Gottfried Keller, Schweizer Schriftsteller
Gottfried Keller (1819-1890) Bildrechte: imago images / UIG

Lesezeit | 22.07.–31.07.2019 Gottfried Keller: "Der Schmied seines Glückes" und andere Geschichten

Gottfried Keller gilt heute als bedeutender Vertreter des bürgerlichen Realismus. Dabei war sein Leben von zahlreichen Misserfolgen und Enttäuschungen geprägt. In seinen Romanen und Novellen verarbeitete er das eigene Scheitern und schuf große Literatur. Zu seinem 200. Geburtstag senden wir in der Lesezeit eine Auswahl bekannter und weniger bekannter Erzählungen.

Gottfried Keller, Schweizer Schriftsteller
Gottfried Keller (1819-1890) Bildrechte: imago images / UIG

Gottfried Keller war ein widersprüchlicher Mensch: Raufbold und Rebell, Patriot und Politiker, Träumer und Realist. Wenn er, was Zeit seines Lebens häufig vorkam, unglücklich verliebt war, trank er und verwickelte sich in Prügeleien. Walter Benjamin schrieb über Kellers Prosa in seinem berühmten Essay von 1927:

Die Hand, die in der Schenke so dröhnend aufschlug, hat im Gewicht der zartesten Dinge sich nie vergriffen.

Walter Benjamin Gottfried Keller, Zu Ehren einer kritischen Gesamtausgabe seiner Werke, 1927

Gescheiterter Maler, großer Erzähler

Zwei frühe Lebensereignisse sind prägend für Keller: Als er fünf ist, stirbt der geliebte Vater. Mit fünfzehn Jahren wird Keller wegen eines harmlosen Jugendstreiches von der erst im Jahr zuvor gegründeten Industrieschule verwiesen. Ein höherer Bildungsweg ist ihm damit versperrt. In seinem stark autobiografisch geprägten Roman "Der grüne Heinrich" schreibt er:

…ein Kind von der allgemeinen Erziehung ausschließen, heißt nichts anderes, als seine innere Entwicklung, sein geistiges Leben köpfen.

Gottfried Keller Der grüne Heinrich

Gegen den Rat der Mutter entscheidet Keller sich, Kunstmaler zu werden, gerät aber an schlechte Lehrmeister. 1840 geht er nach München, um sich als Landschaftsmaler an der Königlichen Akademie der Künste weiterzubilden. Zu einer geregelten Ausbildung kommt es jedoch es nicht. Zwei Jahre später kehrt er erfolg- und mittellos nach Zürich zurück.

Im Umkreis deutscher Emigranten des Vormärz lernt Keller die revolutionären Schriften Georg Herweghs (1817-1875) kennen und entdeckt seinen Drang zum Dichten. Ergriffen vom revolutionären Geist der Zeit, verfasst er selbst politische Lyrik.

Ein Stipendium der Züricher Kantonsregierung ermöglicht ihm 1848 die verpasste Bildung nachzuholen. Keller geht zunächst nach Heidelberg, zwei Jahre später nach Berlin. Hier entstehen jene Werke, die seinen späteren Ruhm begründen: Die erste Fassung des Romans "Der grüne Heinrich" (1854-55) über das Scheitern eines jungen Künstlers, sowie der erste Band seiner berühmten Novellensammlung "Die Leute von Seldwyla".

Ab 1861 befreit ihn das gutbesoldete Amt des Ersten Staatsschreibers des Kantons Zürich von finanziellen Sorgen, lässt ihm aber in den folgenden Jahren wenig Zeit zum Schreiben.1872 erscheinen die "Sieben Legenden". Nach der Niederlegungung seines Amtes 1876 schreibt er die "Züricher Novellen", den Zyklus "Das Sinngedicht" und den Roman "Martin Salander".

Bedeutsam für Kellers Leben und Schaffen war die Begegnung mit dem Philosophen Ludwig Feuerbach, unter dessen Einfluss er sich dem Atheismus zuwandte. In seinen Werken befasst Keller sich mit dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und schildert auf liebevoll-ironische Weise die Zustände seiner Zeit.

Gottfried Keller in der Lesezeit

Die Auswahl dieser Lesezeit auf MDR KULTUR umfasst Hörspieladaptionen von vier Novellen aus dem zweiteiligen Zyklus "Die Leute von Seldwyla", darunter Kellers bekannteste Werke "Kleider machen Leute" und "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Daneben senden wir eine Lesung der Novelle "Die Jungfrau als Ritter" aus dem Zyklus "Sieben Legenden“, sowie die nachgelassene Erzählung "Wahltag".

Die Novelle "Der Schmied seines Glücks" ist eine Humoreske von 1865 aus dem zweiten Teil der "Leute von Seldwyla". Erzählt wird die Geschichte des fast vierzigjährigen Junggesellen John Kabys. Als junger Mann hatte er seinen Taufnamen Hans Kabis anglisiert und hoffte damit auf das passende Glück. Eines Tages erreicht ihn die frohe Kunde von einem reichen, kinderlosen Onkel. Er gewinnt das Vertrauen des alten Litumlei, der ihm sein Vermögen vermacht. Kabys glaubt sich schon am Ziel seiner Wünsche, zumal ihm auch die sehr junge Frau des Onkels ihre Gunst schenkt. Doch er ahnt nicht, dass der alte Litumlei eigene Pläne verfolgt.

Mit der Geschichte "Spiegel, das Kätzchen" aus dem ersten Teil der "Leute von Seldwyla" setzt Keller die Tradition der Tierfabel fort. Der Kater Spiegel, Sinnbild eines redlichen, lebenslustigen und friedfertigen Bürgers, gerät unverschuldet ins Unglück. Nach dem Tod seiner Herrin landet er auf der Straße. Um nicht zu verhungern, schließt er mit dem Stadthexenmeister Pineiß einen schlimmen Vertrag. Erst die Besinnung auf sich selbst rettet ihn vor dem Tode und straft den allgewaltigen Hexenmeister.

Kellers bekannteste Novelle "Kleider machen Leute" handelt vom armen Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der sich auf Arbeitssuche nach Goldach begibt. Durch seine auffällige Kleidung und die zufällige Ankunft in einer vornehmen Kutsche wird er für einen polnischen Grafen gehalten. Da er den Irrtum nicht gleich aufklärt, muss er die Rolle auch weiterspielen. Dann verliebt er sich in Nettchen, die Tochter des Goldacher Amtsrats. Bei der Verlobungsfeier wird Wenzel durch die Intrige eines Nebenbuhlers auf hämische Weise entlarvt, doch seine Verlobte hält zu ihm.

"Romeo und Julia auf dem Dorfe" ist eine Adaption der Shakespeare’schen Tragödie. Die Idee kam Keller durch eine Zeitungsmeldung über den Selbstmord zweier junger Liebender aus verfeindeten Familien im Dorf Altsellershausen bei Leipzig. Keller verlegte die Handlung in die Schweiz: Zwei wohlhabende Bauernfamilien werden im Streit um einen Acker zu verbitterten Feinden. Sie ruinieren ihre Höfe und versperren ihren Kindern, die sich lieben, die Hoffnung auf eine Zukunft. Nach einem gemeinsam verbrachten Tag können sie sich nicht voneinander trennen und gehen gemeinsam in den Tod.

"Die Jungfrau als Ritter" ist die dritte Erzählung aus den "Sieben Legenden". Keller schrieb diesen 1872 veröffentlichten Zyklus als Parodie auf die "Legenden" des protestantsichen Pfarrers und Dichters Ludwig Gotthard Kosegarten.

Ich nahm sieben oder acht Stücke aus dem vergessenen Schmöker, fing sie mit den süßlichen und heiligen Worten Kosegärtchens an und machte dann eine erotisch-weltliche Historie daraus, in welcher die Jungfrau Maria die Schutzpatronin der Heiratslustigen ist.

Gottfried Keller Brief an Ferdinand Freiligrath, 22. April 1860

Während Gottfried Keller im Leben die Erfüllung der Liebe versagt blieb, konnte er ihr in seine Erzählungen zu einem glücklichen Ausgang verhelfen.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
Zum 200. Geburtstag von Gottfried Keller am 19. Juli:
"Der Schmied seines Glückes" und andere Geschichten (8 Folgen)
Von Gottfried Keller

Sendung:
22.07.–31.07.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
22.07.–31.07.2019 | 19:05-19:35 Uhr

Inhalt der einzelnen Folgen Mo, 22.07. – Di,23.07.2019 | Folgen 1 & 2
"Der Schmied seines Glückes" von Gottfried Keller
Sprecher: Uwe Karpa (John Hannes Kalbys), Siefried Worch (Andres), Hans Teuscher (Adam Litumlei), Ellen Hellwig (Sophie), Rolf Hoppe (Schulze), Marylu Poolman (Mutter), Christine Hoppe (Tochter), Kurt Berndt (Wirt), Werner Hahn (Pfarrer), Klaus Pönitz (Rasierter Mann), Käthe Koch (Wirtin), Carla Valerius (Alte Frau)
Regie: Walter Niklaus | Bearbeiter: Werner Buhss | Komponist: Uwe Hilprecht
Produktion: Sachsenradio 1991

Mi, 24.07. – Do, 25.07.2019 | Folgen 3 & 4
"Spiegel, das Kätzchen" von Gottfried Keller
Sprecher: Hans-Georg Thies, Wolfgang Brunecker, Heide Kipp, Marianne Klußmann, Ruth Kommerell, Hans-Joachim Hanisch, Katarina Tomaschewsky, Dietmar Obst, Hanjo Hasse, Helga Piur, Siegfried Seibt, Victor Deiß, Waltraud Kramm
Regie: Uwe Haacke | Bearbeiter: Waltraud Meienreis | Komponist: Herwart Höpfner
Produktion: Rundfunk der DDR 1977

Fr, 26.07.2019 | Folge 5
"Kleider machen Leute" von Gottfried Keller
Sprecher: Emil Stöhr (Erzähler), Gerhard Klingenberg (Wenzel der Schneider), Heidi Mareck (Nettchen)
Regie: Uwe Haacke | Bearbeiter: Barbara Winkler | Komponist: Jürgen Wilbrandt
Produktion: Rundfunk der DDR 1958

Mo, 29.07.2019 | Folge 6
"Wahltag" von Gottfried Keller
Sprecher: Peter Lühr, Willy Semmelrogge
Produktion: Rundfunk der DDR 1965

Di, 30.07.2019 | Folge 7
"Die Jungfrau als Ritter" von Gottfried Keller
Sprecherin: Karin Gregorek
Regie: Veronika Hübner
Produktion: ORB 1992

Mi, 31.07.2019 | Folge 8
"Romeo und Julia auf dem Dorfe" von Gottfried Keller
Sprecher: Bruno Ganz, Christine Hammacher, Gustl Weishappel
Regie: Gustl Weishappel | Bearbeiter: Susanne Tölke
Produktion: Bayerischer Rundfunk 1987

Die Folgen eins bis fünf dieser Lesezeit können Sie hier sieben Tage lang hören. Die zweiteiligen Hörspiele "Der Schmied seines Glückes“ und "Spiegel, das Kätzchen“ werden jeweils in einer Audio-Datei zur Verfügung gestellt. Alle anderen Folgen können wir Ihnen aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zur Verfügung stellen. Das private Aufzeichnen von Radiobeiträgen ist jedoch zulässig. Mehr Informationen dazu finden Sie auf unserer Seite "Radiobeiträge aufnehmen mit Computer oder Smartphone".

Zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2019, 04:00 Uhr

Buch: Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla
Bildrechte: Deutscher Klassiker Verlag

Buchtipp Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla

Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla

Text und Kommentar. Herausgegeben von Thomas Böning
Taschenbuch: 872 Seiten
Deutscher Klassiker Verlag 2006
ISBN: 978-3618680109
16,00 Euro

 Hörbuch: Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla Lesung mit Christian Brückner
Bildrechte: er Audio Verlag

Hörbuchtipp Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla

Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla

Gekürzte Fassung mit Christian Brückner, Heiner Schmidt, Wolf Euba, Ernst Schlott
2 Mp3-CDs, Laufzeit: ca. 20 Stunden
Der Audio Verlag
ISBN: 978-3618680109
10,00 Euro
erscheint am 20.09.2019

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