Der deutsche Schriftsteller Erich Kästner vor einem Bücherregal.
Erich Kästner, 1969 Bildrechte: dpa

Lesung | Zum 120. Geburtstag von Erich Kästner Erich Kästner: Das Blaue Buch

Geheimes Kriegstagebuch 1941-45

Erich Kästner (1899-1974) war einer der wenigen regimekritischen Autoren, die während der NS-Zeit nicht ins Exil gingen. Als aufmerksamer Chronist hielt er ab 1941 die Ereignisse des Kriegsalltags in einem geheimen Tagebuch fest. Zum 120. Geburtstag Erich Kästners senden wir "Das Blaue Buch" in der Lesezeit. Es liest Nico Holonics.

Der deutsche Schriftsteller Erich Kästner vor einem Bücherregal.
Erich Kästner, 1969 Bildrechte: dpa

Erich Kästner war bereits ein berühmter Schriftsteller, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Als Publizist, Lyriker, Romancier und Kinderbuchautor hatte er sich in kürzester Zeit einen Namen gemacht. "Emil und die Detektive" war 1929 erschienen, 1931 veröffentlichte er den Großstadtroman "Fabian". Sein Streifzug durchs brodelnde Berlin der späten 20er-Jahre galt den Nationalsozialisten als "entartet". Als das Buch neben einigen seiner Gedichte am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz in Flammen aufging, stand Kästner, als Einziger der verfemten Autoren, im Publikum.

Kästner, dessen Werke fortan verboten waren und der unter seinem Namen nichts veröffentlichen durfte, hätte emigrieren können. Doch anders als die meisten seiner regimekritischen Kollegen entschied er sich, in Deutschland zu bleiben. Wie viele andere hatte er anfangs wohl geglaubt, der braune Spuk sei bald wieder vorbei. Als Grund nannte Kästner nach dem Krieg immer wieder seine Rolle als Beobachter und Chronist. Ein weiterer lag in dem innigen Verhältnis zu seiner Mutter Ida, die er nicht in Deutschland zurücklassen wollte.

Mit Freunden und unter Pseudonym verfasste Kästner weiterhin Bühnenstücke und Drehbücher und durfte sogar an dem prestigeträchtigen Jubiläumsfilm "Münchhausen" (1943) mitarbeiten. Danach traf ihn ein endgültiges Berufsverbot und er musste in den letzten beiden Kriegsjahren von seinen Ersparnissen leben.

Notizen über den Kriegsalltag

Im Januar 1941 begann Erich Kästner ein geheimes Tagebuch zu führen. Dazu griff er auf ein blau eingebundenes, unbeschriftetes Buch zurück, einen sogenannten Blindband. Als ersten Eintrag notierte er:

Der Entschluss ist gefasst. Ich werde ab heute wichtige Einzelheiten des Kriegsalltags aufzeichnen. Ich will es tun, damit ich sie nicht vergesse, und bevor sie, je nachdem wie dieser Krieg ausgehen wird, mit Absicht und auch absichtslos allgemein vergessen, verändert, gedeutet oder umgedeutet sein werden.

Erich Kästner Geheimes Kriegstagebuch, 16. Januar 1941

Kästners Aufzeichnungen umfassen die Jahre 1941,1943 und 1945, verfasst in der Gabelsberger Kurzschrift. Er schreibt, zunächst beinahe täglich, dann in größeren Abständen, über das Alltagsleben in Berlin, über Bombenangriffe und Schwarzhandel. Er kommentiert die offiziellen Zeitungs- und Radiomeldungen, berichtet von Rückkehrern und Emigranten. Er notiert Nachrichten über den Kriegsverlauf, kursierende Gerüchte und politische Witze, die nur hinter vorgehaltener Hand erzählt werden.

Ein neuer Witz: Der Krieg wird wegen seines großen Erfolges verlängert.

Erich Kästner Geheimes Kriegstagebuch, 26. Januar 1941

Stoffsammlung für einen großen Roman

Kästner bleibt fast immer in der Rolle des Beobachters, der nüchtern, oft lakonisch, das Zeitgeschehen protokolliert. Seine Aufzeichnungen betrachtete er als Stoffsammlung für einen großen Roman über die NS-Zeit, den er nach dem Krieg schreiben wollte, eine Art Fortsetzung seines "Fabian" im Dritten Reich. Skizzen für dieses Romanprojekt notierte er ebenfalls im blauen Buch, das er dafür umdrehte und von der anderen Seite beschrieb.

Er versteckte sein geheimes Notizbuch zunächst in seiner 4.000 Bände umfassenden Bibliothek. Später verwahrte er es, zwischen Bankbuch und Waschbeutel, in einer Aktenmappe, die er bei Luftangriffen immer bei sich trug und brachte es so durch den Krieg.

Der letzte Eintrag seines Tagebuchs vom 29. Juli 1945 ist die Widergabe des erschütternden Berichts eines ehemaligen KZ-Häftlings namens Männe Kratz über die Verbrechen in den Vernichtungslagern. Danach brechen Kästners Aufzeichnungen abrupt ab. Der unfassbare Schrecken des Holocaust lässt ihn verstummen. Den angekündigten großen Roman über das Dritte Reich hat er nie geschrieben. "Ich merkte, dass ich es nicht konnte. Und ich merkte, dass ich’s nicht wollte.", erklärt Kästner in der Vorrede zu "Notabene 45", einer stark redigierten Fassung seiner Tagebuchaufzeichnungen von 1945, die er 15 Jahre später veröffentlichte.

Das gesamte Kriegstagebuch in seiner ursprünglichen Fassung erschien erstmal 2006 in der Reihe "Marbacher Magazine" des deutschen Literarturarchivs. 2018 wurde "Das Blaue Buch" herausgegeben vom Kästner-Experten Sven Hanuschek, in einer erweiterten und kommentierten Neuausgabe und als Hörbuch im Atrium Verlag veröffentlicht.

Über den Sprecher

Nico Holonics, geboren 1983 in Leipzig, absolvierte sein Schauspielstudium an der Hochschule der Schauspielkunst Ernst Busch Berlin. Sein erstes Engagement zog ihn 2007 ans Münchner Volkstheater. 2010 wechselte Holonics an die Münchner Kammerspiele. Für seine darstellerischen Leistungen wurde er 2010 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. Von 2012 bis 2017 war er Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt, seit der Spielzeit 2017/18 gehört er zum Berliner Ensemble.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
Zum 120. Geburtstag von Erich Kästner am 23. Februar 2019
"Das Blaue Buch"
Geheimes Kriegstagebuch 1941-45
Von Erich Kästner

Sprecher: Nico Holonics
Regie: Antonio Pellegrino
Produktion: BR 2018

Sendung:
11.02. - 28.02.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
11.02. - 28.02.2019 | 19:05-19:35 Uhr

Sie können die Folgen dieser Lesezeit hier 28 Tage lang hören.

Zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2019, 04:00 Uhr

Buch: Erich Kästner: Das Blaue Buch. Geheimes Kriegstagebuch 1941-45
Bildrechte: Atrium

Buchtipp

Buchtipp

Erich Kästner: "Das Blaue Buch"
Geheimes Kriegstagebuch 1941-45
Gebundene Ausgabe, 405 Seiten
Atrium Verlag 2018
ISBN: 978-3855350193
32,00 Euro

Hörbuch: Erich Kästner: Das Blaue Buch. Geheimes Kriegstagebuch 1941-45
Bildrechte: Atrium

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Erich Kästner: "Das Blaue Buch"
Geheimes Kriegstagebuch 1941-45
Gelesen von Nico Holonics
4 Audio-CDs; Laufzeit: 5 Stunden
Atrium Verlag 2018
ISBN: 978-3855354191
20,00 Euro

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