Lesezeit | 23.03. - 17.04.2020 Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

In ihrem beeindruckenden, mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichneten Erzählband widmet sich Judith Schalansky dem Verlorenen und lässt es literarisch wiederauferstehen, von den Liedern der Sappho bis zum Palast der Republik. Auf MDR KULTUR hören Sie eine ungekürzte Lesung mit Bettina Hoppe und Wolfram Koch.

Judith Schalansky, Schriftstellerin
Judith Schalansky Bildrechte: imago/Seeliger

Unsere Welt unterliegt einem steten Wandel, einem fortwährenden Kreislauf von Entstehen und Vergehen. "Im Grunde ist jedes Ding immer schon Müll, jedes Gebäude immer schon Ruine und alles Schaffen nichts als Zerstörung", schreibt Judith Schalansky im Vorwort zu ihrem "Verzeichnis einiger Verluste". In ihrem Buch begibt sie sich auf Spurensuche nach dem Verlorenen und den Leerstellen, die es hinterlässt.

Zwölf Verlustgeschichten

In zwölf Kapiteln schreibt Schalansky über Dinge, die es nicht mehr gibt, verlorene Schätze vergangener Zeiten, die als Fragment, Fossil oder in der Erinnerung überliefert sind. Ihre Texte sind so variantenreich, wie die betrachteten Gegenstände. Es geht um eine verschwundene Insel im Pazifik, den ausgestorbenen Kaspischen Tiger, die Liebeslieder der Sappho, einen verschollenen Film Friedrich Murnaus oder den abgerissenen Palast der Republik.

Die Protagonisten ihrer Geschichten sind Menschen, die gegen die Vergänglichkeit ankämpfen: ein alter Mann, der das Wissen der Menschheit in seinem Tessiner Garten hortet, ein Ruinenmaler, der die Vergangenheit erschafft oder die Schriftstellerin selbst, die in den Leerstellen ihrer eigenen Kindheit der untergegangenen DDR nachspürt.

Und wie alle Bücher sei auch dieses von dem Anliegen getrieben "etwas überleben zu lassen", schreibt Schalansky. In ihren Texten verknüpft sie akribisch recherchierte Fakten mit ausschweifender Fantasie und lässt so Verlorenes im Erzählen erfahrbar werden.

Immer fehlt etwas. Das Auge sieht, das Hirn ergänzt: Bruchstücke werden zu Bauwerken, die Taten der Toten lebendig, herrlicher und vollkommener, als sie jemals zuvor waren.

Judith Schalansky Verzeichnis einiger Verluste

Für ihr Werk wurde die Schriftstellerin 2018 mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet. Sie sei eine "Grenzgängerin zwischen Natur und Poesie, zwischen Wissenswelten und Phantasiereichen, zwischen Zählen und Erzählen" hieß es in der Jurybegründung.

Die Autorin Judith Schalansky

Judith Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign. Ihr Werk, darunter der international erfolgreiche Bestseller "Atlas der abgelegenen Inseln" sowie der Roman "Der Hals der Giraffe", ist in mehr als 20 Sprachen übersetzt und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie ist Herausgeberin der "Naturkunden" und lebt als Gestalterin und freie Schriftstellerin in Berlin.

Der Sprecherin Bettina Hoppe

Bettina Hoppe, 1974 in Nairobi geboren, absolvierte ihre Schauspielausbildung an der Universität der Künste Berlin. Engagements führte sie zunächst ans Deutsche Theater Berlin und ans Maxim-Gorki-Theater. Von 2006 bis 2009 war sie festes Ensemblemitglied an der Schaubühne Berlin, von 2009 bis 2014 am Schauspiel Frankfurt. Seit der Spielzeit 2017/18 ist sie Teil des Berliner Ensembles. Für ihre Darstellung der Cäcilie in Goethes "Stella" wurde sie 2011 für den renommierten Theaterpreis "Der Faust" nominiert.

Bettina Hoppe (Britta) während der Aufnahmen zum Hörspiel "Leere Herzen" nach dem Roman von Juli Zeh am 16.10.2017 in Halle
Bettina Hoppe Bildrechte: MDR/Thekla Harre

Neben dem Theater ist die Schauspielerin auch für Film und Fernsehen tätig. Unter anderem spielte sie in den Kinofilmen "Baader" (2002) und Mogadishu (2008), hatte Auftritte im Tatort, in SOKO Wismar und SOKO Köln. Beim MDR hat sie in den Hörspielen "Deutschlandgerät" (2014) von Ingo Schulze und "Leere Herzen" (2017) nach dem Roman von Juli Zeh mitgewirkt.

Der Sprecher Wolfram Koch

Wolfram Koch wurde 1962 in Paris geboren. Schon als Dreizehnjähriger hatte er in der Romanverfilmung "Ansichten eines Clowns" sein Kinodebüt. 1983 bis 1986 besuchte er die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Erste Engagements führten ihn an die Freie Volksbühne, das Schiller-Theater Berlin und an das Schauspiel Frankfurt. Von 1995 bis 2000 war er festes Ensemblemitglied am Schauspielhaus Bochum. Seitdem arbeitet er frei u. a. am Schauspiel Frankfurt, an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und am Deutschen Theater in Berlin.

Wolfram Koch
Wolfram Koch Bildrechte: MDR/Stephan Flad

Neben der Theaterarbeit ist Wolfram Koch in zahlreichen Fernseh- und Kinoproduktionen zu sehen, so z. B. als Frankfurter Tatort-Kommissar. 2017 wurde er für den Fernsehfilm "Dead Man Working" mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Außerdem ist Wolfram Koch ein gefragter Hörbuchsprecher. Beim MDR hat er u. a. in den Hörspielen "Last Exit to El Paso" (2018) nach dem gleichnamigen Roman von Fritz Rudolf Fries und "Domino" (2012) von Christoph Buggert mitgewirkt.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Lesezeit
"Verzeichnis einiger Verluste" (18 Folgen)
Von Judith Schalansky

Es lesen: Bettina Hoppe und Wolfram Koch

Regie: Clarisse Cossais
Produktion: RBB/Der Audio Verlag 2018

Sendung:
23.03. - 17.04.2020 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
23.03. - 17.04.2020 | 19:05-19:35 Uhr

Die Folgen dieser Lesezeit stehen hier 28 Tage zum Hören bereit.

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste
Bildrechte: Der Audio Verlag

Hörbuchtipp Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

Ungekürzte Lesung mit Bettina Hoppe und Wolfram Koch
6 CDs, Laufzeit: 7 Stunden 38 Minuten
Der Audio Verlag 2018
ISBN: 978-3742407221

Judith Schalansky - Verzeichnis einiger Verluste
Bildrechte: Suhrkamp

Buchtipp Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

Taschenbuch: 252 Seiten
Suhrkamp Verlag 2020
ISBN: 978-3518470787
12,00 Euro

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