Manfred Krug (M., mit Gitarre) und Ruth Hohmann (r) beim Auftritt der "Jazz-Optimisten" am 31.10.1965 in der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz.
Manfred Krug beim Auftritt der "Jazz-Optimisten" am 31.10.1965. Bei dieser Veranstaltung entstand die legendäre Aufnahme von "Die Kuh im Propeller". Bildrechte: dpa

Lesung | 08.07.–12.07.2019 Michail Soschtschenko: "Die Kuh im Propeller" und andere Prosa

In den 20er-Jahren gehörte Michail Soschtschenko (1894-1958) zu den beliebtesten Autoren der Sowjetunion. Seine Humoresken über die Tücken des sowjetischen Alltags waren ungeheuer populär. Später geriet er in die Kritik der kommunistischen Partei. Im Osten Deutschlands wurde Soschtschenko durch Manfred Krugs Aufnahme von "Die Kuh im Propeller" bekannt. Dass seine satirischen Texte nicht an Aktualität verloren haben, beweist die Auswahl dieser Lesezeit.

Manfred Krug (M., mit Gitarre) und Ruth Hohmann (r) beim Auftritt der "Jazz-Optimisten" am 31.10.1965 in der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz.
Manfred Krug beim Auftritt der "Jazz-Optimisten" am 31.10.1965. Bei dieser Veranstaltung entstand die legendäre Aufnahme von "Die Kuh im Propeller". Bildrechte: dpa

Über Michail Soschtschenko kann man lesen, dass er zeitlebens kaum gelacht haben soll. Dabei war der 1894 in St. Petersburg geborene Schriftsteller einer der beliebtesten Humoristen seines Landes. Er amüsierte seine Leser mit bissigen Geschichten über die Schwierigkeiten des kleinen Mannes im sowjetischen Alltag, attackierte Dummheit, Eigenliebe und andere menschliche Schwächen.

Trotz seiner Kritik an den Verhältnissen blieb Soschtschenko lange unbehelligt. Nach der Veröffentlichung der ersten Kapitel seines Romans "Vor Sonnenaufgang" war er heftigen Anfeindungen ausgesetzt. 1946 wurde er auf Betreiben des Parteifunktionärs Alexander Schdanow wegen "Verleumdung der sowjetischen Wirklichkeit" aus dem Schriftstellerverband der Sowjetunion ausgeschlossen. Erst nach Stalins Tod im Jahre 1953 wurde er rehabilitiert.

Michail Soschtschenko in der Lesezeit

Im Zentrum dieser speziellen Auswahl für die Lesezeit auf MDR KULTUR stehen Aufnahmen von Lesungen mit dem Schweizer Schauspieler Boris Mattèrn, die der Regisseur Walter Adler unter dem Titel "Wie mit Gabeln aufs Wasser geschrieben" für den Hörbuchverlag "hörkultur" machte und die vom "Preis der deutschen Schallplattenkritik" auf die Bestenliste des 3. Quartals 2018 gesetzt wurden.

Flankiert werden diese Prosastücke von einem Live-Mitschnitt aus dem Jahr 2000, in dem Günter Junghans (1941-2014) und Ursula Karusseit (1939-2019) Soschtschenko lesen, sowie von Produktionen aus den Studios vom BR und ORB mit Gustl Weishappel (1925-2008), Hans Jürgen Stöckerl (*1958) und Gerd Grasse (*1943).

Dass Soschtschenko Texte schrieb, deren Vortrag das Publikum aufs Äußerste zu erheitern vermögen, beweist im Finale die den ostdeutschen Hörern oft wortwörtlich bekannte Humoreske "Die Kuh im Propeller", die aus dem Munde Manfred Krugs (1937-2016) zur Legende wurde. Einige Zitate wie die Aufforderung "Agitiert nur, agitiert nur" oder "Das Flugwesen, es entwickelt sich." wurden als geflügelte Worte verwendet.

Neben den frühen Übertragungen von Grete Willinsky haben die deutschen Literaturfreunde die Bekanntschaft mit dem Werk Soschtschenkos vor allem dem Ost-Berliner Übersetzer Thomas Reschke zu verdanken. In deutscher Übersetzung erschienen sind u.a. die Satiresammlungen "Schlaf schneller, Genosse", "Der redliche Zeitgenosse", sowie der Erzählband "Wie mit Gabeln aufs Wasser geschrieben".

Der Autor Michail Soschtschenko

Michail Soschtschenko wurde 1894 in Sankt Petersburg als Sohn eines Malers und einer Schauspielerin geboren. Er begann ein Jurastudium und trat 1915 freiwillig in die zaristische Armee ein. Während des Kriegs erlitt eine Gasvergiftung mit bleibenden Herzschäden. Trotzdem kämpfte er 1918/19 auf Seiten der Roten Armee im Bürgerkrieg. Bevor er zur Literatur kam, arbeitet er unter anderem als Postbeamter, Schuster, Detektiv, Tierzüchter und Büroangestellter.

Grab und Denkmal des russischen Schriftstellers Michail Soschtschenko auf dem Friedhof von Sestrorezk bei St. Petersburg
Grab und Denkmal des russischen Schriftstellers Michail Soschtschenko auf dem Friedhof von Sestrorezk bei St. Petersburg Bildrechte: dpa

Soschtschenko war ab 1921 Mitglied beim Literatenzirkel "Serapionsbrüder" (1921-1926). Neben seine humoristischen Erzählungen schrieb er Novellen, Theaterstücke, Feuilletonartikel und Kindergeschichten. Ab Mitte der 40er-Jahre war er zahlreichen Repressionen ausgesetzt. Soschtschenko starb 1958. Da die Behörden eine Beerdigung im Ehrenabschnitt "Literatorskije mostki" des Wolkowo-Friedhofs in St. Petersburg nicht erlaubten, wurde der Schriftsteller auf dem städtischen Friedhof in Sestrorezk beigesetzt.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
"Die Kuh im Propeller" und andere Prosa
Von Michail Soschtschenko

Sendung:
08.07.–12.07.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
08.07.–12.07.2019 | 19:05-19:35 Uhr

Inhalt der einzelnen Folgen Mo, 08.07.2019 | Folge 1:
Schlaf schneller, Genosse! / Der Schauspieler / Das Bad / Der Vorfall in einer Behörde
Es lesen: Günter Junghans und Ursula Karusseit
Live-Mitschnitt einer öffentlichen Veranstaltung in der Berliner "Wabe" vom 8. Juli 2000
Produktion: OhrEule 2001

Der Beleuchter
Es liest: Hans Jürgen Stockerl
Produktion: BR 2012

Di, 09.07.2019 | Folge 2:
Bienen und Menschen / Wirtschaftliche Rechnungsführung / Der Passagier
Es liest: Boris Mattèrn
Produktion: Hörkultur Verlag AG 2018

Mi, 10.07.2019 | Folge 3:
Reize der Kultur / Wasserspiele / Spinnengewebe
Es liest: Boris Mattèrn
Produktion: Hörkultur Verlag AG 2018

Do, 11.07.2019 | Folge 4:
Die arme Lisa / Geschichte vom Brief und der Analphabetin / Abschied vom Philosophen,
Es liest: Gerd Grasse
Produktion: ORB 1994

Fr, 12.07.2019 | Folge 5:
Ein interessanter Diebstahl im Konsum / Die Geschichte von der habsüchtigen Milchfrau / Zwischenfall auf der Hochzeit
Es liest Gust Weishappel
Produktion: BR 1978

Die Kuh im Propeller
Es liest: Manfred Krug
Live-Mitschnitt aus der Kongresshalle am Alexanderplatz vom 31.10.1965
Produktion: Amiga 1965

Den Live-Mitschnitt aus Folge 1, die Folgen 2 und 3, sowie die Lesung "Die Kuh im Propellor" aus der 5. Folge dieser Lesezeit können Sie hier 30 Tage lang hören. Alle anderen Folgen können wir Ihnen aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zur Verfügung stellen. Das private Aufzeichnen von Radiobeiträgen ist jedoch zulässig. Mehr Informationen dazu finden Sie auf unserer Seite "Radiobeiträge aufnehmen mit Computer oder Smartphone".

Zuletzt aktualisiert: 01. Juli 2019, 04:00 Uhr

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Regie: Walter Adler
1 Mp3-CD, Laufzeit: 242 Minuten
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