie für dessen kritische Reflexion – im Hinblick auf den Alltag in der Sowjetunion, ihr Verhältnis zu den Kollegen aus dem DDR-Schriftstellerverband oder die Überprüfung der eigenen Vorstellungen von einem gesellschaftlichen Idealbild.

Alles in allem ergibt sich aus den zumeist kurzen und bisher unveröffentlichten Notizen ein Kaleidoskop von Eindrücken, das auch jetzt, nach ihrem Tod, Christa Wolfs Werk um eine weitere Facette bereichern wird.

Die Schriftstellerin Christa Wolf

Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg/Warthe (heute Gorzów Wielkopolski) geboren. Sie studierte in Jena und Leipzig Germanistik und war zunächst als Lektorin tätig. Ab 1962 arbeitete sie als freiberufliche Schriftstellerin. Ihr umfangreiches erzählerisches Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Sie starb am 1. Dezember 2011.

Die Schauspielerin Jutta Hoffmann

Jutta Hoffmann, 1941 in Ammendorf bei Halle geboren, zählt zu den beliebtesten und profiliertesten deutschen Bühnen- und Filmschauspielerinnen.

Jutta Hoffmann vor einem Studiomikrophon bei einer MDR Hörspielproduktion.
Bildrechte: MDR/ Marco Prosch

International bekannt wurde sie durch ihre Rolle der Leonore in Egon Günthers TV-Verfilmung des Arnold-Zweig-Romans "Junge Frau von 1914" (1969). Mit Egon Günther drehte sie auch Filme wie "Lotte in Weimar", "Die Schlüssel" und "Der Dritte", der ihr den Darstellerpreis der Filmfestspiele Venedig einbrachte. Ab 1979 machte sich "die Hoffmann" auch in der Bundesrepublik und in Österreich einen Namen, mit großem Erfolg arbeitete sie u. a. an Münchner, Hamburger und Salzburger Bühnen.

Für die Darstellung der Irene in dem Fernsehfilm "Ein Teil von uns" erhielt sie 2016 den Sonderpreis für herausragende Leistungen beim Fernsehfilmfestival Baden-Baden und 2017 den Ernst-Grimme-Preis in der Kategorie "Fiktion" sowie den "Deutscher Schauspielerpreis".

MDR KULTUR-Hörerinnen ist die Stimme von Jutta Hoffmann seit Jahren vertraut. In der "Lesezeit" war sie u.a. mit den Tagebüchern der Brigitte Reimann (2000), Helga Schütz' Roman "Sepia" (2013) und Weihnachtsgeschichten von Hans Fallada (2017) zu hören. Zusammen mit Thomas Thieme las Jutta Hoffmann den "Briefwechsel Gertrud Schleef - Einar Schleef" (2009/2011).

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
Zum 90. Geburtstag von Christa Wolf am 18. März:

18.03. - 20.03.2019
Christa Wolf: "Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten - Briefe 1952-2011" (3 Folgen)

21.03. - 22.03.2019
Christa Wolf: "Moskauer Tagebücher - Wer wir sind und wer wir waren" (2 Folgen)
Mitschnitt einer öffentlichen Veranstaltung des Vereins Brandenburgische Literaturlandschaft vom 15. Februar 2015 in der Villa Quandt, Potsdam

Sprecherin: Jutta Hoffmann
Regie: Matthias Thalheim
Produktion: MDR 2015/2016

Sendung:
18.03. - 22.03.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
18.03. - 22.03.2019 | 19:05-19:35 Uhr

Sie können beide Lesungen hier nach der Austrahlung 28 Tage lang hören.

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 10:20 Uhr

Christa Wolf: Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten - Briefe 1952-2011
Bildrechte: Suhrkamp

Christa Wolf Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten - Briefe 1952-2011

Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten - Briefe 1952-2011

Herausgegeben von Sabine Wolf
Taschenbuch: 1040 Seiten
Suhrkamp Verlag 2016
ISBN: 978-3518425732
38,00 Euro

Christa Wolf: Moskauer Tagebücher - Wer wir sind und wer wir waren
Bildrechte: Suhrkamp

Christa Wolf Moskauer Tagebücher - Wer wir sind und wer wir waren

Moskauer Tagebücher - Wer wir sind und wer wir waren

Reisetagebücher, Texte, Briefe, Dokumente 1957-1989.
Herausgegeben von Gerhard Wolf unter Mitarbeit von Tanja Walenski.
Gebundene Ausgabe, 266 Seiten
Suhrkamp Verlag 2014
ISBN: 978-3518424230
9,90 Euro

Christa Wolf: Moskauer Tagebücher - Wer wir sind und wer wir waren
Bildrechte: Der Audio Verlag

Hörbuch Christa Wolf: Moskauer Tagebücher - Wer wir sind und wer wir waren

Christa Wolf: Moskauer Tagebücher - Wer wir sind und wer wir waren

Audio-CD, Laufzeit: 59 Minuten
Der Audio Verlag 2018
ISBN: 978-3742404480
8,95 Euro

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