Lesezeit | 08.06. - 19.06.2020 Bohumil Hrabal: Ich habe den englischen König bedient

Bohumil Hrabal (1914-1997) gehört zu den großen tschechischen Erzählern des 20. Jahrhunderts. Er ist bekannt für seine skurrilen, oft tragikomischen Kleine-Leute-Geschichten und seinen am Mündlichen orientierten Erzählstil, für den er das Wort bafeln, tschechisch pabit, erfand. Sein spätes Meisterwerk "Ich habe den englischen König bedient" handelt vom Aufstieg und Fall eines kleinen Kellners in den Wirren der Zeitgeschichte.

Bohumil Hrabal
Der Schriftsteller Bohumil Hrabal (1914-1997) Bildrechte: imago/CTK Photo

"Passen Sie gut auf, was ich Ihnen jetzt erzählen werde." Mit diesem Satz beginnen die ersten fünf Kapitel von Bohumil Hrabals Roman. Der Protagonist und Ich-Erzähler Jan Díte, ein kleiner Kellner aus der böhmischen Provinz, schildert uns seine erstaunliche Lebensgeschichte in den Jahren der ersten Tschechischen Republik, der deutschen Okkupation und der kommunistischen Nachkriegszeit.

Vom Pikkolo zum Millionär

Im Alter von etwa 15 Jahren wurde Jan Díte als Pikkolo im Hotel "Zum Goldenen Prag" angestellt, wo er die Kunst des Servierens lernen sollte. Es bedurfte nicht viel Zeit, bis er begriff, was zu werden es sich lohne, was ihn entgegen seiner ärmlichsten Herkunft, entgegen seinem kleinen Wuchs groß machen würde. Millionär wollte er werden.

Dann würde ich heiraten, mir eine reiche Braut nehmen und mein Geld und das meiner Frau zusammenlegen. Man würde mich achten wie andere Hoteliers auch, doch selbst wenn man mich nicht als Mensch anerkannte, als Millionär, als Hotel‑ und Realitätenbesitzer würde man mich anerkennen müssen.

Bohumil Hrabal Ich habe den englischen König bedient

Der Weg war lang, von Hotel zu Hotel, vom Oberkellner Zdenek zum Oberkellner Skrivanek, der einem Gast sofort ansah, wo er herkam und was er bestellen würde. Und auf die Frage, woher er das alles wisse, stets antwortete: Ich habe den englischen König bedient. Der Pikkolo aber, der schon längst keiner mehr war, war ausersehen, selbst diesen unübertrefflichen Mann zu übertreffen: Er durfte den abessinischen Kaiser bedienen.

Und weiter ging es, in die Verwirklichung seines Millionentraums, bis er sich - nach allem Unglück, das ihm Glück beschert hatte, und zu allem Glück, dem das Unglück gefolgt war, in die Einsamkeit zurückzog.

Der Schriftsteller Bohumil Hrabal

Bohumil Hrabal wurde am 28. März 1914 in Brünn (Brno) geboren und wuchs im mittelböhmischen Städtchen Nymburk auf.

1935 begann Hrabal ein Jurastudium in Prag. Nebenbei besuchte er Vorlesungen über Literatur, Kunst und Philosophie. 1939 musste er sein Studium unterbrechen, da die deutsche Besatzungsmacht die tschechischen Hochschulen schließen ließ. Von 1941 bis 1945 arbeitete er für die staatliche Eisenbahn. 1946 promovierte er zum Dr. jur. In den 50er-Jahren arbeitete er als Handelsreisender, als Hilfsarbeiter in den Stahlwerken von Kladno, in einer Altpapierpackerei und als Kulissenschieber in Prag.

Hrabal war bereits seit den 30er-Jahren schriftstellerisch tätig, doch erst in den 60er-Jahren konnte er seine bis dahin verfassten Werke veröffentlichen. 1963 erschien seine erste Erzählung "Perlchen auf dem Grund". Es folgten von 1964-68 "Die Bafler", "Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene", "Inserat: verkaufe Haus, in dem ich nicht mehr wohnen will" und andere Texte, die zum Teil auch verfilmt wurden. Innerhalb weniger Jahre wurde Hrabal zu einem der meistgelesenen Autoren seines Landes.

Nach dem gewaltsamen Ende des "Prager Frühlings" wurde Hrabal bis 1976 mit Publikationsverbot belegt. Auch danach konnten seine Texte nur in zensierter Form oder im Ausland erscheinen. Erst 1987 wurde der Autor in den Schriftstellerverband der CSSR aufgenommen. Er starb am 3. Februar 1997 nach einem Fenstersturz aus dem 5. Stock eines Krankenhauses. Es heißt, er habe Tauben füttern wollen.

2006, neun Jahre nach Hrabals Tod, wurde sein Schelmenroman "Ich habe den englischen König bedient" von Jiří Menzel verfilmt.

Der Schauspieler Wolfram Berger

Wolfram Berger, geboren 1945 in Graz, absolvierte seine Ausbildung zum Schauspieler an der Grazer Hochschule für Musik und darstellende Kunst und nahm danach ein Engagement am Schauspielhaus Graz an.

Der österreichische Schauspieler Wolfram Berger bei Aufnahmen der Lesung ""Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkriegs“ im Hörspielstudio von MDR Kultur am 27.07.2016
Der österreichische Schauspieler Wolfram Berger im MDR-Hörspielstudio, 2016 Bildrechte: MDR/Thekla Harre

Nach Stationen an Theatern in Basel, Zürich, Stuttgart und Bochum wurde er freischaffender Künstler. Neben seiner Arbeit am Theater tritt Berger wiederholt in Kino- und Fernsehproduktionen auf. Der Schauspieler ist auch ein gefragter Sprecher und hat in unzähligen Radio-, Hörspiel- und Hörbuchproduktionen mitgewirkt. 1997 wurde Wolfram Berger mit dem Salzburger Stier, 2001 mit dem ORF-Hörspielpreis und 2008 wie auch 2010 mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Für die Lesezeit bei MDR KULTUR hat Wolfram Berger auch Arnold Zweigs "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (2014) und Jaroslav Hašeks "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" (2016) eingelesen.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Lesezeit
Ich habe den englischen König bedient (10 Folgen)
Von Bohumil Hrabal

Sprecher: Wolfram Berger
Regie: Götz Fritzsch
Produktion: MDR 2004

Sendung:
08.06. - 19.06.2020 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
08.06. - 19.06.2020 | 19:05-19:35 Uhr

Die Folgen dieser Lesezeit stehen hier 30 Tage zum Hören bereit.

Bohumil Hrabal: Ich habe den englischen König bedient
Bildrechte: Hörbuch Hamburg

Hörbuchtipp Bohumil Hrabal: Ich habe den englischen König bedient

Bohumil Hrabal: Ich habe den englischen König bedient

Ungekürzte Lesung mit Wolfram Berger
4 Audio-CDs
Hörbuch Hamburg 2008
ISBN: 978-3899038187

Bohumil Hrabal: Ich habe den englischen König bedient
Bildrechte: Suhrkamp

Buchtipp Bohumil Hrabal: Ich habe den englischen König bedient

Bohumil Hrabal: Ich habe den englischen König bedient

Taschenbuch, 300 Seiten
Suhrkamp Verlag 1990
ISBN: 978-3518382547
10,00 Euro

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