Landtagswahl Sachsen Kommt genug Kultur auf dem Land an?

Wenn abends kein Bus mehr fährt, kann ein Theaterbesuch im ländlichen Raum schwierig werden. Wie wollen die Parteien erreichen, dass Kultur für alle Menschen in Sachsen zugänglich ist? MDR KULTUR mit einem Blick auf die Vorstellungen von CDU, SPD, AfD, Linke, Grüne und FDP zur Landtagswahl in Sachsen.

Maik Teschner Naturbuehne Maxen
"Der Zauberer von Oz" auf der Naturbühne Maxen: Hier lebt die Kultur im ländlichen Raum auf. Bildrechte: MDR/Daniel Förster

Ein Blick auf die letzten fünf Jahre

Wie gelangt die Kultur zu den Menschen? Und wie gelangen die Menschen zur Kultur? Diese Fragen rund ums Thema Mobilität stehen derzeit in Sachsen im Mittelpunkt, wenn es um Kultur auf dem Land geht. Denn was nutzt eine tolle Theateraufführung in der Kreisstadt, wenn kein Bus abends um 22 Uhr noch die Nachbargemeinden anfährt, um alle Theaterbesucher ohne Auto nach Hause zu bringen? Und könnte es nicht möglich sein, dass Ausstellungen oder Theateraufführungen öfter mal raus aufs Land versetzt werden, als es derzeit passiert?

Problem erkannt

In den vergangenen Monaten ist hier bereits einiges in Bewegung geraten. So hat der Kreis Mittelsachsen etwa gerade erst beschlossen, künftig mehr Busse in den Abendstunden zwischen Chemnitz und Penig fahren zu lassen, dasselbe gilt für die Verbindung Freiberg-Döbeln. Auf der anderen Seite will sich das Museum der bildenden Künste Leipzig im September aus der gewohnten Großstadtumgebung herausbewegen und in der Gemeinde Thallwitz ein provisorisches Quartier beziehen. Weitere Orte im Landkreis Leipzig sollen folgen.

Im vergangenen Herbst hat die sächsische Landesregierung außerdem ein Konzept für "Kulturelle Kinder- und Jugendbildung" verabschiedet, das die Herstellung von Teilhabegerechtigkeit in den Fokus nimmt: Kinder und Jugendliche auch jenseits der Großstädte sollen die Museen, Theater, Kulturzentren und Künstler erreichen können, um so Gefühlen des Abgehängtseins und der Perspektivlosigkeit entgegen zu steuern. Ganz konkret wurden mit dem Konzept Gelder für Fahrtkosten bereit gestellt.

Die Förderstruktur funktioniert

Was das grundsätzliche Kulturangebot in den ländlichen Regionen Sachsens angeht, so zeigten sich viele lokale Akteure in den vergangenen Jahren weitgehend zufrieden. Denn aufgrund des Kulturraumgesetzes genießen auch die ländlichen Kulturräume in Sachsen bei der Finanzierung der lokalen Angebote große Autonomie: Sie können selbst entscheiden, was sie an Bibliotheken, Theatern, Musikschulen und Orchestern haben wollen. Vom Freistaat kommt lediglich die finanzielle Unterstützung (die zuletzt auch stark aufgestockt wurde).

Fraglich ist, ob wieder mehr Kritik aus den ländlichen Kulturräumen kommt, wenn die finanziellen Zuwendungen des Freistaats nicht mehr so üppig ausfallen wie in den letzten Jahren. Außerdem könnte es in den kommenden Jahren Diskussionen zur thematischen Verteilung der Gelder geben: Gerade wird der Begriff "Kultur" in manchen Kulturräumen sehr weit gefasst, es profitieren beispielsweise auch Zoos und Tierparks.

Stichwort Kulturraumgesetz

Das sächsische Kulturraumgesetz gilt seit 1994. Mit dem Gesetz wird neben der staatlichen und der kommunalen Kulturförderung die Unterstützung von Einrichtungen und Projekten von regionaler Bedeutung geregelt. Regional bedeutsame Einrichtungen und Maßnahmen werden gemeinsam durch die Sitzgemeinde, den Kulturraum und den Freistaat Sachsen finanziert. Den Rahmen bildet ein sächsischer Kulturlastenausgleich. Die Fachöffentlichkeit wird an den kulturpolitischen Förderentscheidungen über die Kulturbeiräte der Kulturräume beteiligt. Die ländlichen Kulturräume sind: Vogtland-Zwickau, Erzgebirge-Mittelsachsen, Leipziger Raum, Meißen-Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Oberlausitz-Niederschlesien. Die urbanen Räume sind die Städte Dresden, Leipzig, Chemnitz.

Die Positionen der Parteien im Überblick

SPD-Logo auf Würfeln
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

SPD Die SPD will die Finanzierung von Fahrtkosten für kulturelle Bildungsabgebote für Kinder und Jugendliche dauerhaft im Haushalt verankern. Außerdem setzt sie in ihrem Wahlprogramm auf eine vielfältige Kulturpolitik: "So unterschiedlich, wie die Lebenswelt und die Traditionen in den sächsischen Regionen sind, so unterschiedlich sind auch die kulturpolitischen Akzente, die es zu setzen gilt. Die Förderung von Kultur ist für uns deshalb mit einem klaren Bekenntnis zu kultureller Vielfalt und Interkulturalität verbunden." Die kulturpolitische Sprecherin Hanka Kliese erklärt zudem: "Die Zusammenarbeit mit dem Verkehrsministerium muss künftig eine wichtige Rolle spielen. Wir wollen den Öffentlichen Nahverkehr stärken, um Erreichbarkeit zu ermöglichen."

Bündnis 90/Die Grünen Die Maxime der Grünen ist laut der kulturpolitischen Sprecherin Claudia Maicher, dass "möglichst viele Menschen ohne große Hürden an Kultur teilnehmen und sie mitgestalten sollen." Gerade auf dem Land brauche es mehr Räume für Kultur: "Hier müssen Möglichkeiten geschaffen werden, dass Menschen zusammen kommen. Zu Lesungen, Ausstellungen, unterschiedlichen Formaten." Dafür brauche man mehr Mittel im Kulturraumgesetz, so Maicher.

AfD Die kulturpolitische Sprecherin Karin Wilke erklärt: "Es muss Angebote für jeden geben. Auch Spielorte, die man kreativ sich suchen sollte. Wenn das Publikum nicht zu den kleinen Kulturinstitutionen kommt, sollten diese auch zum Publikum gehen, sich um ihr Publikum bemühen." Grundsätzlich muss laut Wilke die Vertreibung des Lebens aus der Fläche gestoppt werden. Das Land könne auch kulturelle Avantgarde sein, etwa wenn alte Dreiseitenhöfe wieder belebt würden.

Die Linke Die Linke will, dass alle Menschen in Sachsen am kulturellen Leben teilhaben können und die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln kein Problem mehr darstellt. Der ÖPNV im ländlichen Raum soll deswegen laut Wahlprogramm ausgebaut werden. Musikschulen sollen in der Fläche erhalten und gefördert werden. Das Spektrum der Fördermöglichkeiten im Kulturbereich soll zudem erweitert werden: "Manchmal benötigen Menschen, die ein Projekt realisieren wollen, einfach nur eine geeignete Räumlichkeit. Deshalb wollen wir, neben der finanziellen Absicherung durch institutionelle oder projektbezogene Förderung, z. B. verstärkt landeseigene und kommunale Liegenschaften und Gebäude, die keiner Verwendung unterliegen, umwidmen und (...) zur Verfügung stellen." Hierfür will die Linke den Kommunen die notwendigen Landesmittel zur Verfügung stellen.

CDU-Logo
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CDU Die CDU fordert in ihrem Wahlprogramm, dass kulturelle Einrichtungen gut erreichbar sein müssen: "Kultur genießen zu können, darf nicht vom Wohnort abhängig sein." Die Christdemokraten wollen deswegen sowohl die Mobilität der Besucher als auch die der Angebote unterstützen. Ein zusätzliches Förderprogramm soll die Verwirklichung von lokalen kulturellen Ideen im ländlichen Raum erleichtern. Ehrenamtliches Engagement im Kulturbereich soll durch gute Beratungsstrukturen unterstützt werden.

Der Entwurf für das neue FDP-Logos besteht aus drei Farben: Blau, Gelb und Magenta.
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FDP Geht es nach der FDP, so soll sich das Kulturraumgesetz viel stärker für neue kulturelle Angebote in Sachsen öffnen: "Dabei sprechen wir uns ausdrücklich für den Erhalt der kulturellen Angebote im ländlichen Raum aus." Laut dem kulturpolitischen Sprecher Nico Tippelt müssten die Kommunen zudem finanziell stärker ausgestattet werden, um Kultur zu ermöglichen: "Außerdem sollte den dortigen Entscheidungsträgern immer wieder klar gemacht werden, dass Kultur in Sachsen Pflichtaufgabe ist."

Landtagswahl Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. August 2019 | 17:10 Uhr

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