Lesezeit | 01.10. - 14.10.2020 Kathrin Aehnlich: Wie Frau Krause die DDR erfand

Wie war der Osten wirklich? Für die TV-Serie "Wild Ost" soll Isabella Krause Menschen finden, die authentisch über ihr Leben in der DDR erzählen. In ihrem Roman widmet sich die Leipziger Schriftstellerin Kathrin Aehnlich auf humorvolle Weise der Ost-West-Thematik und zeichnet zugleich ein detailreiches Bild vom Alltag in der DDR. Es liest Dagmar Manzel.

Isabella Krause, 49 Jahre, 1,50 Meter ist Schauspielerin. Seit Jahren schlägt sie sich als Nebendarstellerin im Film durch, arbeitet außerdem als Synchronsprecherin, Moderatorin und Animateurin im Altenheim. Da kommt ihr das Casting für eine Fernseh-Werbung gerade recht. Doch statt der gut bezahlten Rolle im TV-Spot, erhält sie einen anderen Auftrag.

DDR-Zeitzeugen gesucht

Für die Fernsehserie "Wild Ost" soll Isabella Krause zehn Ostdeutsche finden, die authentisch aus ihrem Leben erzählen. Vom Alltag in der Familie und im Betrieb, der Mangelwirtschaft und der Bevormundung durch den Staat, so der Chef der Produktionsfirma.

Für Isabella Krause sollte das leicht sein, schließlich ist sie in der DDR aufgewachsen, auch wenn sie mittelweile mehr Jahre im vereinten Deutschland verbracht hat. Sie reist nach Minkewitz, wo einst ihre Großeltern lebten. Hier trifft sie auf Menschen von früher: Kreller Melitta, die Wirtin Bahnhofskneipe, Tante Ulla, die ehemlige Kindergärtnerin und Onkel Heini, der dreißig Jahre im Kohlekraftwerk gearbeitet hat.

"Das ist doch nicht die DDR, die wir abbilden wollen."

Doch die Filmleute sind von diesen Zeitzeugen enttäuscht. Zu normal, zu unpolitisch, zu alt. Und alle wirken so zufrieden. "Das ist doch nicht die DDR, die wir abbilden wollen. Wir brauchen Konflikte!", fordert einer der Redakteure. Er will Frauen in Männerberufen sehen, Menschen, die unter dem System gelitten haben, Republikflüchtlinge, das bringe Quote. Von der Filmfirma unter Druck gesetzt, liefert Isabella schließlich auf ihre Weise die gewünschten TV-Protagonisten.

Kathrin Aehnlich setzt in ihrem humorvollen Roman den stereotypen Vorstellungen vom Osten ein vielfältigeres Bild entgegen und lässt den Alltag in vielen Facetten wieder lebendig werden. Sie erzählt vom ganz normalen Familienleben, von nicht verordneter Fröhlichkeit und kleinen Glücksmomenten.

Die größte Freude für die Großmutter aber war, wenn die Eisenkugel eine bereits vorher geschossene Lücke traf. Dann rief sie synchron mit dem Moderator: "Das war ein Durchläufer, Herr Rohr!", und klatschte dabei vor Vergnügen in die Hände. Meist fielen ihr dabei der Tippschein und der Zettel mit den sorgsam notierten Zahlen vom Schoß, und Isabella hatte das Gefühl, dass der Großmutter ein Durchläufer mehr wert war als ein Lottogewinn.

Kathrin Aehnlich Wie Frau Krause die DDR erfand
Dagmar Manzel als Clara Schumann bei der MDR-Hörspielproduktion 'Abschied am Fluss' am 15.04.2010 in Halle. 21 min
Bildrechte: MDR/Marco Prosch

MDR KULTUR - Das Radio Do 01.10.2020 06:00Uhr 20:39 min

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Die Schriftstellerin Kathrin Aehnlich

Kathrin Aehnlich wurde 1957 in Leipzig geboren. Nach dem Studium an der Ingenieurschule für Bauwesen studierte sie 1985 bis 1988 am Literaturinstitut Leipzig. Sie schrieb Hörspiele, Features und Erzählungen. Nach dem Fall der Mauer arbeitete sie als Journalistin, zunächst für die unabhängige Wochenzeitung "Die andere Zeitung". Seit 1992 ist sie fest-freie Mitarbeiterin in der Feature-Redaktion von MDR KULTUR.

Besondere Aufmerksamkeit erlangte ihr 2007 erschienener Roman "Alle sterben, auch die Löffelstöre". Er gehörte zur Pflichtlektüre für die Abschlussprüfung 2009 an baden-württembergischen Realschulen. 2013 folgte ihr Roman "Wenn die Wale an Land gehen" und 2019 "Wie Frau Krause die DDR erfand" – beides Bücher des Antje Kunstmann Verlags München. Kathrin Aehnlich lebt in Markkleeberg bei Leipzig und hat eine Tochter.

Die Schauspielerin Dagmar Manzel

Dagmar Manzel wurde 1958 in Ost-Berlin geboren. Nach dem Studium an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" war sie von 1980 bis 1983 am Staatsschauspiel Dresden engagiert. Danach wechselte sie an das Deutsche Theater Berlin, dem sie von 1983 bis 2001 angehörte. Seit 2001 arbeitet sie freischaffend.

Die Schauspielerin Dagmar Manzel bei der Produktion des Hörspiels "Gift" von Lot Vekemans im Aufnahmestudio des MDR am 19.10.2012
Dagmar Manzel Bildrechte: MDR/Andreas Wünschirs

Neben zahlreichen Film- und Fernseherfolgen mit "Schtonk!", "Der Laden" oder "Klemperer - Ein Leben in Deutschland" muss ihr besonderes Engagement als Sprecherin für Hörspiele und Lesungen erwähnt werden. Für die Lesezeit von MDR KULTUR hat sie unter anderem Kathrin Schmidts "Finito. Schwamm drüber" (2012), Christa Wolfs "Nachruf auf Lebende" (2013) und Natascha Wodins "Sie kam aus Mariupol" (2017) eingelesen.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
"Wie Frau Krause die DDR erfand" (10 Folgen)
Von Kathrin Aehnlich
Es liest: Dagmar Manzel
Produktion: MDR 2020 | Erstsendung

Sendung: 01.10. - 14.10.2020 | 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 01.10. - 14.10.2020 | 19:05-19:35 Uhr

Die Folgen dieser Lesezeit stehen hier ein Jahr zum Hören und Herunterladen bereit.

Dagmar Manzel als Clara Schumann bei der MDR-Hörspielproduktion 'Abschied am Fluss' am 15.04.2010 in Halle. 21 min
Bildrechte: MDR/Marco Prosch
Kathrin Aehlich: Wie Frau Krause die DDR erfand
Bildrechte: Verlag Antje Kunstmann

Buchtipp Kathrin Aehnlich: Wie Frau Krause die DDR erfand

Kathrin Aehnlich: Wie Frau Krause die DDR erfand

Gebundene Ausgabe,180 Seiten
Verlag Antje Kunstmann 2019
ISBN: 978-3956143168
18,00 Euro

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