Gruppe von Musikern posiert für ein Foto.
Die Berliner Band "Herbst in Peking" um Sänger Rex Joswig schrieb mit "Bakschischrepublik" den Soundtrack zum Untergang der DDR. Der Song wurde durch die Kassette populär – auf Vinyl erschien er erst, als schon alles vorbei war. Bildrechte: imago/BRIGANI-ART

Von "Herbst in Peking" bis zur "Knut Balz Formation" Kassetten in der DDR: Subkultur per Postversand

Die Musik der sogenannten "Anderen Bands" wurde in der DDR auf Magnetbandkassetten vertrieben. Natürlich nicht in den Schallplattenläden, sondern unter der Hand auf Konzerten, Ausstellungen oder im Postversand. Autor und Moderator Stefan Maelck war früher selbst Teil dieser Szene. Ein persönlicher Rückblick.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR

Gruppe von Musikern posiert für ein Foto.
Die Berliner Band "Herbst in Peking" um Sänger Rex Joswig schrieb mit "Bakschischrepublik" den Soundtrack zum Untergang der DDR. Der Song wurde durch die Kassette populär – auf Vinyl erschien er erst, als schon alles vorbei war. Bildrechte: imago/BRIGANI-ART

Es ist mittlerweile schon vierzig Jahre her: Ab 1979 kamen in der DDR die ersten selbstproduzierten Kassetten in Umlauf, meist zum Preis für um die 20 Mark, abhängig unter anderem davon wie aufwendig sich die Produktion des Booklets gestaltet hatte. Denn neben den Musikern waren bildende Künstler Teil der damaligen Kassettenkultur. So entstand geradezu ein eigenes Biotop, in dem die Verhältnisse verlacht wurden, Poeten und Regisseure gehörten ebenfalls dazu.

Ausstellungen, Konzerte und Lesungen fanden in privaten Wohnungen statt und waren, wenn man zu den Informierten gehörte, doch halböffentlich. Geld wurde nicht verdient, aber Haltung wurde postuliert, man fühlte sich, wie man damals sagte, in Grenzen wohl – die DDR bot sehr viel Reibungsfläche und viele rieben sich, mehr als man mitunter im Zuge der jeweiligen Jubiläums-Kollektiv-Verklärung glauben mag, die dann gern Aufarbeitung genannt wird.

Ganz unterschiedliche Lebensläufe

Heute dienen die Kassetten – so man sie noch hat – dem Überprüfen der damaligen Impulse vermittels des Erinnerns eines Lebensgefühls. Ein bisschen gemahnt diese ganze Szene an den letzten Ausläufer von Dada. Viele der damals kaum 20-jährigen sind Untergrund geblieben oder früh gestorben, wie Aljoscha von der Band Feeling B oder der hallesche Dichter Baader-Holst.

Plötzlich war alles anders

Christian Flake Lorenz
Christian "Flake" Lorenz, Keyboarder bei Rammstein. Bildrechte: imago/Kai Horstmann

Andere dagegen wurden im vereinigten Land auch "offiziell" erfolgreich, wie die Dichter Elke Erb und Uwe Kolbe, oder die Malerin Conny Schleime. Carsten Nicolai, Olaf Bender, Ronald und Robert Lippok, Bernd Jestram oder Flake Lorenz eroberten mit dem Label Raster-Noton oder Gruppen wie Tarwater, To Rococo Rot und Rammstein die weite Welt. Die Akteure bewegten sich quer durch die Genres, passend zu den damals vorherrschenden Wechselwirkungsprozessen, bei denen Musiker aus dem Punk-Umfeld mit Szeneliteraten, Super-8-Filmern oder performativ bildenden Künstlern kooperierten. Der einzige Tonträger war nach wie vor die Kassette.

Erinnerungen auf 180 Seiten

Aufgearbeitet wurde diese komplexe Szene, zu der auch die Dichter Bert Papenfuß und Peter Wawerzinek, Bands wie Ornament & Verbrechen, AG Geige, Die Freunde der italienischen Oper oder Die Zucht gehörten, in dem Buch "Spannung.Leistung.Widerstand – Magnetbanduntergrund DDR 1979 -1990". Das Buch von Ronald Galenza und Alexander Pehleman erinnert an multimediale Inszenierungen von A New Affair und Off Ground, an Radiosendungen wie Parocktikum und Grenzpzunkt Null, an eine Kultur mit selbstproduzierten Kassetten und hektografierten Literaturzeitschriften.

Cornelia Schleime, o.T. (aus: Horizontebilder), 1985-1986, Mischtechnik auf Japanpapier auf Flies, 140x140cm, Sammlung Leo Lippold
Cornelia Schleime, o.T. (aus: Horizontebilder), 1985-1986, Mischtechnik auf Japanpapier auf Flies, 140x140cm, Sammlung Leo Lippold Bildrechte: Cornelia Schleime, Foto: InGestalt/Michael Ehritt

Erschienen ist es 2006 und seit Langem vergriffen, also genauso ein Objekt der Sammler-Begierde wie die alten Kassetten. Dem Buch liegen zwei CDs mit Tondokumenten aus vielen der Kassetten bei, die damals in Stückzahlen zwischen 20 und 200 im Umlauf waren und natürlich weiter kopiert wurden. Unter anderem sind hier Künstler wie Teurer denn je oder die Magdalene Keibel Combo vertreten.

Die Kassette als Kunst

Spannend an dieser Szene war auch, dass hier weniger Umstürzler oder Konterrevolutionäre, wie sie in der DDR gern genannt wurden, als vielmehr Künstler und Kulturschaffende am Werk waren. Künstler, die sich an den bestehenden Verhältnissen abarbeiten, diese als Material nutzen wollten und dafür Wege und Möglichkeiten für Aufführung und Vertrieb erfanden, die selbst schon Teil der Inszenierung, Teil des Gesamtkunstwerks waren.

Natürlich ging es auch um Spass und Lärm und alles, was im weitesten Sinne mit Rock 'n' Roll zu tun hat. Und um Verweigerung. Aber genau diese sollte nicht – wie bei so vielen DDR-Bürgern – zur Agonie führen, sondern viel mehr zum Aufruhr zur Liebe, wie sich eine Band nannte. All das spielte sich ab in einem Blechdosen-Biotop, von dem der Dichter und Musiker Mario Persch von der Band Expander des Fortschritts (auch damals zunächst auf Kassette) in Bezug auf den Rest der Welt damals sagte: "Wir können uns schon ein Bild machen, wir sind nur noch nicht mit drauf."

Subkultur in der DDR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 06. November 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2019, 12:01 Uhr