Kalter Krieg Gedenkstätte Marienborn: neue Dauerausstellung macht DDR-Geschichte lebendig

Am Freitag öffnet in der ehemaligen Grenzübergangsstelle Marienborn eine neue Dauerausstellung. Marienborn, 40 Kilometer westlich von Magdeburg, war ein Nadelöhr des Kalten Krieges. Hier wurde der Verkehr von und nach Westberlin kontrolliert – auf Ost- wie auf West-Seite. In Marienborn treffen Weltpolitik, Erinnerungen und Heimatgeschichte zusammen. Wird die neue Ausstellung diesem Anspruch gerecht?

In den Gedenkstätte Marienborn feiern viele Personen das 30-jährige Mauerfall-Jubiläum. 4 min
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Für Ostdeutsche war Marienborn ein Unort – es sei denn, man gehörte zu den rund eintausend Beschäftigten der Grenzübergangsstelle. Wer als Unbefugter auch nur im Umkreis aufgegriffen wurde, hatte mit harten Konsequenzen zu rechnen .Gedenkstättenchef Sven Sachenbacher erinnert sich: "Früher kannte man in der Region nur den Lichtschein des Geländes – das war sehr markant, wie man schon von weitem gesehen hat: Da ist was Helles." Heute sei die Gedenkstätte Marienborn aber ein Ort, zu dem Sachsen-Anhalter als ehemalige DDR-Bürger kaum Bezugspunkte hätten.

Neue Generationen interessieren sich für die deutsch-deutsche Geschichte

Doch in den letzten Jahren zeigte sich bei den Besuchergruppen ein Generationenwechsel. Denn diejenigen, die mit einer unmittelbaren Erinnerung in die Gedenkstätte kommen, werden weniger. Das bestätigt Sven Sachenbacher: "Es kommen zunehmend mehr Menschen, die keinen direkten Bezug mehr zu diesem Ort haben, weil sie zu jung sind. Und ein nicht unerheblicher Teil unserer Besucher sind Schulklassen." Also muss die Erinnerung immer wieder befragt werden, und die neue Dauerausstellung trägt dem nun Rechnung. 

Verlassener, ehemaliger Grenzkontrollpunkt Marienborn-Helmstedt.
Der ehemalige Grenzkontrollpunkt ist weitgehend erhalten. Bildrechte: IMAGO

Der unscheinbare Ort Marienborn war in allen militärischen Handbüchern des Kalten Krieges verzeichnet. Denn der Systemriss, der Europa trennte, hatte hier einen schmalen Durchlass. Die Ausstellung beginnt mit dieser europäischen Dimension und blickt dann auf die konkreten Folgen vor Ort. Kai Langer, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt: "Wir switchen zwischen den verschiedenen Ebenen, um die verschiedenen Perspektiven auf diesen Ort einzufangen."

Wichtig sei auch, zu zeigen, was auf der westdeutschen Seite geschehen sei, so Langer: "Das war in der vorherigen Ausstellung eine Leerstelle, jetzt ergibt sich ein vollständiges Bild der Region."

Denn nicht nur die DDR betrieb hier Grenzkontrollen, sondern auch die Bundesrepublik. Durch Marienborn mussten alle, die mit dem Auto nach Westberlin wollten. Pro Jahr waren das mehrere Millionen Fahrzeuge. Doch statt eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz präsentierte sich hier ein preußisch bürokratischer Obrigkeitsstaat.

Viele Interviews mit Zeitzeugen

Das allerdings war wohl den Umständen geschuldet, sagt Kai Langer: "Man hatte durchaus Angst vor der Willkür der Kontrolleure, die eigentlich aber nicht angehalten waren, besonders unfreundlich zu sein. Sie sollten sachlich agieren und haben sich so verhalten, wie es ihnen eingebläut wurde, nämlich sich korrekt zu verhalten. Aber immer mit dem Feindbild im Hinterkopf, jeder Kontrollierte ist eigentlich ein Gegner des Sozialismus."

Orte der besondere Orte: Ehemaliger Grenzübergang Marienborn
Der ehemalige Grenzübergang heute Bildrechte: MDR JUMP

Um diese Erinnerungen nicht nur in trockenen Textmassen zu konservieren, setzt die Ausstellung sehr stark auf Interviews mit Zeitzeugen. So gelingt es, den Einbruch der Weltpolitik in das private Leben nachvollziehbar zu machen. Denn die Grenze trennte ja nicht nur Ideologien, sondern auch Familien und hatte Folgen für nahezu alle Lebensbereiche.

Die Bereitschaft, darüber zu reden, sei in den letzten Jahren deutlich gewachsen, sagt Kai Langer: "Gerade ältere Leute wollen aus ihrem Leben berichten, Erfahrungen weitergeben und sind interessiert, ihre persönliche Sicht einzubringen." Das mache man sich in der Ausstellung zunutze.

Auch Selbstschussanlagen zu sehen

Die Geschichte schreiben immer die Sieger, das ist ein geflügeltes Wort. Doch mit ideologischen Bewertungen hält sich die Ausstellung eher zurück. Dennoch – der Ort ist eine Gedenkstätte und kein Museum. Mit Blick auf die ausgestellten Minen und Selbstschussanlagen stellt sich die Frage: Ist das ein ostdeutsches Gruselkabinett?

Der Gedenkstättenchef kennt die Debatte: "Also bei Gedenkstätten gibt es generell die Gefahr, solche Gruselkabinette zu errichten, weil sie ja oft düstere Orte mit einer schlimmen Wirkungsgeschichte sind. Marienborn ist insofern ein Sonderfall, weil es eine Gedenkstäte mit Happy End ist. Das hat man sehr selten, und deshalb ist man hier pädagogisch ein wenig freier als anderswo." Man könnte auch sagen: etwas unverkrampfter. Das ist mit der neuen Dauerausstellung tatsächlich gelungen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Juli 2020 | 07:10 Uhr