Winfried Georg Sebald (57), Schriftsteller und Literaturwissenschaftler
W.G. Sebald (1944-2001) Bildrechte: dpa

Lesung | 01.07.–05.07.2019 W.G. Sebald: Max Ferber

W. G. Sebald (1944-2001) galt als Außenseiter der deutschen Gegenwartsliteratur. Der in England lebende Schriftsteller hatte sich in den 90er-Jahren vor allem im englischsprachigen Raum einen Namen gemacht. Er ist bekannt für seine melcholischen Prosatexte. 2001 erschien sein letzter, hochgelobter Roman "Austerlitz". Im selben Jahr starb er bei einem Autounfall im Alter von 57 Jahren. In der Lesezeit senden wir eine Autorenlesung aus seinem Erzählband "Die Ausgewanderten".

Winfried Georg Sebald (57), Schriftsteller und Literaturwissenschaftler
W.G. Sebald (1944-2001) Bildrechte: dpa

W. G. Sebald war Anfang 40, als er mit dem Schreiben begann, um sich "einen Freiraum im Alltag zu schaffen." 1944 in Wertach im Allgäu geboren, war er nach dem Studium der Literaturwissenschaft in Freiburg und der Schweiz 1966 nach England ausgewandert. Seit 1970 lehrte er an der University of East Anglia in Norwich, wo er 1988 eine Professur für Neuere deutsche Literatur erhielt. Im selben Jahr erschien mit "Nach der Natur - Ein Elementargedicht" seine erste literarische Arbeit. Es folgten mehrere Bände erzählender Prosa, die Sebald rasch den Ruf eines Außenseiters der deutschen Gegenwartsliteratur einbrachten.

Die Ausgewanderten

Der Band "Die Ausgewanderten", erschienen 1992, versammelt vier lange Erzählungen. W.G. Sebald schildert darin die Lebens- und Leidensgeschichten vier jüdischer Männer, die aus ihrer europäischen Heimat vertrieben wurden. Sie sind dem Tod zwar entkommen, können sich jedoch in der Fremde nicht einfinden und zerbrechen im Alter am Schmerz über die Vergangenheit.

Aus Gesprächen und Erinnerungen, Tagebüchern, Fotos sowie Recherchen an Schauplätzen setzt der Ich-Erzähler die Porträts seiner Figuren zusammen. Dabei verbindet er auf eigentümliche Weise Authentisches mit Erfundenem, lässt Fakten und Fiktion fließend ineinander übergehen. Susan Sonntag, eine wichtige Förderin Sebalds, schrieb über "Die Ausgewanderten":

Ich kenne kein Buch, das mehr über das komplexe Schicksal vermittelt, ein Europäer am Ende der europäischen Zivilisation gewesen zu sein.

Susan Sonntag über "Die Ausgewanderten"

In der vierten Erzählung "Max Ferber" steht das Schicksal eines Malers und Zeichners im Mittelpunkt, den der Autor bei seinen Erkundungstouren durch Manchester Ende der 60er-Jahre zufällig kennenlernt. In einem staubigen Atelier auf einem alten Fabrikgelände arbeitet Max Ferber zehn Stunden am Tag. Bei der Verfertigung seiner Bilder trägt er Farben in großen Mengen auf die Leinwand auf und kratzt sie dann wieder herunter, die Linien seiner Zeichnungen verwischt er und überdeckt sie mit neuen Entwürfen.

In der Tat dachte ich mir oft, wenn ich Ferber über Wochen hinweg an einer seiner Porträtstudien arbeiten sah, es ginge ihm vorab um die Vermehrung des Staubs. […] Es wunderte mich immer wieder, wie Ferber gegen Ende eines Arbeitstages aus den wenigen der Vernichtung entgangenen Linien und Schatten ein Bildnis großer Unmittelbarkeit zusammenbrachte.

Die Geschichte der Herkunft Max Ferbers erfährt der Ich-Erzähler erst viele Jahre später, als er zufällig einen Bericht über den inzwischen erfolgreichen Maler in der Beilage einer Sonntagszeitung liest. Der Sohn eines jüdischen Kunsthändlers war 1939 von München mit einem durch Bestechung erwirkten Visum nach England geschickt worden, seine Eltern wurden deportiert und kamen in der Nähe von Riga ums Leben.

Der Erzähler beschließt, den Maler noch einmal in Manchester aufzusuchen. Max Ferber erzählt ihm von seiner Kindheit in Deutschland, an die er sich allerdings nur schlecht erinnern kann, von Aufmärschen und Prozessionen nach 1933 und dem Schweigen der Eltern, von seiner Abreise und der Ankunft in England. Unfähig, sie ein weiteres Mal zu lesen, übergibt Ferber dem Erzähler die Aufzeichnungen seiner Mutter Luise Lanzmann, in denen sie von ihrer Kindheit und Jugend im Dorf Steinach erzählt. Mit dem Bericht der Mutter lässt Sebald das jüdische Leben der Vergangenheit noch einmal aufleuchten. In starkem Kontrast dazu steht der Besuch des Autors im Bad Kissingen der Gegenwart, wo letzte Spuren jüdischer Geschichte dem Verfall preisgegeben werden.

Bei den Figuren in Sebalds Erzählungen handelt es sich häufig um Literarisierungen realer Personen. Max Ferber hat nach Auskunft des Autors zwei Vorbilder: Einen ehemaligen Vermieter in Manchester und einen bekannten Künstler. In der Erstausgabe hieß die Figur Max Aurach. Nach einer Beschwerde des betreffenden Malers wurde sie in der englischen Version und späteren Ausgaben in Max Ferber umbenannt.

Der Autor W.G. Sebald

W. G. Sebald, geboren am 18. Mai 1944 in Wertach im Allgäu, lebte seit 1970 im ostenglischen Norwich, wo er als Dozent für Neuere Deutsche Literatur an der Universität lehrte. Neben seiner umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit begann er Ende der 80er-Jahre eigene literarische Texte zu veröffentlichen. Zu seinen bekannten Werken gehören die Prosabände "Schwindel. Gefühle", "Die Ringe des Saturn", "Die Ausgewanderten" und der Roman "Austerlitz", sowie der Nachlassband "Campo Santo". W. G. Sebald wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Mörike-Preis, dem Heinrich-Böll-Preis und dem Joseph-Breitbach-Preis. Er starb am 14. Dezember 2001 in Norfolk, England.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
"Max Ferber" (5 Folgen)
Von W.G. Sebald

Es liest der Autor.
Produktion: Hessischer Rundfunk 2000

Sendung:
01.07. – 05.07.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
01.07. – 05.07.2019 | 19:05-19:35 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 01. Juli 2019, 04:00 Uhr

Buchcover: W. G. Sebald liest aus  "Die Ausgewanderten".
Bildrechte: Hanser Verlag

Buchtipp W.G. Sebald: Die Ausgewanderten

W.G. Sebald: Die Ausgewanderten

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Carl Hanser Verlag 2013
ISBN: 978-3446243835
24,90 Euro

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